Review

Unkonventionell - okkult - grotesk - satirisch - mystisch - erotisch - verrückt - atmosphärisch - pittoresk - sinnlich - absurd - erschreckend.
Die mysteriös-verspielte britische Folk-Krimi-Horror Ballade "The Wicker Man" gehört in jedem Fall zu den gewagtesten und besten Filmen des britischen Kinos und man weiß bei einem Review nicht, wo man mit den Superlativen beginnen soll:
Auf die Spuren eines entführten Mädchens begibt sich der religiöse Polizeibeamte Sergeant Neil Howie in das schottische Hinterland, genauer gesagt auf die Insel Summerisle, die nach und nach einige Merkwürdigkeiten und seltsame, zügellose, pagane Riten preisgibt. Von der Wirtstochter Willow um den Verstand gebracht, taucht Howie immer tiefer in die Geheimnisse Summerisles ein...

Den Film einzig und allein auf den Kontrast zwischen heidnischen Riten und dem protestantischen Christentum zu reduzieren würde der narrativen Tiefe und audiovisuellen Vielfalt von "The Wicker Man" nicht gerecht werden, aber dennoch zählt der Gegensatz von Mono- und Polytheismus zu den vorherrschenden Grundmotiven. Doch daneben gibt es zahlreiche Versatzstücke aus anderen Filmgenres, die geschickt vermischt werden und Robin Hardys märchenhaften Ritt durch britische Vorzeiten zum Pionierfilm auf vielen Ebenen macht. Filme wie Ari Asters "Midsommar" und "Hereditary" oder Scorseses "Shutter Island" wären mit Sicherheit ohne "The Wicker Man" unmöglich gewesen. Aber auch der Zeitgeist der ausgehenden 60er, beginnenden 70er Jahre zwischen Hippietum, freier Liebe, Rückbesinnung zur Natur und neuer Sexualmoral wird von Hardy perfekt eingefangen und gleichermaßen heroisiert wie persifliert. Untermalt von einem sensationellen Soundtrack, der ebenso passend das Lebensgefühl dieser Epoche einzufangen vermag und auch heute noch mit seinen typisch britischen Folkklängen, mal traditionell keltisch, mal psychedelisch proggig, verzaubern kann. Ganz im Sinne des British Folk Revival.

Ständig wandelt der Zuschauer wie auch Hauptprotagonist Neil Howie zwischen Faszination und Abscheu für die kultische Gemeinschaft, betört von der Sinnlichkeit der Frauen und dem traditionell anmutenden Paganismus, aber ebenso abgestoßen von den Gewaltphantasien und Lügen der verschworenen Dorfgemeinschaft, dabei wird stets der Kontrast westlich-christlicher Moral und der eigenen heidnischen Vergangenheit skizziert, man ist hin und hergerissen und gezwungen eigene, aber auch die vermeintlich "fremden" Moralvorstellungen zu hinterfragen. Wo gibt es Unterschiede, wo gar Gemeinsamkeiten?
Abseits dieser Vergleiche und philosophischen Fragen liefert "The Wicker Man" aber auch astreine Krimikost und unterhält mit clever pointierten schwarzhumorigen Passagen, neben all den Dubiositäten. Ein tolles Ensemble mit einem überragenden Christopher Lee, einer umwerfenden Britt Ekland und dem wunderbar naiv-heroischen Edward Woodward sorgt im Gesamtbild letztlich für nichts anderes als die Höchstnote für "The Wicker Man", einen der besten Horrorfilme aller Zeiten.

10/10

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