Man ist als Horrorfilmfan ja schon froh, wenn man ein Werk begutachtet, das sich nicht nur absolut vorhersehbar an den wesentlichen Plotpunkten des Genres entlanghangelt, sondern auch mal einzelne Handlungskniffe aufweist, die gegen die Konventionen gebürstet sind. Daß man mittlerweile noch etwas von A bis Z völlig Frisches und Neuartiges vorgesetzt bekommt, daran mag man als Vielseher ja schon gar nicht mehr glauben. Umso erfreulicher ist es, wenn dieser seltene Fall doch eintritt und man derart überrascht wird, daß man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt und spontan Beifall klatschen möchte.
Kinowelt brachte – sicherlich auch im Zuge des US-Remakes mit Nicolas Cage – Anfang 2009 den überall als Klassiker angepriesenen und gar als einer der besten britischen Filme bezeichneten, aber allgemein in Deutschland für die breite Masse unbekannten „The Wicker Man“ heraus (es existiert keine deutsche Synchronfassung), so daß einem die Möglichkeit gegeben wird, ihn nach knapp 40 Jahren neu zu entdecken. Man tat gut daran, denn Robin Hardys Werk verdient seine hierzulande verspätete Anerkennung.
Es ist eine bizarre Genremixtur, die Drehbuchautor Anthony Shaffer („Frenzy“) und sein Team uns hier anbieten. Letzten Endes entpuppt sich „The Wicker Man“ zwar als Horrorfilm reinsten Wassers, doch lange Zeit folgt er den Regeln eines typischen Cop-Thrillers, in dem die Hauptfigur Neil Howie (Edward Woodward) dem Verschwinden eines jungen Mädchens nachgeht und dabei auf der schottischen Insel Summerisle auf eine Mauer des Schweigens stößt: Die Bewohner weigern sich vehement, mit dem Polizisten zu kooperieren, behaupten trotz offensichtlicher Hinweise immer wieder, das Mädchen nicht zu kennen. Erst nach mehrmaligem Nachhaken lassen sie sich Informationen aus der Nase ziehen, die aber bewußt so vage gehalten werden, daß sich Howie in mühsamer Kleinstarbeit die Puzzleteile selbst zusammensetzen muß, um doch nicht wirklich schlauer zu werden. Dabei zeichnet sich jedoch frühzeitig ab, daß hier entschieden was falsch läuft und die aufgesetzte Überfreundlichkeit der Bewohner, die allesamt wie eine Familie zusammenhalten, nur Fassade ist. Gerade dadurch liegt über der kompletten Geschichte eine unheilschwangere und bedrohliche Atmosphäre, die zu keinem Zeitpunkt nachläßt – verstärkt noch dadurch, daß die Gemeinde einer Religion frönt, die dem streng christlich erzogenen Howie so fremd ist, daß er mit Unverständnis und Wut darauf reagiert: Hier werden die freie Liebe in aller Öffentlichkeit praktiziert und junge Männer in Zimmer attraktiver Frauen geschickt, der Sonnengöttin gehuldigt, nackt um ein Feuer getanzt und Hasen in menschliche Gräber gesteckt, während die örtliche Kirche und der Friedhof verwüstet daliegen.
Das Geniale dabei ist, daß man Howie zwar als Sympathieträger akzeptiert und mit ihm nur zu gern hinter das Geheimnis kommen möchte, wo das Mädchen steckt, doch er mit seinem blinden Glauben mehr als einmal Unverständnis hervorruft, insbesondere in seiner ignoranten und hochnäsigen Haltung im Gespräch mit Lord Summerisle (Christopher Lee), in dem er den besten Argumenten für die Ausübung einer solchen Religion strikt ablehnend gegenübertritt, ohne bereit zu sein, einen anderen Glauben als den seinen zuzulassen, obwohl durchaus Vorteile erkennbar sind wie die grundsätzliche Freundlichkeit und allgegenwärtige Lebensfreude der Bewohner, der sie in Liedern Ausdruck verleihen. Das Christentum wird nicht als einzig wahre Religion propagiert. Wohin das noch alles führen wird, ist zu diesem Zeitpunkt nicht abzusehen.
Völlig kalt erwischt wurde ich – und dies ist ein weiterer Punkt für seine Ungewöhnlichkeit –, als der Film nach einer guten Viertelstunde tatsächlich einen Schlenker von Mystery-Thriller hin zum Musical macht. „The Wicker Man“ scheut sich nicht davor, einige folkloristische Songs und Tänze einzubinden, die einem das Gefühl geben, hier einem ganz besonderen Ereignis beizuwohnen. Die Songs decken eine immense Bandbreite ab und wechseln von heiterem Kneipen- („The Landlord’s Daughter“) zu Kinderchor- („In the Woods There Grew a Tree“) bis hin zu betörendem Verführungsgesang („Willow's Song“), dem unbestrittenen Highlight aus musikalischer Hinsicht, bei dem eine umwerfend schöne und eine geheimnisvolle Aura umgebende (und völlig nackte!) Britt Ekland als Willow mit eindeutigen Bewegungen durch ihr Zimmer tanzt und den braven und noch jungfräulichen Polizisten zu einer Nacht mit ihr zu überreden versucht. Der Richtigkeit halber sei erwähnt, daß Ekland mit ihrem schweren Akzent synchronisiert und das Lied auch nicht von ihr gesungen wurde. Im Finale schließlich findet der berühmte mittelenglische Sommerkanon „Sumer is incumen in“ Verwendung, in dem auf meisterhafte Art und Weise die Fröhlichkeit der Bewohner, die mit Inbrunst singen und vor sich her schunkeln, und die Todesangst des Neil Howie kontrastiert werden, was sich in einem äußerst unguten Gefühl in der Magengegend des Zuschauers äußert, das bis über das Ende hinaus wirkt. Ich bin mir sicher: Ohne die Songs wäre „The Wicker Man“ ein ganz anderer Film geworden und hätte womöglich sogar einen Teil seiner Stimmung eingebüßt.
Der Schlußtwist mag heute in einer Zeit, in der böse Wendungen an der Tagesordnung sind, nur noch halb so verstörend sein wie 1973 und er läßt sich für den Filmkundigen vielleicht auch bereits im Voraus erahnen, doch ein Tiefschlag ist er dennoch, zumal der bis dahin eher das typisch britische Understatement zur Schau stellende Edward Woodward in den letzten Minuten zu unglaublicher Hochform aufläuft und echtes Mitleid provoziert, was umso bemerkenswerter ist, weil er einen Großteil seines Textes improvisierte. Eine großartige schauspielerische Leistung, die auch die von Christopher Lee in den Schatten stellt. Lee selbst scheint großen Spaß an seiner Rolle zu haben, nicht umsonst bezeichnet er den Film wohl als den besten, in dem er je mitgewirkt hätte. Seinen ruhig, bedacht und wohl artikuliert gesprochenen Dialogen möchte man am liebsten stundenlang zuhören, vor allem in den Szenen mit Woodward, in denen bei ihm stets ein leicht amüsierter Grundton mitschwingt. Auch stehen neben seinem Namen im Drehbuch die lustigen Zeilen (Howie empört: „Die Mädchen tanzen nackt!“ – Summerisle locker: „Sicher. Es ist viel zu gefährlich, mit Kleidung durchs Feuer zu springen!“) Besonders widerlich (und deshalb sollen sie hier aufgeführt sein) kommen im Nebendarstellerensemble Diane Cilento als Lehrerin Miss Rose und Lindsay Kemp als Wirt Alder MacGreagor rüber.
Hin und wieder merkt man – etwa an der etwas holprig anmutenden Schnittarbeit und den mitunter kuriosen Kostümen, die die Schauspieler teilweise aus ihrem eigenen Kleiderschrank mitbrachten –, daß die Produktion nicht über ein sonderlich herausragendes Budget verfügte, aber die ungemein einnehmende Wirkung und merkwürdig-unheimliche Atmosphäre dieses Films ist auch im 21. Jahrhundert nicht zu übersehen, und das macht „The Wicker Man“ wirklich zu einem einzigartigen Gesamterlebnis, das aus dem so weit gefächerten Horrorgenre eindeutig heraussticht und für das man nur dankbar sein kann. Eine ähnliche Mischung querbeet durch die Genres hat es seit 1973 nicht mehr gegeben. Und wer Christopher Lee schon immer im bunten Frauenfummel sehen wollte, ist hier genau richtig. 9/10.