Der Slasher ist tot, es lebe der Slasher...
Durch "Scream" anno 1996 kam die Teeniehorror-Slasher-Welle in Gang und zog etliche, hunderte Nachahmer nach sich. Nachdem diese nun abebbt und nur noch selten in der Videothek wieder auftaucht, eher schlecht als recht, kommt nun eine neue Bewegung, mit ähnlichem Ablauf, auf: das oft als „Terrorkino“ titulierte Subgenre des Horrors.
2003: "Haute Tension"; 2004: "Saw"; 2005: "The Descent"; 2006: "The Hills have Eyes"…
Keine kreischenden, dämlichen Teenies (ich will das gar nicht schlecht reden, gehöre ich doch selber zur Fraktion der Betrachter), die durch dunkle Gänge immer eben den falschen dieser nehmen, um dann erdolcht, erstochen oder zersägt zu werden.
Hier steht das Überleben einer Gruppe, die von einer schier unüberwindbaren anderen Gruppe terrorisiert wird, im Mittelpunkt, meistens komplett humorlos, dafür aber böse und brutal - kompromisslos.
Und genau da wo er vor ca. 3 Jahren mit "Haute Tension" anfing, macht der Hoffnungsträger des gegenwärtigen Horrorfilms, Alexandre Aja, mit einem erstklassigen Remake des Wes Craven Klassikers "The Hills have Eyes" weiter.
Eine kleine Enttäuschung ist nach dem Überflieger von 2003 zwar zu bemerken, allerdings öffnet er die Tür für den diesjährigen Terror ein weiteres Stück, nachdem "Saw II" sie schon leicht öffnete.
Familie Carter, darunter die Eltern, Sohn Bobby (Dan Byrd), die Töchter Brenda (Emilie de Ravin; „Lost“) und Lynn (Vinessa Shaw) mit ihrem Mann Doug (Aaron Stanford) und ihrem Baby, macht einen Ausflug zum Hochzeitstag ersterer. Da Vater Bob (Ted Levine; „Evolution“) die Wüste sehen will, landen sie in eben dieser von Neumexiko, nahe eines Gebietes, das die US-Regierung in den 60ern für überirdische Atomtests missbrauchte und das nun von kannibalischen Mutanten bewohnt wird.
Sie tanken an einer kleinen, natürlich abgelegenen Tankstelle, dessen Besitzer das überflüssige Diebesgut der Mutanten an sich nimmt, da diese nur das Menschenfleisch wollen. Als er befürchtet, dass die Carters diesen Umstand herausgefunden haben, bekommt er Angst und lässt sie absichtlich direkt in ihr Revier und ihre deformierten Hände fahren.
Nach einigen Meilen werden sie auch von ihnen gestoppt und der Terror beginnt…
Schon alleine in den Anfangsminuten ist das Remake, dessen Original ich mal wieder nicht kenne, spannender als manch anderer Genrevertreter auf dem Höhepunkt. Im Pre-Titel wird uns schon die Location vorgestellt: Diese ist bestens für den Angriff der Mutanten geeignet – trostlos, verlassen, weit weg von jeglicher Zivilisation und trotz Helligkeit schwingt die ganze Zeit eine unterschwellige Bedrohung mit. Einige Physiker messen gerade die Radioaktivität in diesem abgeschiedenen Gebiet, als das erste Mal die Axt geschwungen wird. Verhältnismäßig fließt hier zwar noch kaum Blut, doch die Radikalität zeigt schon deutlich an, dass das hier kein Spaziergang wird.
Darauf folgt erst einmal das Anfangsdrittel zum Eingewöhnen, fast schon zum Entspannen, denn nun macht man Bekanntschaft mit der „Helden“familie Carter: religiös und patriotisch. Kurz bevor sich ihre Wege trennen, beten sie noch ein letztes Mal gemeinsam im Kreise der Familie, während im Hintergrund auf dem Auto eine kleine US-amerikanische Flagge im Wind weht…
Die Verhältnisse sind schnell geklärt: Bob kann seinen Schwiegersohn Doug eigentlich nicht leiden, dieser kümmert sich anstatt sich auf die verbalen Attacken des Schwiegervaters einzulassen lieber um Frau und Kind. Brenda und Bobby sind da noch nicht so weit und verteilen ebenfalls sarkastische Seitenhiebe untereinander – wie das bei Geschwistern so ist. Glücklicherweise wird abgesehen von hier und da mal auftretenden Sprüchen der beiden gänzlich auf Humor verzichtet – genauso wie in „Haute Tension“ und genauso wie dort wird dadurch nur noch die Situation der Familie verstärkt; hier gibt es absolut nichts zu lachen.
An dieser Stelle muss ich eine kleine Anekdote einführen: Wir saßen zu neunt in der Sneak – drei davon wollten den Film sehen, die anderen nicht. Diese sechs titulierten den Film nachher als „Splatter-Komödie“, da sie sich geschlossen bei jeglicher Goreszene nicht mehr einkriegen konnten und jedes Mal in schallendes Gelächter ausbrachen. Ein gutes Beispiel dafür, dass das kein Film für Weicheier ist, denn nur diese werden bei diesem Film versuchen, ihre eigene Angst durch Gelächter zu kompensieren. Alle anderen werden sich ob der angewandten Gewalt eher fragen, ob Popcorn essen wirklich das Richtige in diesem Film ist…
Wo wir auch schon die Überleitung zu dem Goregehalt hätten. Nachdem die Familie erst mal in der Wüste, irgendwo im Nirwana, festsitzt, zieht die Spannung minutiös, langsam, aber unaufhaltsam an.
Der Film lässt sich dabei in drei Teile gliedern.
Zuerst wird dem Zuschauer in der etwas zu lang geratenen Einführung am Nachmittag, während die Sonne unaufhörlich auf die Carters niederbrennt und ihnen fast den letzten Nerv raubt, sich aber bald als kleinstes Problem erweist, die Situation vorgestellt. Bobby findet zwar schon seinen aufgeschlitzten Hund, doch von den Mutanten fehlt noch jede Spur – jedenfalls solange Bobby bei Bewusstsein ist. Am Abend kehrt er, wieder wach, zum Wohnwagen zurück und auch Doug ist vor Ort, nachdem er zeitgleich mit Bob losging, um Hilfe zu holen und in einer der beeindruckendsten Szenen einen Autofriedhof in einem der Atomkrater vorfindet. Papa bleibt allerdings verschwunden, bis sich alle schlafen legen.
Vorhang auf für die Mutanten…
Von nun an gibt es kaum noch eine ruhige Minute. Und selbst in diesen ist die Angst der Carters stets präsent, da die Mutanten oft für einen Überraschungsangriff gut sind.
Die Schocksequenzen sind in diesen Momenten leider das einzige, das etwas negativ auffällt, da sie sich sehr oft nach dem Schema des Überraschungsmoments, des unerwarteten Auftauchens richten und es beim dritten Mal nicht mehr erschreckt, wenn wieder ein Schatten direkt vor der Kamera vorbeihuscht. Das haben wir schon in Filmen wie „Darkness“ gesehen.
Dennoch zuckt man leicht zusammen, was unter Umständen auch der Sounduntermalung zu verdanken ist.
Wenn es dann aber ans richtig Eingemachte geht und sie nicht nur vor der Linse rumhuschen, sondern wirklich Jagd auf die Familie betreiben, beginnt der Terror – das erste Mal direkt im heimischen, sicher geglaubten Wohnwagen.
Da wird der wartende Teil der Familie ohne Vorwarnung angegriffen. Die Mutanten schleichen sich rein und es bleibt kaum Platz alles hier niederzuschreiben, was ich auch nicht will, da man das ruhig selber erleben sollte, was für ein Schlachtfest Aja hier vorbereitet und schon jetzt zelebriert. Mit ungeheurer Brutalität wird hier schon ein Teil niedergemäht, niedergeschossen, da das Ableben hier noch durch Schusswaffen geschieht.
Erst am nächsten Morgen wird zur Axt gegriffen und Abschnitt 3 fängt an. Hier haben wir schon einen kleinen Widerspruch in sich: MORGEN und HORROR. Ich fühlte mich bisweilen ein wenig irritiert, als plötzlich wieder die Sonne schien und war gespannt, wie Aja nun noch richtige Spannung aufbauen will. Allerdings funktioniert der Film auch bei diesem Wetter und den damit verbundenen Lichtverhältnissen.
Denn von nun an wird es tatsächlich noch besser. Und nicht nur anfangs wird mit der Erwartungshaltung des Zuschauers gespielt, da der Aufenthaltsort der Kannibalen zu erst ausgemacht scheint (schönen Gruß von Neil Marshall), man ihn jedoch weit verfehlt. Und auch bei den Kannibalen zu Hause ist das Fenster nicht der einzige Weg in einen Raum hinein.
Das in der Nacht verloren gegangene Baby muss zurückgeholt werden und so macht sich einer von ihnen, ohne Namen zu nennen, um es noch spannend zu halten, auf den Weg zu ihrem Gegner, stört sie in ihrem Gebiet und sieht sich schnell einer sehr großen Familie in ihrem heruntergekommenen, morbiden, abstoßenden Heim gegenüber. Von nun an wird munter drauflosgehackt und –gestochen – wie es die Situation gerade erfordert.
Das ist der Überlebenskampf eines einzelnen gegen viele, die Frage, wo dieser die Kraft hernimmt, immer wieder aufzustehen, sollte nicht gestellt werden, hier steht das „wie“ an erster Stelle. Und genau da fährt Aja Geschütze auf, die wir lange nicht im Kino zu bestaunen bekamen. Wie die Prüfstelle hier auf „keine Jugendfreigabe“ kam und es beim geschnittenen „Haute Tension“ nur für ein „JK“ reichte, ist erstaunlich. Zimperlich geht es bei beiden nicht zu, dennoch nehmen sie sich von der Gewalt her nicht viel – ich würde „die Hügel“ fast als brutaler bezeichnen – mitunter vielleicht einen Tick zu brutal, da es äußerst heftig zu Gange geht und die Schmerzgrenze vieler erreicht werden dürfte.
Wer einen starken Magen hat und sich zu den Horrorfans zählt, kann hier ruhigen Gewissens Platz nehmen, allerdings ist das der falsche Film für den Kinoabend mit der Freundin.
Andererseits unterstützt diese herrschende Brutalität nur noch die Hoffnungslosigkeit der Situation, die alles von der Familie erfordert und sie keine Zeit damit verschwenden darf, um sich Gedanken zu machen, was sie hier eigentlich gerade anrichtet – einfach überleben, versuchen zu überleben.
Wo der Film dann noch einmal ein wenig Boden verliert, ist der Schluss. Eigentlich geht „The Hills have Eyes“ komplett in Kompromisslosigkeit unter, Gefühle gibt es nur innerhalb der einzelnen Gruppen, zwischen ihnen wird immer nur draufgehauen. Aber um dann alles Gute aus dem Film zu verbannen, fehlt etwas der Mut. Denn das Ende ist, inklusive schrecklich kitschiger Musik, zu „happy“ geraten, um dann in einem netten, aber belanglosen und bekannten Schlussgag zu enden.
Für Leute, die Cravens Original nicht kennen, dürfte der Film noch deutlich mehr Spaß machen, sofern man das so titulieren kann. Der Film ist sicherlich nichts für Zartbesaitete und brachte ca. 15 Leute nach dem nächtlichen Überfall der Mutanten und dem darin enthaltenen kleinen, ersten Gorefest dazu, die Sneakvorstellung zu verlassen. Der Blutpegel wird sich immer weiter hochschrauben und es darf gespannt in die Zukunft geblickt werden, ob uns denn noch ein Extended Cut auf DVD ereilt, zu wünschen wäre es. Die Schauspieler machen ihre Sache für das Genre soweit gut, die Effekte sind hervorragend, mit Humor wurde fast gänzlich gespart und Atmosphäre und Spannung sind auf sehr hohem Niveau. Einige Logiklücken sollten nicht weiter den HORROR-Genuss stören, da dieser nicht besonders realistisch sein kann oder muss. Alles Nötige - sprich Spannung, Blutgehalt und Atmosphäre – reicht vollkommen aus, um mit dem Film einen gelungenen Horrorabend zu verbringen, wobei er in der Summe knapp hinter „Haute Tension“ zurückbleibt. Trotzdem lässt sich schon nach Film Nr. 2 von Aja festhalten, dass wir hier den Craven der Neuzeit vor uns haben könnten. Zusammen mit Neil Marshall („Dog Soldiers“, „The Descent“) ist er der Hoffnungsträger des Horrorkinos und man darf gespannt sein, was wir in den nächsten Jahren noch erleben dürfen, ob die Gewalt ein weiteres Mal gesteigert wird oder werden kann oder beide sich vielleicht auch mal einem neuen Genre zuwendem. Irgendwann sollten sie aber wieder auf den Horror kommen. Denn mit „The Descent“, „Haute Tension“ und „The Hills have Eyes“ schufen die beiden getrennt drei der besten Filme des Genres in den vergangenen Jahren.
In leiser Vorfreude auf „Hostel“…