Review

Ob man was mit 3 Akkorde - Rock am Hut hat spielt keine Rolle: Manchmal ist Punk ein reines Ehrenprädikat, dass man ob seiner rebellischen Vorbildfunktion erhält. Auch, wenn er wahrscheinlich nie was mit The Clash und co. an der Narrenkappe hatte: Rosa von Praunheim ist Punk und damit ein wichtiges Gegengewicht zur erschlagenden Realität unserer angebläuten Gesellschaft. Der Mann, der sich nach einem NS - Vernichtungslager benannte und so manchem Verdrängungskünstler die unverarbeitete deutsche Schuld unter die Nase rieb hat mich mit mehreren sehr menschlichen Dokumentarfilmen gepackt und damit bei mir mehr als nur einen Pflasterstein im Revoluzzerbrett. Wenn Onkel Rosa nämlich zum Tanztee bittet, dann hat das weniger mit dem mainstreamtauglichen Tuntenball alter Tage am Hut, bei dem so mancher Heterich sich unter dem Banner der Ironie mal so richtig weltoffen fühlen darf. Das Parkett des Herrn von Praunheim ist ein spiegelglattes weit jenseits des Tellerrandes, auf dem statt sanftem Walzer eine zünftige Tarantella getanzt wird.

Ironischerweise halten die Protagonisten des Filmes "Männer, Helden, schwule Nazis" traditionell eher wenig von Aktivitäten jenseits besagten Tellerrandes und so ist es für den Zuschauer umso verwunderlicher (mitunter bis zum schmerzhaften Kopfschütteln), aus welch widersprüchlichen Menschen sich die Gästeschar dieses Werkes rekrutiert. Aber so wenig es uns Klemmheten in den Kopf gehen will und so wehement die durch den Regisseur befragten Pride - Besucher am Anfang den bloßen Gedanken ablehnen: Es gibt sie - braune Tunten! Es gibt sie weit außerhalb der schrägen Phantasien wildgewordener Fetischautoren aus dem KZ - Softsexbereich, weit jenseits des Gagrepertoirs antifaschistischer Conmedians und vor allem schon lange vor Weidel und co. Und der Film gibt sich redliche Mühe, die mehr oder minder gescheiterten Vereinbarungen beider Welten, den erfolgreichen Selbstbetrug der Betroffenen, unter die Lupe zu nehmen. Eine eindeutige Antwort findet er dabei nicht, wohl aber interessante, aber auch beängstigende Einblicke.

Als Hauptakteure lädt von Praunheim je zwei Überzeugungstäter und Aussteiger vor die Kamera, wobei einige überraschend sympathisch rüberkommen: Der nachnamenlose "Skinhead" André beispielsweise wirkt wie ein knorker Typ, eine Art Li La - Launebär in Stahlkappenboots, dem man eigentlich mit Kuscheldecke und Kakao im Anschlag umarmen und sagen will, dass alles gut wird - bis man sich dran erinnern, dass neben Männern auch brennende Asylantenheime zu seinen Fetischen gehören dürften: Örx! Der Journalist Jörg Fischer haut da in eine ähnlich sympathische, wenn auch weniger aggressive Kerbe und wirkt eher wie der dufte Nachbarsjunge, während Aussteigerkollege Bernd Ewalt Althans teilweise trotz aller Reflektion etwas verstockt und selbstgerecht wirkt, aber im Grunde als glaubhaft selbstkritischer Typ in Erscheinung tritt. Allein Ostnörgler und NPD - Aktivist Alexander Schlesinger, dessen Charakter sich auf den des kampfhundvermackten Uniformenfetischisten mit nervigem Akzent beschränkt, macht es einem schwer, was menschliches an ihm zu finden. Diese vier Herren plaudern also den Film über aus ihrem braunrosa Nähkästchen und die Widrigkeiten, die die Zugehörigkeit zweier konträrer Männerbewegungen mit sich bringt.

Einen weiteren Großteil des Filmes widmet der Regisseur dann den Größen auf dem hauchdünnen Schnittpunkt beider Extreme: Ernst Röhm und Rudolf Hess finden als bekannte NS - Schwule ebenso Erwähnung wie Michael Kühnen, ein Mentor Althans' und lange Zeit Deutschlands prominentester Neonazi, der nach einem Schwulenmord im Szeneumfeld den Versuch der Verschmelzung wagte.

Soweit so gut: Diese Bestandteile des Filmes sind hochinteressant und werden von allen erdenklichen Experten beleuchtet, analysiert, kritisch hinterfragt. Und dann gibt es wiederrum Momente, wo sich der Zuschauer irgendwo jenseits des braunen Regenbogens in ganz wirren Gebieten, sozusagen am Rande des Filmes wiederfindet: Da tritt ein Herr von Praunheim dann auf das Gaspedal der Sensationsgeilheit, dass der Asphalt zu brennen beginnt und wirft zwischendurch schwule Uniformenvereine auf Sexualmannöverfahrt, KZ - Rollenspiele und Hakenkreuzfahnen als Wichsbeilfsmittel in den Topf. Wir sind halt nicht mehr in Kansas, Toto.

All das wird eher sparsam bis gar nicht kommentiert. Schade, denn besonders die Meinung des bildlich zitierten Filmkollegen Bruce LaBruce, aus dessen "Skin Gang" eine Onanieszene zu "Mein Kampf" (hier wohl eher "Mein Cum") zu dem Thema hätte mich sehr interessiert. Auch muss man an anderen Stellen leider anmerken, dass etwas mehr Kommentar seitens des Regisseurs gut gewesen wäre, um etwas nötige Distanz aufzubauen. Wie gesagt: Praunheim ist Punk und legt als solcher den Finger in die Wunde. Aber Mensch Rosa, lass uns Heteriche doch mal kurz durchatmen! Und noch viel wichtiger: gib den rechten Dullies doch nicht den Anschein, dass ihr Schwachsinn stillschweigend akzeptiert ist.

Das sind aber beinahe unwichtige Kritikpunkte an einem ansonsten erschreckendem wie faszinierenden Film, den man getrost als Einstieg in das Dokumentarwerk des Bettwurstschöpfers und Pride - Pioniers betrachten kann. Wobei ich dringend nochmals drauf hinweisen will, dass der Titel und der Film an sich nicht als Aufruf zum Rechtsruck unter queeren Personen zu werten ist: wer das anziehend findet, dem kann ich bestenfalls zum "Genuss" zwischenmännlicher Nazipornos raten. Stell ich mir zwar auch höchst zweifelhaft vor, kostet aber im Endeffekt weit weniger Menschenleben.







Details
Ähnliche Filme