"Memento" dürfte sowohl von der Idee als auch von der Konzeption sowie von der Konstruktion einer der einfallsreichsten und besten Filme des Jahres 2001 sein. Vom Stil her in das Thrillergenre einzuordnen, schlägt er den Zuschauer von der ersten Minute an in seinen Bann und verlangt dabei höchste Konzentration, um dem Geschehen auf Leinwand oder Bildschirm überhaupt folgen zu können. Das wird den Betrachter zwar stark beanspruchen, jedoch wird er am Ende mit einer überraschenden und noch dazu höchst spekulativen Auflösung belohnt, die diesen Film für die wenigen, die sich daran herantrauen, zu DEM Erlebnis seit langem machen.
Der Film behandelt im Grunde höchst gewöhnlich, die Jagd eines Ex-Polizisten auf den Mörder seiner Frau. Der Clou bei der Sache: sein Kurzzeitgedächtnis löscht sich von selbst alle paar Minuten, so daß er lediglich bis zur Zeit seines Unfalls Erinnerungen an sein früheres Leben besitzt und sich alles Neue und damit auch sämtliche Details der Mörderjagd auf seinen Körper tätowieren muß, damit er sie nicht vergißt. Trotzdem sind bei jeder Begutachtung alle Einzelheiten, auch die Tatsache, daß ein Mord geschehen ist, immer wieder neu für ihn.
Das Hauptproblem dabei ist, daß man den Film nicht linear, also nacheinander erzählen kann, was bei der Auflösung deutlich wird, sondern ihn häppchenweise (also alle "klaren" Momente) RÜCKWÄRTS erzählen muß. Der Film beginnt also mit der Ermordung des Täters und führt den Zuschauer dann Stück für Stück zurück, um zu zeigen, wie es dazu gekommen ist. Die Erinnerungsteilchen reichen jeweils bis zum Beginn des Letztgezeigten und so fort.
Es wäre ein wahres Verbrechen, mehr über den Inhalt dieses Films zu verraten, denn die Spannung der Verfolgung ist absolut erforderlich, um den Reiz nicht zu zerstören. Spannungsfördernd sind dabei die verschiedenen Fotos, die unser Held bei sich trägt und deren Bildunterschriften ebenfalls im Laufe der Handlung sich als mehrdeutig erweisen. Nichts ist also, wie es scheint und selbst als sich alles geklärt zu haben scheint, dreht der Film in den letzten Minuten und präsentiert einen "Sixth Sense"-ähnlichen Plot-Twist (allerdings ohne alles Übernatürliches), der sämtliche Gewißheiten über den Haufen wirft.
Guy Pierce (bekannt aus L.A.Confidential) ist hier endlich mal wieder in einer zwingenden Rolle zu sehen, die jedoch diversen Zwängen unterworfen ist, wobei sich der Charakter auch nur stückweise entblättert. Nebenbei sind die Matrix-Veteranen Carrie-Ann Moss und Joe Pantoliano die wesentlich undurchsichtigeren Charaktere, die mit jeder Erinnerungssequenz neue Überraschungen bereithalten.
Wer nach der Ansicht gewisse geistige Erschöpfungszustände feststellt oder einfach geschafft ist, wird bezeugen können, daß er in den Bann dieses Films geraten ist, ein Unikat, daß Hollywood nur selten hervorbringt.
Ansicht ist für Filmfans absolute Pflicht, wenn der Film seinen Kult vermutlich erst auf Video auslösen wird.
Problem dabei nur, daß nach einem Durchlauf keine Überraschungen mehr auf einen warten und eine Zweitansicht sich auf die filmische Konstruktion beziehen wird, die erst einmal erforscht sein will.
DIE Wundertüte schlechthin: 8,5/10.