Da lag' die Laudatio auf den Orson Welles des modernen Thrillers bereits fertig in der Schublade - nur um nach dem Kinobesuch etwas bedröppelt dann doch noch einen neuen Kommentar aufzusetzen...
Ich war mir so sicher, dass Alexander Aja nach seinem extrem stilsicher konzipierten "Haute Tension" keine ähnlich gelagerte Story versauen konnte - und dann versaut ausgerechnet die Story meinen Jungen!
Devot hält sich Aja bis über die Hälfte des Films an die Vorlage von Wes Cravens '77er-Original und dackelt dabei in alle Fallstricke, die er bei HT mit großem Geschick vermieden hat. Das beginnt mit der ungelenken und überlangen Einführung von Stereotypen, bei der man sich für kein "Buh"-Klischee zu schade ist, um die Kids zu erschrecken. Apropos: zwei erwachsene Figuren werden im Remake zu zwei Teenies, die sich wegen der Baggy-Hosen auch mal gerne auf die Schnauze legen - anscheinend geht's einfach nicht mehr ohne.
In HT verzichtet Aja größtenteils auf das Definieren seiner Figuren. Der Killer pflügt sich nach einer minimalen Einführung unmotiviert durch die Familie der Heldin und der gesamte Film konzentriert sich ohne Umschweifen auf Marie und den Mörder. In "Hills..." muss der Regisseur nun mit einer kompletten Familie und einem Monster-Rudel hantieren, von denen man jedes Mitglied lediglich skizzieren kann und die einem im Grunde herzlich egal sind.
Nachdem man sich mit der Großfamilie arrangiert hat, die eigentlich nur auf ihrem Urlaubstrip die Wüste sehen wollte (da gibt's natürlich nichts schöneres als ein ehemaliges Atombomben-Testgebiet) und die radioaktiv mutierten Kannibalen in Aktion treten, findet Aja endlich zum erwarteten Niveau. Mit ungewöhnlicher Wucht entlädt der französische Regisseur bei der Mutanten-Attacke eine Lawine von Grausamkeiten, die auch den letzten Labersack im Kino nur noch Schlucken lässt. Kompromisslos, mit erschütternder Härte und brilliant inszeniert huldigt Aja dabei dem Terror-Kino der alten Schule und schafft es dabei sogar Rob Zombies Ekelpaket und aktuellem State-of-the-Art-Horror "The Devils Reject" ernsthaft Konkurrenz zu machen. Für Kenner des Originals dürfte da einiges an Wirkung verpuffen, weil man sich auch hier keine Schlenker leistet, aber beim unbedarften Publikum wird diese Sequenz ungezügelt hereinbrechen - Mission erfüllt!
Danach bekommt "Hills..." endlich etwas Fahrt, erreicht aber nie wieder diese Fallhöhe. Der Kampf wird aufgenommen und man wird in die größte Abweichung zum Klassiker geführt. Eine "Geister"-Stadt dient für einen ausgiebigen und blutigen Showdown, in denen sich Aja auch mal gerne ein paar durchaus angebrachte Western-Anspielungen gönnt, und befriedigt höchst effizient das Genre-Publikum. Es splattert, dass es nur so kracht! Es gibt nette Masken zu sehen und die katharsische Wirkung ist beachtlich - wahrscheinlich der einzige Fortschritt zum spleenigem Finale von "Haute Tension". Davon bekommt Aja dann auch leider nicht genug. Die Schlusseinstellungen sind so überdreht heroisch, dass man diese eigentlich nur noch als parodistische Einlage durchgehen lassen mag...
"Haute Tension II" ist es nicht geworden! Da war ich eindeutig zu optimistisch. Besonders in den Action-Szenen wird deutlich was möglich gewesen wäre, hätte sich Aja nicht an einem Remake verdingt. Dann bekommt man eine Ahnung vom Potential - die Kamera-Arbeit wird spannend, der Synthie-Soundtrack spielt mit Höhen und Tiefen und die Darsteller scheinen bis ans Äusserste getrieben. Aber verglichen mit HT bleibt "Hills..." ein kapitaler Rückschritt, der nur in seltenen Szenen glänzen kann. Dann erhebt er sich über den Level eines banalen Teenie-Horrors wie "Wrong Turn", aber man kann es sich nicht schönschreiben - viel unterscheidet ihn nicht. Da macht ihm Rob Zombie tatsächlich noch etwas vor...
"The Hills Have Eyes" ist durchaus guter Horror! Schnörkeloslos und rüde, inklusive verhaltener politischer Kommentare, aber zum Genre-Orson Welles reicht's einfach nicht. Dafür ist das Ding schlicht zu unoriginell...
Bleibt zu hoffen, dass die Horror-Klassiker bald abgegrast sind, so dass man statt dem ewigen Wiederkäuen mit frischen Ideen endlich mal wieder neuen Input bekommt und ein Genre ausnutzt, das in seiner Toleranz und Experimentiermöglichkeit einzigartig ist. Da wird Alexander Aja dann auch nochmal richtig auf die Kacke hauen...die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Mit viel gutem Willen noch 7/10...