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Folter und Massaker als Unterhaltung? Das Grauen das in Schockern wie dem "Texas Chainsaw Massacre" – Remake, Rob Zombies "Haus der 1000 Leichen", oder dessen Fortsetzung "The Devil’s Rejects" sowie der "Saw" – Reihe über die Leinwände flimmert, hat nämlich nichts mehr gemein mit wohlig-schaurigen Achterbahnfahrten durch das Übersinnliche. In diesen Filmen herrscht der blanke Terror, und unvorstellbare Grausamkeiten brennen sich in die Netzhaut des Betrachters.
Eine junge Frau versucht ihren noch lebenden Freund von einem Fleischerhaken zu heben und rammt bei jedem missglücktem Anlauf die Metallspitze tiefer in seinen Körper. Zwei Männer sind mit den Beinen an gegenüberliegende Wände eines Waschraums gekettet und kommen nur frei, wenn einer denn anderen tötet. Wozu sie aber zuvor ihren eigenen Fuß mit einer Säge abtrennen müssen. Eine Psychopathen-Familie massakriert auf der Flucht vor der Polizei die Mitglieder eine Country-Band und der einzigen Überlebenden das abgezogene Gesicht ihres Freundes als Maske über den Kopf. Schlimmer geht’s nicht? Oh doch.

Alexandre Ajas ultrabrutaler Mutanten-Schocker "The Hills Have Eyes" zeigt weiterhin wie Terrorkino auszusehen hat. Denn bereits in seinem Nerven zerfetzendem Debüt "High Tension" hatte der französische Ausnahmeregisseur für schwer verdauliche Panik gesorgt. Im höchst vorlagegetreuen Remake von Wes Cravens Kultklassiker "Hügel der blutigen Augen" vom Jahre 1977 lässt Alexandre Aja jetzt eine in der Wüste von New Mexico gestrandete Familie ein beispielloses Martyrium durch die deformierten Hände degenerierter, blutrünstiger Kannibalen erleiden. Und der Spruch auf dem Filmplakat "Die Glücklichen sterben zuerst" ist hier wahrlich kein leeres Versprechen.
Das Remake setzt die Story Vorlage nahezu identisch in Szene: Familie Carter, angeführt von Oberhaupt Big Bob (Ted Levine), fährt anlässlich des Hochzeittages des Ex-Polizisten und seiner Ehefrau Ethel (Kathleen Quinlan) mit dem Geländewagen an dem ein Wohnwagen dranhängt in Richtung Kalifornien. Mit an Bord sind ihre Kinder Brenda (Emilie de Ravin), Bobby (Dan Byrd) sowie ihre verheiratete Tochter Lynne (Vanessa Shaw) samt Baby und Ehemann Doug (Aaron Stanford). Als sie an einer billigen und verlassenen Tankstelle halt machen um zu tanken und nach dem bestmöglichen weiter führenden Weg zu fragen, werden sie vom Besitzer (Tom Bower) der Tankstelle reingelegt, der ihnen einen Weg beschreibt der allen Beteiligten zum blutigen Verhängnis wird. Denn mitten in der Wüste New Mexicos platzen die Reifen. Was die Gestrandeten jedoch nicht ahnen können: Ihr Unfall wurde von Mutanten, die in den Bergen leben geplant, die sich nach Atombombentests in den 50er Jahren zu kannibalischen Menschenjägern entwickelt haben.

War das Original auf Grund dramaturgischer Schwächen nur leidlich spannend ausgefallen und – an heutigen Standards gemessen – in den Gewaltdarstellungen recht zahm, zieht der junge Regisseur Alexandre Aja in diesen Bereichen tüchtig die Schrauben an, wie es sich für einen Vertreter des neuen Terror-Kinos gehört. Denn deutlich konsequenter und härter als beim Vorgänger inszenierte der Franzose in stilechter 70er-Jahre-Optik den Abgesang auf das amerikanische Familienidyll. Ein verstörendes Horror-Meisterstück von extrem boshafter Stringenz, das den Vergleich der panischen Atmosphäre mit Ajas Regiedebüt "High Tension" nicht zu scheuen braucht, aber in Sachen Gewaltdarstellungen deutlich eine Schippe drauflegt.
Da schießt sich zum Beispiel der Tankwart selber seinen Schädel durch, dem Oberhaupt der Familie Big Bob wird erst sein Kopf zertrümmert um dann vor den Augen seiner Familie bei lebendigem Leibe verbrannt zu werden. Besonders ab geht es aber dann wenn der eher ruhigere, von Waffengebrauch und Gewalt nichts haltende Doug zum Helden aufsteigt und einen Mutanten nach dem anderen niedermetzelt was das Zeug hält, was für Splatterfreunde ein wahres Fest für die Augen darstellt – der pure Wahnsinn kann ich da nur sagen.
Doch auch real-gesellschaftliche Ängste spiegeln sich in der dargestellten Geschichte wieder. Aja betont in seinem Streifen durchgehend, dass die amerikanische Vorzeigefamilie von Mutanten terrorisiert wird, für deren Entstehung die Amerikaner mit rücksichtslosen Atombombentests selbst verantwortlich sind.

Fazit: Alexandre Aja gelingt mit "The Hills Have Eyes – Hügel der blutigen Augen" das Kunststück, mehr als nur ein zeitgemäßes Remake abzuliefern: Denn sein Film ist der, den Wes Cravens wohl schon damals liebend gerne seine wollte – er ist blutrünstig, rau, extrem hart und dreckig zugleich. Es ist ein sadistischer und verstörender Schocker mit nervenauftreibender Spannung, das eine neue Dimension des Grauens darstellt. Und so kann man getrost sagen, das diese Neuauflage eine Ausnahme von der Regel bildet: Denn hier ist nicht das Remake, sondern das Original zu vernachlässigen – So ist dieser Film ein absolut geniales Stück Horror- und Splatterkino zugleich und beileibe nichts für Gemüter mit schwachen Nerven!

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