Ein junger Mann steht einsam auf einer Landstraße. Nur mit einem Beutel voller Kleidungwartet er auf etwas. Man kann die Leere regelrecht spüren, die auf dieser langen Straße herrscht auf der nur alle paar Stunden ein Auto vorbeifährt. Es kommen Fragen auf wie „Was ist an der Straße so besonders?". Die Antwort: Nichts! Es ist einfach nur eine Straße, die die Mentalität eines Jugendlichen, ja vielleicht sogar einer ganzen Generation versinnbildlichen soll. Man ist einfach nur einer unter vielen, aber doch ist jeder einzigartig.
Solche Botschaften, die den Zuseher zum Denken anregen kommen sehr häufig im Film vor. Gus van Sant verpackt so gekonnt Lebensweisheiten in seinen Filmen, wie es kaum ein anderer kann. Wie schon zuvor in ‚Drugstore Cowboys‘ handelt auch ‚My private Idaho‘ von Selbstfindung, Freundschaft und der inneren Leere unter der die Jugend der späten 80er und der 90er zu leiden hatten. Doch trotz der Tatsache, dass van Sant die damals gefragtesten Jungschauspieler (Keanu Reeves und River Phoenix) überschritt er nie die Linie des Experimentellen zum Mainstream.
Bildtechnisch ist man ja schon einiges von Gus van Sant gewöhnt. Er blendet in seinen Filmen Texttafeln ein, stoppt auch mal das Bild und zeigt nur einen farbigen Hintergrund, und so weiter. Böse Zungen mögen behaupten, dies entstand aus Ideenlosigkeit. Die wahre Erklärung ist sowohl simpel als auch sehr effektiv. Dem Seher wird nach längeren Sequenzen einfach die Möglichkeit gegeben sich zu entspannen und den Film zu verarbeiten. Ansonsten sieht man Roadmovie-typisch lange Kamerafahrten aus weiter Entfernung, hier hätte man noch etwas ausbauen können und die Mimik der beiden Hauptdarsteller etwas besser integrieren können.
Die Schauspieler rund um den verstorbenen River Phoenix spielen ihre Rollen sehr gut. Phoenix, der den unter Schlafstörungen und Ohnmachtsanfällen leidenden Obdachlosen Mike spielt, entfaltet sich einfach prächtig. Ebenso die Darstellung von Keanu Reeves, der den reichen Aussteiger und Bürgermeistersohn Scotty spielt ist sehr überzeugend. Die beiden fangen die Atmosphäre des Straßenstriches und der damaligen Lebensverhältnisse authentisch ein. Außerdem wurde ihr Ruf als Charakterdarsteller durch den Film gefestigt.
Der Roadmovie über zwei jugendliche Stricher, die mit der Zeit eine intensive Freundschaft aufbauen ist sicherlich nicht jedermanns Geschmack. Aber das waren wohl noch nie van Sants Ambitionen, einen Film für den Mainstream zu machen. Trotz des relativ niedrigen Bekanntheitsgrades schaffte es der Film über die Jahre hinweg eine beachtliche Schar an Fans und Anhängern anzusammeln. Mein Prädikat dazu: Anschauen und sich selbst eine Meinung bilden. Denn etwas anderes bleibt einem bei einem derart kontroversen Film nicht übrig.