Review

Für das 100. Review muss noch mal ein Zehner ausgepackt werden. Im Bereich Film finde ich spontan nichts, zu dem nicht schon alles gesagt wäre („Pulp Fiction“ kommt dann in Nr. 1000...). Also machen wir einen Schlenker und bewegen uns auf den TV-Serien-Bereich zu. Und schon zieht mich ein eigenwilliger Geruch in eine bestimmte Richtung.
Es ist der Geruch von... Schuhen!

Al Bundy (Ed O'Neill) ist die Quelle des Gestanks, der vor 18 Jahren seinen Ursprung nahm. Al Bundy und seine unsoziale Familie, bestehend aus „Hausfrau“ Peggy (Katey Sagal), Dumpfbacke Kelly (Christina Applegate), Jungfrau Bud (David Faustino) und Bettvorleger Buck (ein Hund), machten sich 1987 auf, um im Auftrag von Fox die Fernsehlandschaft auf den Kopf zu stellen. Ein wahrer Schock für die Sittenwächter war es, in dem sonstigen Saubermann-TV-Format (Stichwort Bill Cosby) plötzlich so ein Konzentrat von Unmoral und Unvorbildlichkeit vorzufinden. Da war eine Familie aus Egoisten, die das Musketier-Prinzip einfach umdrehte. Keiner für einen, jeder für sich, das war das Motto. Die Frau klaut dem gebeutelten Mann das hartverdiente Geld aus der Tasche, der Mann verweigert sich den ehelichen Pflichten, während sich Tochter und Sohn mit ihren Problemen stets gegenseitig ausbooten. Das genaue Gegenteil also von den üblichen Sitcom-Familien, die durch pure Menschlichkeit in problematische Situationen geraten und sich gegenseitig wieder heraushelfen. Die Bundys dagegen drücken lieber den Kopf ihres nächsten unter Wasser, um den eigenen Arsch zu retten.

Einmal mehr trifft es der Originaltitel besser als die deutsche Übersetzung: „Married with Children“, verheiratet mit Kindern, das entlarvt die vierköpfige Familie als Zwangsgemeinschaft, bei der die Kinder die Wurzel allen Übels sind. Wären Bud und Kelly nie geboren worden, hätte Als Leben wohl anders ausgesehen. So ist er der Gefangene eines sozialen Konstrukts, und gleichzeitig das Opfer seiner eigenen Identität. Nicht umsonst wird oft der Vergleich mit einer Tierdokumentation aufgeworfen, in der man sieht, wie das Alphatier den ganzen Tag unterwegs ist, um zu jagen, nur um abends heimzukehren und sich die Beute von seiner gefräßigen Familie entreißen zu lassen. Und die Ironie seines Lebens ist die: Er ist der, der arbeitet; und gleichzeitig der, den das Leben dafür bestraft.

Das Schicksal nimmt zu Beginn jeder Episode aus Al's trostlosem Leben mit dem Titelsong „Love and Marriage“ von Frank Sinatra seinen Lauf. Beinahe schon spottet und verhöhnt die von Grund auf glückliche und zufriedene Stimme Sinatras den Schuhverkäufer. Der Text handelt von seiner persönlichen Hölle, der Ehe. So war das von Sinatra eigentlich natürlich nicht intendiert, aber im Kontext der Serie wirft der Song ganz neue Facetten auf. Plötzlich ist es eine Aufforderung an Al, sich einfach dem Schicksal zu fügen, weil ein Entkommen sowieso nicht möglich ist. Entsprechend gleichgültig lässt sich Al während des Vorspanns von der ganzen Familie das Geld aus der Tasche ziehen, selbst vom Hund. Und wie es zu dieser Gleichgültigkeit kam, wird in den darauf folgenden Episoden erzählt.

Anfangs ist es ja noch einigermaßen erträglich. In den ersten Folgen hat Al noch so etwas wie einen eigenen Willen. Dann aber ziehen die neuen Nachbarn ein: Marcy, eine Emanze, wie sie im Buche steht, und der prüde Steve, erfolgreicher Bankangestellter. Steve ist völlig „entmannt“, wie Al feststellen muss, denn er mag keinen Sport. Für Al ist das ein Kapitalverbrechen. Irgendwie scheint Steve unter der Fuchtel seiner Frau zu stehen. So macht er es sich zur Aufgabe, wieder einen Mann aus Steve zu machen. Damit zerstört er das ungetrübte Eheglück der Darcys. Prompt hat Al etwas losgetreten, was er nicht wieder rückgängig machen kann: von nun an sucht Marcy ständig den Rat von Peggy und Steve den Rat von Al auf. Wollte der arme Schuhverkäufer nach der Arbeit doch einfach nur seine Ruhe haben, ist nun das Gegenteil eingetreten: die Familie ist um zwei weitere ungeliebte Mitglieder angewachsen.

Dabei sind die verzogenen Bundy-Gören schon lästig genug. Bud ist ein sexgeiler, aber in der Gunst um Frauen hoffnungslos glückloser Junge. Trotzdem setzt er alles daran, ein paar Frauen ins Bett zu bekommen. Bei der großen Schwester Kelly ist der umgekehrte Fall das Problem: sie hat ständig Dates mit irgendwelchen versifften Möchtegern-Rockern und muss ihre nymphomane Ader vor Peg und Al verbergen.
Nicht, dass die Kinder Arbeit machen würden. Gekocht, geputzt und gewaschen wird im Hause Bundy nicht. Milchkartons werden am Wasserhahn wieder aufgefüllt, zwischendurch wird von Daddys hart erarbeiteter Kohle mal eine Pizza bestellt. Peggy ist zwar eine Hausfrau, ihre Tätigkeiten beschränken sich aber auf das Fernsehen und das Leershoppen der Kreditkarte ihres Gatten. Wenn Al heimkommt, will sie Sex.
Al will aber nur seine Ruhe. Er hat zu dem Zeitpunkt immerhin schon mindestens acht Stunden lang fetten Weibern viel zu kleine Schuhe an die Hufe gedrückt. Richtige Vollblutfrauen vom Format eines Wäschekatalogmodels besuchen ihn bei der Arbeit nur selten, und wenn, hat das meistens irgendeinen Haken.
Kurzum: Al Bundy ist die ärmste Sau in ganz Chicago.

Entsprechend dieser Situation handelt es sich um tiefschwarzen Galgenhumor, der in den zahlreichen gehässigen Dialogen mit unglaublich differenziertem und pointenreichen Wortwitz vorgetragen wird. Meist haben die Gespräche zwischen Peg und Al, aber auch zwischen den Kindern oder den Darcys den Charakter eines Wortgefechts, oder wenn man so will, eines Schachspiels. Einer sagt etwas Bösartiges, der andere muss das mit einer noch bösartigeren Bemerkung kontern. Bisweilen erinnert das sehr an die Fechtduelle in „Monkey Island“ („Du kämpfst wie ein Bauer.“ „Wie passend. Du kämpfst wie eine Kuh!“).
So ist es nicht verwunderlich, dass oft sexistische Bemerkungen aufkommen. Das resultiert daraus, dass gerade in einer Debatte zwischen Ehemann und Ehefrau das Geschlecht oft das erste Angriffsziel ist, das einem in den Sinn kommt. Für Al teilt sich die Gattung Frau in eine Zwei-Klassen-Hierarchie auf: die fetten und hässlichen Weiber, und die geilen Weiber mit dicken Titten. Peg kann er dabei irgendwie nicht ganz so sehr einordnen. Sie ist halt Peg.
Und als solche weiß sie sich auch zu wehren. Auch sie betrachtet eine Gruppe von Männern als Sexobjekte (so ist sie auch Stammgast in einem Männer-Stripclub), eine andere (zu der sie wegen sexueller Frustration auch Al zählt) als impotente Versager.
Das Ganze wird durch die Anwesenheit der emanzipatorisch veranlagten Marcy noch verstärkt und in allen Farben und Formen variiert. Später gründet Al zum Beispiel mit Jefferson (Marcys neuer Mann in den späteren Staffeln, der mehr Charaktereigenschaften mit Al teilt als Steve) den „No Ma'am Club“, der sich dann der von Marcy angeführten feministischen Bewegung gegenübergestellt sieht.

Aber obwohl es oft ziemlich deftig zur Sache geht, so richtig unter die Gürtellinie wird eigentlich nie geschlagen; nur, wenn man glaubt, dass es auch verdient ist. Zum richtigen Streit kommt es erst gar nicht. Bevor die Stimmen laut werden, richtet Al seinen genervten Zitronen-Blick auf den Fernseher, steckt die Hand in seine Hose und guckt Football; oder er verzieht sich auf den einzigen Ort, an dem er König ist: aufs Klo, seine Burg und Festung, sein letztes Refugium.
Manchmal blickt sogar durch, dass Al seine Familie liebt. Das würde er zwar nie sagen, aber es zeigt sich in seinen Handlungen. Ein- oder zweimal hat er sogar die Chance, mit einer hübschen Blonden durchzubrennen, doch er tut es nie, weil er seinen roten Drachen und die Teufelsbrut, die zu Hause auf ihn wartet, tief im Herzen eben doch liebt.
Gegenüber der Außenwelt, in der die Bundys als asoziales Gesindel gelten, kommt daher auch schon einmal ein Zusammengehörigkeitsgefühl auf. Die Familienversammlungen sind Kult, und mit einem geschwungenen „WhooooooooaaaaaaaaBUNDY!!!“ wird das Ritual besiegelt, das die Spreu vom Bundy-Weizen trennt.
Der Zuschauer fühlt dann mit der Familie mit, zumal der ewige Verlierer Al wie einst Donald Duck für viele Menschen zumindest auf mancherlei Ebene eine perfekte Identifikationsfigur darstellt. Es kommt zu dem Gefühl, dass einen die ganze Welt mal kreuzweise kann, wenn man nur innerhalb der eigenen Familie glücklich sein kann.

Dass das nichts für jeden ist, sollte selbstverständlich sein. Witze über Sex und soziale Minderheiten, Gross Out-Humor, pechschwarze Satire, ja in der Summe wird fast schon das Antichristentum des guten Geschmacks aufgefahren. Die Tatsache, dass im Gegensatz zu anderen Serien auch die letzte Konsequenz besteht, das Konzept ohne versüßendes Zuckerwerk durchzuziehen (was nicht einmal die anarchischen Simpsons geschafft haben), hat das seine dazu beigetragen, dass die „schrecklich nette Familie“ zum Inbegriff des Kults geworden ist. Von der Anlage her bleibt die Sitcom um Al, den Schuhverkäufer bis heute einzigartig. Hinzu kommen unvergessliche Charaktere und ein konkurrenzlos treffender Humor, der lediglich in den letzten Staffeln etwas am Abnutzungseffekt zu nagen hatte.
Unter dem Strich ist „Married with Children“ ein im wahrsten Sinne des Wortes unvergessliches Erlebnis, das man einfach mal gesehen haben muss. Und auch, wenn man es nicht mag, muss man die Leistung anerkennen: das Gegengewicht auf der Waage der Ausgeglichenheit zu sein; das Gegengewicht zum guten Geschmack.

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