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Mit „Der zerrissene Vorhang“ setzte Alfred Hitchcock seine Reihe von sehr diskutablen Spätwerken fort – sein viertletzter Film ist eine Agentengeschichte, die allerdings wieder einmal das Thema nur als Aufhänger für den Plot benutzt, um wieder einmal das Individuum, bzw. deren zwei in einer gefährlichen bis ausweglosen Situation zu zeigen.

In diesem Fall ist es ein amerikanisches Wissenschaftlerpärchen, dessen männlicher Teil praktisch aus dem Stegreif in die DDR emigriert, um dort ein Projekt zu vollenden, dessen Mittel man in den Staaten angeblich gekürzt hatte. Sie folgt ihm verzweifelt, um vor Ort schließlich festzustellen, daß das alles Teil eines Plans ist, um überhaupt an die Formel für das Projekt heranzukommen, was die US-Wissenschaftler selbst nicht schaffen.

Wie schon in vielen Filmen zuvor, geraten die Protagonisten bald in beklemmende Situationen, wenn sie schließlich decouvriert und in dem kommunistischen Land auf sich gestellt sind, es ist (wie öfters seit Hitchs britischen Klassikern wie „Die 39 Stufen“) ein Spiel mit der Suspense der Flucht.

„Torn Curtain“ an sich ist nicht übel aufgebaut, der Film lebt von einer dramaturgischen Drittelung, die beiden Hauptdarstellern, Paul Newman und Julie Andrews jeweils den nötigen Raum gibt, um selbst zu bestehen, bis beide im letzten Drittel auf der Flucht zusammen geführt werden – die Rettung der Ehe als Symbol für die Flucht ins „gesegnete“ Land.
Im ersten Teil darf der Zuschauer hauptsächlich alles aus Andrews Perpektive erfahren, das seltsame Verhalten ihres Mannes, die plötzliche Abreise aus Skandinavien nach Ostdeutschland, die politische Brisanz, sein Schweigen – und trotzdem folgt sie ihm wie der Zuschauer, ungläubig und verletzt.
Der zweite Teil enthüllt dann langsam die wahren Motive: Newman will sich an einen berühmten Forscher heranmachen und dessen Formel in Erfahrung bringen, muß dazu aber einen hartnäckigen Stasimann loswerden, der ihm solange im Nacken sitzt, bis er ihn umbringen muß, was sich als schwieriges Unternehmen erweist.
Nachdem das Unternehmen dann mehr recht als schlecht gelungen ist und die Informationen im Besitz des Paares sind, gehört das letzte Drittel der Flucht durch die DDR, unterstützt von zahlreichen Helfern und behindert durch ein Heer von Denunzianten.

Man könnte „Der zerrissene Vorhang“ wirklich als ein munteres Zitatepotpourri sehen, ein Vermischung von Erfolgsformeln und guten Plotideen – aber Hitchcock ist mit diesem Film eindeutig ein bißchen in die Jahre gekommen. Den Suspense hat er eigentlich noch recht gut im Griff, aber der Film an sich steckt voller trauriger Macken, die einem heute den Spaß vergällen, ganz im Gegensatz zu 30 Jahre älteren Werken.

Mäßig ist vor allem die Schauspielerwahl – während Andrews sich noch halbwegs behaupten kann (es fehlt ihr aber der nötige Glanz der sonst aus gewissen sexuellen Motiven ausgewählten Darstellerinnen), ist Newman hier eine absolute Fehlbesetzung. Der Method-Actor vertieft sich dermaßen in seine Rolle, das er praktisch versteinert. Schon an sich wirkt Newmans gutaussehende Erscheinung nicht so recht zu einem Raketenwissenschaftler, aber das Skript läßt ihn dann lange nur stumme Blicke verteilen, die aber in der Summe eher hölzern daherkommen. Und sobald der Einsatz läuft, wirkt Newman in seiner gewünschten Emotionalität des Normalos im Agentengeschäft meistens wie ein hilfloser kleiner Junge, der sich zunehmend von seiner Frau helfen lassen muß, Passivität als letztes Mittel.

Das ist insofern schade, als daß man gerade in Deutschland den Film mit sehr viel Vergnügen sehen kann, bietet er doch eine Reihe von namhaften deutschen Schauspielern auf wie Hansjörg Felmy, Günter Strack und in der Rolle des fiesen kleinen Stasiteufels im Knautschledermantel Wolfgang Kieling, der herablassend seine Slangausdrücke an Newman testet. Kieling launige Darstellung macht überdies deutlich, wie unbefriedigend wirklich Newman emotionalisiert tiefe Performance wirklich ist.

Der zweite zentrale Schwachpunkt ist das recht miese Drehbuch – die Storykonstellation ist an sich in Ordnung, die Darstellung der Verlorenen in der DDR ist es nicht. Natürlich war die Stasi allgegenwärtig, aber Hitchcock zaubert hier ein dermaßen militärisch durchorganisiertes Land, daß die Filmnazis nicht weit davon entfernt sind.
Die Bürger teilen sich fast ausnahmslos in geheime Widerstandsgruppen oder Denunzianten auf, die linientreu sofort und jeden an die Regierung verraten. Das ganze lange Finale ist eine endlose Flucht und die ist zunehmend albern bis peinlich. Ein gefakter Linienbus mit Hilfspassagieren, der ständig in Militärkontrollen gerät; ein Kontrolle die sofort das Feuer auf Passanten aus einer MP eröffnet; ein Polin, die sich für eine Ausreisefürsprache im absoluten Overacting aufopfert, das wirkt alles mit Gewalt dramatisiert und mehr als übertrieben.

Darüber hinaus hinkt der Film sehr stark auf der technischen Seite – mal abgesehen von der berühmten Erklär- und Versöhnungsszene in einem Park, bei dem man über dem gemalten Hintergrund die Mikros sehen kann, ist der Film manchmal so deutlich im Studio entstanden, daß es schon peinlich ist. Die Rückprojektionen bei der Busflucht sind furchtbar und warum bei dem Agentenaustausch auf dem Land (also eine nicht unbedingt europäische Landschaft, ein simpler Acker) in der Totalen das Feld zu sehen ist und für die Dialogszene auf dem Trecker eine miese Rückpro ist auch schlecht zu erklären.

Da nützen auch die spannensten Momente nichts, wie etwa der Mord an Stasi Gromek, der notgedrungen in absoluter Stille geschehen muß, in einem spartanischen Bauernhaus. Das Opfer, im Gefühl der Überlegenheit, ruft nicht nach Hilfe und die „Helden“ (Newman und eine Kontaktperson) müssen sehen, wie sie den groben Kerl endlich in die nächste Welt befördern, mit Küchenmesser, Bratpfanne und Gasherd, was wirklich und wahrhaftig im Gedächtnis bleibt – besonders überzeugend konstruiert ist das aber trotzdem nicht.
Zu viele hilfsbereite arme Seelen bleiben hier im Film auf der Strecke, damit das nette Ami-Pärchen über die Grenze kann, die das Gleichgewicht der Kräfte herstellen wollen – den Menschen muß geholfen werden, sagt Andrews irgendwann einmal angesicht des vielen dick aufgetragenen Leids, doch sobald die Flucht geglückt ist, zelebriert der Film nur noch die Einheit der geretteten Ehe und den Sieg des Guten, da war sogar der Patriotismus im „Auslandskorrespondent“ noch gerechtfertigter.

Das Seherlebnis aus heutiger Sicht mag damit noch recht interessant in Betracht des Zeitkolorits zu sein, aber alles in allem ist das eine schludrige und sehr „westlich gefärbte“ Produktion, die zahlreiche technische und dramaturgische Nachlässigkeiten mit sich herumschleppt – so ungern ich das zugebe, aber dieser Hitchcock ist sub par. (4/10)

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