Review

Mit „High Tension“ eroberte Newcomer Alexandre Aja vor drei Jahren die Herzen der europäischen Horrorfans und wurde wenig später trotz der zensierten DVD-Veröffentlichung auch in Amerika gefeiert. Grund genug für Hollywood einen weiteren französischen Regisseur abzuwerben und nach Übersee zu locken, wo Altmeister Wes Craven („A Nightmare on Elm Street“, „Shocker“), der großen Erfolgen auch schon etwas länger hinterherläuft, ihn für das Remake seines eigenen „The Hills Have Eyes“ verpflichtete. Geschickt forcierte Neuigkeiten einer ultraharten NC-17-Fassung während der Post Production, die einem R-Rating weichen musste, heizten die Fans genauso weiter an, wie großspurige Ankündigungen Cravens. Das Feuer der Vorfreude war also gelegt, musste der Release nur noch halten, was die Vorschusslorbeeren so lauthals prophezeiten: Die Härte der Achtziger feiert im modernen Horrorfilm sein Comeback. „The Devil`s Rejects“ und „Hostel“ hatten ja schon vorgelegt...

In der Tat gelang Aja hier verstörendes Terrorkino im Retrolook, das sich wie kaum eine Horrorproduktion der jüngsten Vergangenheit den Konventionen des Mainstreams verschließt und trotzdem Erfolg feiert. Vielleicht war die Zeit einfach mal wieder reif für so einen so kompromisslosen Survival-Fight. Denn Ajas Hollywooddebüt konzentriert sich ohne wenn und aber auf die wesentlichen Elemente. Von der Gewaltorgie gepackte, euphorische Filmfans möchten dem Szenario von Kritik an der Bush-Administration, einem Statement zum Irak-Krieg oder einen negativen Blick auf die amerikanische Bevölkerung im Allgemeinen wieder einmal einiges unterjubeln, aber da könnte man dann auch „High Tension“ zum filmischen Ausrufezeichen des Feminismus erklären.

Konzentrieren wir uns also auf den Film selbst, den Aja mit einem stimmigen Intro von Archivmaterial diverser Atombombentests und später dadurch genetisch in Mitleidenschaft gezogener Menschen inklusives eines gewalttätigen Auftakts erst einmal vielversprechend einläutet und den flugs vereinnahmten, gebannten Zuschauer einen Vorgeschmack auf das drohende Unheil gibt.
Doch bis es dazu kommt, steht „The Hills Have Eyes“ auf wackeligen Beinen, denn das Spiel mit der Erwartungshaltung zehrt sich schneller auf, als Aja anfangs nachlegen kann.

Es sind mal wieder die üblichen stereotypen Familienmitglieder, die sich von einem Tankstellenwart mitten in der wüsten Einöde den falschen Weg zeigen lassen und geradewegs in ihr Verderben fahren, liegen bleiben und sich ihrem Schicksal stellen. Opferlämmer, die auf dem Weg zur Schlachtbank sich hinten anstellen müssen, nur minimal aneinander reiben und hirnverbrannte Entscheidungen an den Tag legen. Wer sich mitten im Nirvana nicht darüber wundert, dass nach dem Unfall gleich alle Reifen aufgeschlitzt sind und den unplanmäßigen Zwischenstopp trotz nicht absehbarer Hilfe als Camping aufzieht, den hat die Sonne wohl schon zu sehr zugesetzt. Die Identifikation fällt auch deswegen flach und Sympathien erhält die Familie auch nur aufgrund ihrer abstoßenden, ekeligen Peiniger, die von KNB mit beeindruckend phantasievollen Masken ausgestattet wurden.

Viel fällt Aja dann auch in Folge nicht ein, aber es war ja auch der schnörkellose Ablauf, der „High Tension“ zu seinem Erfolg verhalf, also müht man sich als Zuschauer eher unfreiwillig durch die Figuren, die einem sogar nichts bedeuten und gibt sich erst mal mit Andeutungen heimlicher Beobachter zufrieden, bevor der Film dann endlich in die Vollen geht, das Familiengefüge auseinander gerissen wird und das tödliche Chaos seinen Lauf nimmt. Bis dahin, und das muss man Aja nebst Stammkameramann Maxime Alexandre („The Defender“) lassen, gereicht die Kulisse zu einer unheilgeschwängerten Atmosphäre mit mahnenden Motiven (u.a. der Autofriedhof), ausgebleichten, körnigen Bildkompositionen und einer kribbeligen Anspannung, die den Kinosessel zu unruhigen Unterlage umfunktioniert. Nur die darin platzierten Figuren spielen eben nicht mit.

Und wenn es dann kommt, dann richtig. Wie erwartet, ist Aja nicht zimperlich im Umgang mit menschenverachtender, roher Gewalt, pulverisiert damit allerdings mehr als nur einmal deutlich meine Geschmacksgrenzen. Ich bin nun wirklich nicht zartbesaitet, aber vor allem diese animalischen Vergewaltigungen und die appetitzügelnden Fressorgien muss ich so wirklich nicht sehen. Als eigentümliches Mittel zum Zweck um die heutzutage abgestumpfte Horrorfraktion noch ein baffes Staunen zu entlocken, mögen vor allem diese Szenen ihren Sinn haben, gingen mir aber einfach einen deutlichen Schritt zu weit.
Nun versteift sich Aja aber immerhin nicht auf die wirklich unnötige Explizität dieser Aufnahmen, sondern setzt schon kurz danach auf einen packenden Kampf ums Überleben in Gang. Die degenerierten Mutanten dezimieren die Familie, kreuzigen sie, fackeln sie ab und verschleppen sie ohne zunächst ersichtlichen Grund. Das Fleisch ist ihr Antrieb, was später auch zu unappetitlichen Momenten führt, denn der talentierte Filmemacher geht mit seinen Freibrief unter den wachsamen Augen von Produzent Wes Craven in die Vollen und pfeift auf Konventionen. Frame für Frame ein detailfreudiges Fest der Gewalt mit spitzen und scharfen Werkzeugen in einer unmittelbaren Inszenierung, deren Umgang mit den kreischenden Figuren nie berechenbar ist.
Dazu treibt die nervenstrapazierende Musikbegleitung, soweit wie nur irgend möglich von „California Dreams“ entfernt, das Grauen voran. Die standesgemäßen Regeln werden eingehalten, womit der resolute Ex-Cop Bob (Ted Levine, „Switchback“, „Evolution“) auch früh ausscheidet und ausgerechnet der friedfertige, von Gewalt angewiderte Doug (Aaron Stanford, „X2“, Runaway“) zum Überlebenskünstler emporsteigt.

Die Handlung fällt dabei dann aus, wenn man einmal von Dougs Versuch sein entführtes Baby zu retten absieht. Stattdessen wird er filmische Terror groß geschrieben und Attacke um Attacke rollt auf den Zuschauer ein. Aufgeschlitzte Hunde sind dabei noch die frühen, harmlosesten Varianten. Erbarmungslos wird massakriert und weggeschafft, damit die Kannibalen-Tiefkühltruhe auch reichhaltig gefüllt wird. So sehr die andauernde, ausufernde Gewalt in den ersten Momenten auch noch schockiert, umso teilnahmsloser lässt das blutige Dauerfeuer in der zweiten Hälfte das Publikum zurück, als Doug den Rückzugsort der Bestien findet und, um seinen Nachwuchs zu retten, sich seinerseits mit ihnen anlegt.

Nervtötend ist eigentlich der Nebenschauplatz am Trailer, wo der Nachwuchs aushält, im Überlebenskampf improvisiert, aber unverständlich fahrlässig mit seiner knappen Munition umgeht und anstatt zielsichere Schüsse abzufeuern nur wild in der Gegend herumballert, bis die letzte Patrone verschossen ist und man die Notbremse ziehen muss. Meine Güte, wie ich diese dämlichen Teens hasse, die stets alles tun, um den Löffel abzugeben.

Derweil setzt Aja auch schon zum Schlussakkord an, vermag aber nicht auf den Überbleibseln des Atomwaffentestgebiets alle Reize auszuspielen und hetzt auf Doug noch einmal entstellte Missgeburten, deren roher, unbändiger Gewalt der schmächtige Vater aber bis auf seine Entschlossenheit nur wenig entgegenzusetzen hat, deswegen erbarmungslos die Axt walten lässt und schon Hilfe braucht, um sich zu einem, auch mittels des Scores, ironisch überspitzten Helden zu stilisieren, der er als Pazifist gar nicht sein will und doch durch seine eigenen Handlungen wurde.


Fazit:
Archaisches, intensives Horrorerlebnis, wie man es von Alexandre Aja nach „High Tension“ auch erwartet hat. Die Vorlage des Originals steht ihm im Weg, weil die Exposition, dazu noch mit wenig Profil gewinnenden Figuren, zu dramaturgisch unausgereift vor sich hin plätschert und außer halbherziger Statements nichts auszusagen hat, doch sobald er sein gebündeltes Talent entfesseln kann, entlädt er die explizit dargestellte Gewalt, wie man sie im Kino eigentlich nicht antrifft, schießt damit für meinen Geschmack aber auch zeitweise über das Ziel hinaus. Simple Unterhaltung, die sich nachhaltig einbrennt in einer für unmöglich gehaltenen Umsetzung, die sich jedoch eher an die abgestumpften Horrorfreaks richtet, die mal wieder mehr zwischen den Zeilen lesen möchten, als dort eigentlich steht. Mein Fall war es nicht.

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