Review

"High Tension" war, bevor ich "Irreversible" sah, nach langer Zeit der erste Film, an dem ich wirklich länger zu knabbern hatte. Bei derartiger Kompromisslosigkeit - nicht nur in der Darstellung, sondern auch der inhaltlichen Situationen - frage ich mich nach wie vor, wie so etwas in aufwendiger Cinemascope-Produktion überhaupt frei verfügbar sein kann. Egal, in welchem Land.

Schlimm genug, und daher mit stark gemischten Gefühlen habe ich mich in Aja's neuen "Horrorstreich" gewagt, der - u.a. laut Spiegel-Online - ein neues Zeitalter des Horrors und der Gewalt einläuten solle ...
Offensichtlich haben die zuständigen Redakteure die beiden eingangs genannten Filme noch nicht zu Gesicht bekommen. Anders ist diese Sensationsmache kaum zu erklären. Der Überfall auf den Wohnwagen überschreitet nicht im Ansatz die Grenzen des gelassen genüßlich ausgelebten Sadismusses von Noe's und Aja's anderen Filmen.

Zum Glück allerdings - denn wer das Gezeigte ungeahnt brutal findet, der hat die anderen Machwerke (noch) nicht gesehen.
Die eigentlichen Gewaltszenen kommen so eher als altmodischer Splatter daher, der "nur" die "bösen" Mutanten, durch Rache motiviert, trifft (vorsicht: Ich meine nicht, Rache solle Gewalt legitimieren - sie macht sie aber psychologisch zumindest nachvollziehbarer).

Auf Philosophie bezüglich verstärkt sadistischer Tendenzen in Produktionen der letzten Jahre soll hier aufgrund der Unwichtigkeit dieses Remakes von "Hügel der blutigen Augen" verzichtet werden.
Kritisches und Unlogisches daher nur in stichpunktartiger Kurzform (Vermischtes, viele !Spoiler!):

- Musik und viele Bildeinstellungen und -montagen zu Beginn offensichtlich von U-Turn geklaut

- viel zu lange Einführung der Charaktere; mehr als reine Klischeeinformationen erfährt der Zuschauer dabei nicht

- niemand wundert sich, warum mitten in der Wüste auf einen Schlag alle vier Reifen des Pickups platzen

- völlig durchschaubar von Beginn an, dass der große Großkalibergestützte Ex-Bulle versagt, während der spießige und pazifistische Kommerzschwächling über sich hinauswachsen wird

- obwohl kannibalistische Motive in den Vordergrund gestellt werden, wird das größte Beutestück - der Excop - zur kurzzeitigen Ablenkung auf einem plötzlich vorhandenen Scheiterhaufen am Kreuz mittels Fernzündung in Brand gesteckt

- schußwaffenlos latscht Yuppie mit Hund sprechend in die dunkle Höhle des Löwen, in der überall mit bewaffneten Mutanten gerechnet werden muß

- im Rollstuhl sitzender Sadistenmutant von Texas Chainsaw Massacre abgeguckt - dessen (verdientes?) Ableben durch den Hund geschieht nach großer Vorankündigung völlig nebensächlich im Off

- Szene mit hoffnungsloser Unterbewaffnung des Yuppies in Form eines Schraubendrehers gegenüber dem beaxten Bösewicht ist deutlich bei True Romance abgekupfert - inklusive des Spießumdrehens durch in-den-Fuß-Bohrens und anschließenden Amoklaufes

- Geschwister mutieren selbst - völlig deplaziert - zu junior-McGyvers, die für einen einzelnen, zunächst sogar gefesselten Mutanten gleich den ganzen Wohnwagen in die Luft jagen (mein Begleiter nannte das treffend "etwas unökonomisch")

- Baby-rettendes Mutantenmädchen ist der einzige Mutant, der nahezu ohne Entstellung auftritt, daher natürlich ein gutes Herz besitzen muß, und gleich überpathetisch zur Jungfrau Maria hochstilisiert wird

- gesamte Szene des vermeintlichen Erschießens des letzten Mutanten ist deutlich von "Hitcher" entliehen - während dieser in Todessehnsucht tatsächlich erschossen werden will, nimmt der Mutant das praktischerweise gleich neben ihm fallen gelassene Gewehr noch auf

Und, zu guter letzt:
- der Yuppie besitzt offensichtlich die "Sunglasses of Eternity" - ausser einem bei "Falling Down" abgekupferten Sprung im einen Brillenglas bleibt diese sogar nach den härtesten Schlägen und Stürzen bombenfest auf des Trägers Nase sitzen

Das mag alles etwas überspitzt formuliert sein, spiegelt jedoch meine Empfindungen am besten wieder. Ich war schlicht sehr schwer enttäuscht. Vielleicht mußte sich Aja den Forderungen der Studiobosse und eventuellen Ergebnissen aus Testscreenings beugen - Hollywood ist eben nicht Europa. Und schon gar nicht Frankreich.
Wenigstens ist es nicht das (Audio-) Visuelle Ausleben sadistischer Gedanken geworden, welches mit zunehmender Verbreitung meines Erachtens nach definitiv zu einer Verrohung und Abstumpfung beiträgt.

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