"Wenn wir zu lange reden vergesse ich womit wir angefangen haben und das nächste Mal werde ich mich an diese Unterhaltung nicht erinnern."
Was bedeuten Erinnerungen und wie sind sie einzuordnen? Dieses zentrale Thema beinhaltet das faszinierende, kunstvoll verschachtelte Film-Noir-Puzzle "Memento“ und erzählt hautnah sowie mit unkonventionellen Mitteln die Geschichte eines Mannes ohne Gedächtnis auf Mördersuche.
Seit Leonard Shelby (Guy Pearce) von einem Einbrecher niedergeschlagen wurde und seine Frau vergewaltigt und getötet wurde, sinnt er auf Rache. Der Vollzug seiner Gelüste wird ihm allerdings durch den Verlust des Kurzzeitgedächtnis erschwert. Seit dem Einbruch kann er keine neuen Informationen dauerhaft in seinem Gehirn abspeichern. Nach nur wenigen Minuten hat er vergessen, was er gerade zuvor getan hat. So verlässt er sich auf ein System von Notizzetteln, Fotos sowie Tatoos auf der Suche nach Vergeltung. Auf seiner Suche nach dem Mörder trifft er auf Teddy (Joe Pantoliano) und Natalie (Carrie Anne Moss), deren Gesinnung er aus seinen selbst erfassten Fakten ließt, ohne wirklich zu erkennen welche Rolle sie auf seiner Jagd spielen.
Der Film beginnt mit dem Ende der Handlung. Die ersten Minuten laufen konsequent rückwärts. Ein Polaroid wird geschüttelt und verblaßt, verschwindet in der Kamera. Die Kugel einer Waffe wird aus dem Kopf eines Mannes geschleudert und verschwindet im Lauf der Waffe. Ab diesem Zeitpunkt beginnt der Film mit einer episodenhaften Rückwärtserzählung der Ereignisse, nicht minder verwirend wie das Intro.
Nolan präsentiert einen Thriller der in einer chronologisch erzählten Form sicherlich funktionieren würde, jedoch weit weniger spektakulär wäre als in vorliegender Form. In kleinen Etappen von unterschiedlich langen Episoden breitet sich die Handlung aus. Der Clou: Der jeweilige Anfang einer Episode ist das Ende einer noch folgenden Episode. Das Ende der jeweiligen Episode hängt sich an den Anfang einer bereits gesehenen an. Unterbrochen wird diese erzählweise von einer schwarz-weiß gehaltenen vergangenen Handlungsebene, die ebenfalls episodenhaft aber in chronologischer Folge erzählt wird. Am Ende des Films finden beide Handlungsebenen zusammen und bilden die Mitte der eigentlichen Geschichte.
Dies klingt nun so, als wäre ein Spannungsfaktor nicht gegeben, weiß man doch schon im voraus was später passieren wird. "Memento" legt es aber nicht darauf an die Spannungsschraube auf die Auflösung und Hinrichtung eines Mörders zu legen, sondern auf den Hintergrund, wie es überhaupt dazu kommt und welche Rolle seine Figuren in seinem tödlichen Spiel spielen. Somit platzt am Ende des Films und somit in der Mitte der Handlung die eigentliche Bombe durch eine perfide Auflösung.
"Memento" ist kein knalliges Effekt-Kino sondern unkonventionelles Handlungskino. Es fordert zu jeder Zeit hundertprozentige Konzentration vom Zuschauer ab, denn jedes Detail passt auf seine eigene kuriose Weise in das dargelegte Handlungspuzzle. Zum völligen Verständnis ist es sinnvoll den Film mehrere Male zu sehen, da beim ersten sehen die Zusammenhänge der Ereignisse nicht völligst erfassbar sind. Selbst beim dritten sehen fallen weitere Details ins Auge.
Die Erzählweise des Films ist gewöhnungsbedürftig, stellt jedoch ein passendes Abbild des Protagonisten dar. Der Zuschauer ist zu Beginn jedes Abschnitts genauso verwirrt wie der Protagonist selbst. Dadurch ist der Krankheitszustand der Figur stets greifbar und dessen Orientierungslosigkeit verständlich. Besser könnte ein Bezug zu einer gedächtnislosen Figur garnicht hergestellt werden.
Technisch ist "Memento" ordentlich, von dem Übergang von schwarz-weiß in Farbe abgesehen zu keinem Zeitpunkt mit sonderlichen visuellen Höhen bestückt, dafür ansprechend mit sanfter Musik untermalt. Dies hebt besonders die entliehenen Elemente aus dem Drama-Genre heraus.
Guy Pearce ("Bedtime Stories", "The Time Machine") spielt den besessenen Leonard mit ruhiger Überzeugung. Von Szene zu Szene ergründet er seine Figur neu, strahlt dabei Verletzlichkeit, aber auch die nötige Härte aus, die er auf seinem Kreuzzug braucht, um glaubhaft zu sein.
Besonderen Support bekommt er durch den charismatischen Joe Pantoliano ("Daredevil", "Matrix"), der mit seinem Charakter weit mehr überzeugen kann als die eher zurückhaltende Carrie-Anne Moss ("Disturbia", "Matrix"-Reihe).
Jenseits des konventionellen Hollywood-Kinos bietet "Memento" eine ungewöhnlich experimentell inszenierte Geschichte, die zu jeder Zeit auf höchstem Niveau zu fesseln weiß. Völligst ohne Effektfeuerwerk und mit nur wenigen echten Höhen beeindruckt der Independent-Thriller durch ein figurennah erzähltes Szenario mit einem herausragenden Hauptdarsteller und einem, in der Mitte der Handlung befindlichen, Abschluss der richtig reinhaut. Nichts für Freunde des puren Unterhaltungskinos sondern die Herausforderung schlechthin für echte Kopfnuss-Puristen.
10 / 10