Bis zum 26.April 1986 war mir nicht bewusst, dass es so etwas wie einen atomaren Supergau überhaupt gibt. Doch dann kam die Katastrophe von Tschernobyl und ich sollte als unbedarfter Elfjähriger möglichst nicht mehr draußen spielen, vor allem nicht im Regen…
20 Jahre ist das nun her, ein trauriges Jubiläum. Passend zu diesem Anlass kommt mit „Die Wolke“ ein Film aus Deutschland, - ausgerechnet, denn die Diskussionen um den Atomausstieg sind nach wie vor aktuell…
Deutschland, Nordhessen: Der ganz normale Schulalltag der 16jährigen Hannah wird jäh unterbrochen, als mitten in einer Arbeit ABC-Alarm ertönt. Dabei waren sie und Elmar sich gerade erst näher gekommen, doch während der Flucht vor der radioaktiven Wolke verliert man sich aus den Augen. Erst einige Monate später sehen sich die beiden wieder, doch nichts ist mehr, wie es einmal war.
Wenn ich so die erste halbe Stunde betrachte, hat das weitestgehend meine Erwartungen erfüllt.
Ziehen sich die ersten Minuten noch zäh, belanglos und typisch deutsch, wirken diese umso effektiver, als die Massenpanik ausbricht und die Bevölkerung versucht, aus den kontaminierten Gebieten zu fliehen.
Hier finden sich auch die besten Szenen im Film, wenn Menschenmassen verzweifelt versuchen, Platz im Zug zu finden, gegen die Polizei gepöbelt wird, weil Straßen gesperrt werden oder lange Autokarawanen sich den Weg ins unverseuchte Gebiet bahnen.
Eine gewisse Endzeitstimmung kommt sogar auf, als Hannah mit ihrem kleinen Bruder per Fahrrad über Feldwege flüchtet und auf einem menschenleeren Dorfplatz ein paar Kühe umherirren.
Es hätte ein richtig guter Film werden können, doch als Hannah sich ihrem Schicksal theatralisch ergibt und sich in den radioaktiv verseuchten Regen legt, um kurz darauf in einem Sanatorium aufzuwachen, bricht der Film gnadenlos ein.
Nachfolgend muß man sich mit einer oberflächlichen und austauschbaren Teenie-Romanze herumschlagen, die zu keiner Zeit ansprechend ist oder gar mitreißt. Da nimmt man es mit den Latenzzeiten des Krankheitsausbruches nicht so genau und eine Glatze bei Hannah soll offenbar auf Schilddrüsenkrebs hinweisen. Die sich anbahnende Liebe zwischen ihr und Elmar wurde kaum auf den Zuschauer übertragen, schon riskiert dieser todesmutig und aufopferungsvoll die eigene Kontamination. Die ganz große Liebe hält eben auch den schlimmsten Schicksalsschlägen stand, das wissen wir spätestens seit „Titanic“, worauf die letzten Szenen im Film deutlich hinweisen.
Und der atomare Fallout? Der wird mit ein paar Nachrichtenbildern im Fernsehen abgehandelt und verkommt zu einer nicht weiter reflektierten Randerscheinung. Nur ein paar Zeilen vorm Abspann sollen noch einmal zum Nachdenken anregen, was die Story aber in der letzten Stunde komplett versäumt.
Den Darstellern ist daraus kein Vorwurf zu machen, vor allem Paula Kalenberg spielt die Rolle der Hannah sehr überzeugend und kraftvoll. Aber die inkonsequente Umsetzung des brisanten Themas schmälert auch diesen positiven Eindruck.
Handwerklich ist der Streifen ganz passabel ausgefallen, was während der Passagen von Flucht deutlich wird, aber eine tragische und klischeebeladene Liebesgeschichte auf Soap-Niveau wirkt da leider vollkommen deplatziert und lässt die ansprechende erste Hälfte fast vergessen machen. Wieder einmal…Schade!
4 von 10 Punkten