Es gibt immer noch was zu entdecken, was eigentlich all die Jahren offen vor einem liegt, aber aus irgendwelchen Gründen stets übersehen wird.
Das gilt auch für das mehr als detailliert beackerte Oeuvre von Westernlegende John Wayne, der so viele denkwürdige Western und Kriegsfilme absolviert hat, wie seine eigene republikanische Existenz kontrovers diskutiert wurde.
Und zweimal trat auch der übergroße Star des Westerns gegen ein neues übergroßes Format des in Bedrängnis geratenen Kinos an: Cinerama. War „How the West was won“ noch ein fünfteiliger Episodenfilm, in dem der Duke nur in einer der Episoden auftrat, kam „Circus World“ schon viel eher auf ihn zugeschnitten daher.
Heute führt der Film ein Schattendasein in der Filmografie Waynes, was sicher auch an seinen Defiziten und an seinem kommerziellen Misserfolg lag.
„Circus World“ war das Prestigeprojekt des ins Schlingern geratenen Produzenten Samuel Bronston und sollte dessen Karriere retten, schließlich war das aufwändige Projektionsformat ein enormer Eyecatcher, obwohl seine größte Zeit eigentlich schon vorbei war.
Für Wayne war die übergroße Rolle des typisch großmäuligen Zirkusbesitzers zwar untypisch, aber der Film verbindet ständig den Zirkus mit der um 1900 ebenso populären Wildwestshow, so dass Wayne auch in seinem gewohnten Outfit auftreten und schießen darf. Nur dort hat er wohl auch seine Wurzeln, denn außer der Leitung hat er im Zirkus nichts zu tun, sogar die Ankündigungen macht ein professioneller Ausrufer.
Im Kern ist Henry Hathaways Film dann aber auch ein simples Gefühlsdrama, dass mit einigen Schauwerten bemüht aufgemotzt wurde: der Nachhall eines Selbstmord- und Ehebruchsdramas der Vergangenheit wirft seine Schatten in die Gegenwart, als ein erwachsen werdendes Kind (Claudia Cardinale spielt jünger, als sie tatsächlich war) wieder in Kontakt mit ihrer wahren Mutter kommen soll, die sich in den Alkohol flüchtete (gespielt von einer deutlich angejahrten Rita Hayworth).
Nebenbei betreiben die Macher noch ein bißchen Show und Katastrophenfilm, präsentieren ausgedehnte Zirkusnummern und schaffen dann Schauwerte, indem sie die Truppe zweimal fast in die ultimative Katastrophe führen.
Das sind dann auch die herausragensten Sequenzen des ganzen Films, nämlich das Kentern des großen Transportschiffes in einem spanischen Hafen, als sich alle Passagiere wegen eines Seiltanzunfalls gleichzeitig zum Gaffen auf eine Seite der Reling bewegen und schließlich der unvermeidliche Zeltbrand am Ende, der teilweise spektakulär, teilweise sehr ruppig und mit schlechten Hintergründen inszeniert wurde.
Derlei technische Schwächen sind leider nicht die Ausnahme, sondern die Regel bei diesem Spektakel, dass ungefähr 9 Millionen Dollar gekostet hat, was für die damalige Zeit eine mehr als beachtliche Investition war. Miese Rückprojektionen verfolgen den Zuschauer, wo er steht und geht, sei es nun bei den Wildwestshows während der Postkutschenfahrten oder bei einer improvisierten Verfolgungsjagd auf dem Champs-Elysées.
Viel entscheidender für den kommerziellen Genickbruch war allerdings, dass der Film nicht das Spektakel liefert, dass er eigentlich verspricht. Für wirklich aufregende Akrobatiknummern nimmt sich der Film nicht genügend Zeit, eine Dressurnummer ist recht riskant, aber nicht wirklich atemberaubend, eine Clownerie mit Seiltanz ist da schon ein Highlight. Wenn am Ende Mutter und Tochter endlich in die Lüfte klettern, dann endet das in einem Wettbewerb um einhändige Überschläge aus eigener Kraft am Seil, was mehr eine Athletikübung, denn Akrobatik ist. Natürlich kann der Film keine tatsächlich in der Flugakrobatik geschulten Darsteller mit Cardinale und Hayworth bieten, so wie es z.B. Burt Lancaster in der Lage war in anderen Zirkusfilmen, aber dürftig ist das Ergebnis dann schon irgendwie.
Zwar bietet Cinerama ein unheimlich breites Bild mit enormer Tiefenwirkung, unterstützt durch einige malerische Schauplätze in Europa, aber das sind dann wieder nur Hintergründe ohne Erzählfunktion.
Was man gar nicht denken mag: Wayne ist gut, wenn er mit der Hayworth endlich mal an der Gefühlsschraube drehen darf (oder sogar ganz allein in sich geht), ist aber sonst leider bei voller Rumpeligkeit total in seinem Element, agiert als strenger Übervater; macht seinen möglichen Teilhaber und Schwiegersohn unfair rund und kickt als Witz kleinwüchsige Akteure. Am wohlsten fühlt er sich offenbar, wenn er Anweisungen brüllen darf, vergisst dabei aber sein eigentlich gutes ruhiges Charisma.
Leider hat der Film sonst darstellerisch nicht so viel zu bieten: Cardinale muss ihr Zirkusvögelchen als abergläubige Comedy-Farce anlegen; Hayworth kommt erst in der zweiten Hälfte mit soviel Alkoholiker-Gravitas, dass beinahe der Film kippt und das Herzblättchen Steve McCabe wird leider von dem ultimativ blassen John Smith dargestellt, der so unauffällig wie sein Name agiert.
Natürlich, wer Zirkusfilme liebt, wird auch hier etwas finden, aber die Elemente wollen sich hier einfach nicht spektakulär miteinander verbinden, auch wenn die Ausstattung enorm delektabel ist. An „The Big Circus“, „The Greatest Show on Earth“ oder „Trapeze“ kommt er jedenfalls nicht heran. (5/10)