Reich an Geld, arm an Ideen - Hollywood im Remakerausch. Und immer schön die Talente importieren. Dann klappts auch mit dem Ideenrecycling. Oder auch nicht.
Nach dem 80er-Teenieslasher-Revival geht Hollywood nach der Jahrtausendwende noch ein weiteres Jahrzehnt in die Vergangenheit und bringt Neuverfilmungen und Interpretationen der, etwas weniger massenkompatiblen, 70er Epoche des Horrofilms in die Lichtspielhäuser. Neu verfilmt von Regisseuren, die damals kaum alt genug waren die Klassiker persönlich im Kino zu sehen. Sofern damals überhaupt schon geboren. Oftmals als schlechte Videokopie während der Pubertät goutiert. Wie der Rezensent und der Großteil des heutigen Ü20/U30-Publikums. Nun ja, es gibt schlechtere Sozialisierungen.
Puristen mögen schon längst über das Stadium des Naserümpfens hinaus sein und bei jeder neuen Oldieverwurstung (just in den Startlöchern: "Das Omen"; in Planung: "Tanz der Teufel" und mehr) mittlerweile schützende Embryonalhaltung annehmen. Wer aber als unvorbelasteter und -eingenommener Kinogänger in der Vergangenheit wagte dem eine Chance zu geben, wurde oftmals positiv überrascht.
Landsmann Marcus Nispel erwies sich als verquer genug das "Texas Chainsaw Massacre" zumindest anständig zu adaptieren, sein Ex-Werbefilmkollege Snyder überzeugte bei der noch schwierigeren Vorlage "Dawn of The Dead".
Ohne direkte Originalvorlagen, dafür überreichlich von 70er-Jahre-Referenzen des Backwood-Horrors inspiriert: der Tarantino-gepushte Eli Roth, dessen "Cabin Fever" aber die Meinungen spaltete, und Neil Marshall, der die klassischen Stilvorgaben derartig gekonnt transferierte, das "The Descent" als momentaner Maßstab gelten darf.
Nun ist Frankreichexport Alexandre Aja der Mann der eineinhalb Kinostunden. Unter Oberaufsicht von Produzent Wes Craven geht er an dessen "The Hills Have Eyes" härtemäßig 'ran wie Blücher und endet um es gleich vorweg zu nehmen, inhaltlich gesehen, beinahe wie Napoleon bei Waterloo. Dabei ist es gar nicht handwerkliches oder technisches Unvermögen. Das er es in Bildgestaltung und Timing drauf hat, bewies er in "Haute Tension". Im Gegenteil: Aja geht in seinem US-Debüt nicht nur selbstbewußt, sondern abgeklärt wie ein alter Routinier zu Werke, der schon zwei Dutzend Filme ähnlicher Machart in ebenso vielen Jahren auf dem Buckel hat. Würde in den Credits statt seines Cravens Name als Regisseur prangen, könnte man es problemlos als passable Referenz an die eigene Filmografie eines altgedienten Genreveteranen blind durchwinken. John Carpenter macht ja schon seit Jahren nichts anderes mehr. Zumal der Film auch mit sichtlich hohem Budget auf großer Leinwand optisch dreckig genug rüberkommt. Hier nimmt er dem Film mit eben dieser Mischung aus Berechnung und Professionalität paradoxerweise aber Kraft und Tempo. Szenenweise besteht eine merkwürdige Distanz des Leinwandgeschehens zum Publikum, zahlreichen close-ups zum Trotz. Zudem scheint Aja sich, den Produzenten und dem amerikanischem Publikum durch eine arge Kopflastigkeit in einer Reihe von Szenen seine eigene -europäische- Identität und Unabhängigkeit beweisen zu wollen.
Da lässt er das Redneckmädchen Ruby als Rotkäppchen durchs Bild huschen, den rechtskonservativen bibelfesten Amerikanismus kreuzigen (immerhin beste Sequenz des Streifens), um ihm anschließend das Nationalfähnchen durch die Schädeldecke zu rammen. Ähnliche Allegorien kennzeichneten schon das Original, litt zu dieser Zeit Amerika doch noch am Trauma von Vietnam und der eigenen Besiegbarkeit, das die junge Generation von Horrorfilmern wie Tobe Hooper oder eben Wes Craven zu bewältigen versuchte. Das ging es aber trotz vieler filmischen Defizite und Rohheiten spröder und subtiler vor sich als in Ajas Neufassung. Die Katharsis ließen sie unbewusst, oft auch ohne es eigentlich geplant zu haben, geschehen.
Ajas Regie bleibt hingegen ständig kontrolliert und Herr der Lage, aus dem Bauch heraus passiert gar nichts. Trotz etlicher expliziter Splatterszenen lässt er nie die Wut heraus und sich austoben wie es etwa Rob Zombie in seinen Filmen tut. Ergo kanns auch der Zuschauer nicht. Es fehlt die Unberechenbarkeit.
Schade, denn bereit dafür wäre die Cast wohl gewesen, die durchgehend fast klischeefrei agiert. Allen voran Ted Levine, der immer wieder wunderbar durch die Genres & Rollen und vom Fernsehen zum Kino und wieder zurück hüpft und sich eine Nominierung in der Kategorie "Lieblings-Nebendarsteller" mittlerweile redlich verdient hat. Und Aaron Stanford hackt sich als verzweifelter Vater durchaus glaubhaft durch die Reihen verseuchter Wüstencreeps. Desweiteren u. a. zu sehen: Robert Joy und Billy Drago. Sie alle heben den Film trotz der hüftsteifen Inszenierung doch noch knapp über durchschnittliches Niveau.
Das nächste Mal vorher bitte locker machen und nicht so viel nachdenken, Monsieur Aja.