Die große Stärke des Filmemachers Woody Allen war seit jeher der unnachahmlich schräge Dialogwitz und ein großer, teilweise grotesker Ideenreichtum, wenn es darum ging, sich essentiellen Themen wie der Liebe, zwischenmenschlichen Beziehungen, Sexualität, ja sogar dem Tod, zu nähern. Genau diese Fertigkeiten konnte er mit dem 1975 entstandenen, äußerst passend betitelten „Love and Death“ bereits kongenial unter Beweis stellen. Kein Wunder, denn das Werk entstand schließlich auf dem Höhepunkt seines kreativen Schaffens und stellte im Nachhinein sozusagen die Generalprobe für den nur zwei Jahre später folgenden Oscartriumph („Annie Hall“) dar.
Die Geschichte des geistig versierten, aber ängstlichen Poeten und Neurotikers Boris Gruschenko legt der Regisseur in das zarenregierte Russland des 18. Jahrhunderts, zur Zeit des Eroberungsfeldzuges Napoleons. Der Forderung seiner Eltern, für „Mütterchen Russland“ in den Krieg gegen die Franzosen zu ziehen, entgegnet er mit seinen Überzeugungen über Pazifismus und die Sinnlosigkeit des Krieges, stößt mit ihnen er aber auf taube Ohren. Als Feigling gebrandmarkt und nicht willens, einen anderen Menschen zu töten bringt er es durch Zufall trotzdem zum Kriegshelden - eine Ehrung, die ihm aber als Höhepunkt lediglich eine Nacht mit einer Gräfin bescheren kann. Sein eigentliches Ziel im Leben ist stets nur die Eroberung seiner Jugendliebe Sonja (Diane Keaton), dem einzigen Menschen, der ihm geistig die Stirn bieten kann, doch leider in seinen Bruder, den tumben Ivan, verliebt ist. Erst der Tod des selbigen und ein auf kuriose Art gewonnenes Duell mit einem eifersüchtigen Liebhaber bringen die beiden zusammen - eine Beziehung, deren Impulse nur von einer Seite auszugehen scheint, aber bald in einer Vertrautheit mündet, die letztlich durch nichts zu ersetzen ist - wenn doch nur nicht die fehlende politische Freiheit durch die Besatzung der Franzosen wäre. Ist ein Attentat auf Bonaparte vielleicht die Lösung?
Allen vereint in „Love and Death“ nahezu alle Aspekte, die sowohl seine früheren wie auch seine späteren Werke ausmachen: Der ewige Kampf der Geschlechter, Weisheiten und Thesen über Liebe und Sex, Anspielungen auf die Judenverfolgung, Plädoyers gegen Krieg und Rassenhass, Diskussionen über die Existenz Gottes und politischer Aktivismus, der hier passend zum Zeitgeist der Siebziger Jahre, der Hohezeit der Emanzipation, hauptsächlich von einer Frau, eben jener Sonja, ausgeht, die überzeugt ist, dass der Mord an Napoleon die einzige Rettung für das Vaterland darstellt. „Gewalt erzeugt nur neue Gewalt, ein Mord als Lösung ist daher völlig unlogisch“, entgegnet Boris, kann sicher aber dem Tatendrang seiner großen Liebe nicht erwehren. Die Konsequenzen dieses Vorhabens sind entsprechend absehbar und werden mit einer gehörigen Portion Sarkasmus, nicht aber ohne das nötige Augenzwinkern an den Zuschauer gebracht. Letztlich hängt wieder einmal alles von der Liebe ab, wie es im Leben meistens so ist, auch wenn eigene Ansichten dabei gerne auf der Strecke bleiben.
Auf stilistischer Ebene schöpft der Regisseur hier aus dem Vollen. Es finden sich zuhauf Metaphern, Symbole und einige schräge Traumsequenzen, die sogar eine Begegnung mit dem Tod persönlich beinhalten. Letzterer wird hier ironischerweise nicht wie bei Ingmar Bergman in eine schwarze, sondern in eine strahlend weiße Robe gekleidet - ein weiteres Indiz für Allens Auffassung vom Tod, der, wie er am Schluss selbst sagt, „nicht als ein Ende vorzustellen ist, sondern eher als eine wirksame Möglichkeit, weniger Geld auszugeben.“ Die Angst vor dem Tod ist eine irrationale Angst, die nur zur Verbitterung und im Endeffekt zur Angst vor dem Leben führt. Diese Sichtweise, die der selbstverständlichen, aber ungern ausgesprochenen Gewissheit des menschlichen Endes mit der nötigen Lockerheit begegnet, bildet den wichtigsten Kernpunkt des Films und lässt trotz der hier vorherrschenden beißenden Ironie immer noch den nötigen Optimismus durchblitzen.
Von schauspielerischer Seite gibt es nichts zu bemängeln: Woody Allen spielt sich hier wieder einmal selbst ohne Fehl und Tadel und bringt uns mit seiner verschrobenen, aber zutiefst sympathischen Figur sozusagen einen frühen Alvy Singer näher, welcher in „Annie Hall“ so etwas wie die moderne Reinkarnation des Boris Gruschenko in der heutigen Gesellschaft darstellt. Diane Keaton arbeitete hier bereits zum vierten Mal mit Allen zusammen und stellte unter Beweis, dass sie zu dieser Zeit stets die Idealbesetzung für die weiblichen Hauptrollen in seinen Filmen war. Trotz ihrer zwischenzeitlichen Abkehr vom Komödiengenre sollte sie, gemeinsam mit ihrem langjährigen Kollegen, zwei Jahre später verdientermaßen ihren längst überfälligen Oscar einheimsen. Auch der Rest des Besetzung wurde hier exzellent gecastet und kann mit vielen schrulligen Nebenfiguren auftrumpfen, wie etwa Boris’ Vater, der die ganze Zeit ein Stück Land (etwa 20 cm²) mit sich herum trägt und fernab jeder Realität von einem baldigen Hausbau träumt. Oder auch der Edelmann, der sich nach einem verlorenen Duell, dessen Leben Boris aufgrund seiner Überzeugungen verschont, urplötzlich zu einem Gutmenschen wandelt. Alle diese charakterlichen Elemente vereinen sich im Endeffekt zu einem nahezu perfekt funktionierenden Ganzen, dass die Vielschichtigkeit des Werkes grandios untermauert.
„Love and Death“ kann man ohne Frage zu den besten Werken Woody Allens zählen, in dem er satirische Spitzen mit viel beißender Ironie und unvergleichlichem Wortwitz verteilt, ohne die Grundaussage jemals in puren Zynismus abzudriften zu lassen. Ganz im Gegenteil ruft er letztlich dazu auf, das Leben zu nehmen, wie es ist und aus der wenigen Zeit auf Erden das beste zu machen. Sowohl für den Geist als auch für den Körper. Wie sagt er doch selbst am Ende des Films? “The mind embraces all the nobler aspirations, like poetry and philosophy, but the body has all the fun.” Anders formuliert: Denk ruhig von Zeit zu Zeit über die Existenz von Gott oder den Sinn und Unsinn des Lebens nach, aber vergiss nicht, wie viel Spaß man dabei auch haben kann. Und was die Schlussfolgerung in Sachen Liebe betrifft, so kann man die abschließenden Worte des Films einmal mehr ohne weiteren Kommentar zitieren:
“It's not the quantity of your sexual relations that counts. It's the quality. On the other hand if the quantity drops below once every eight months, I would definitely look into.
Well, that's about it for me folks. Goodbye.”