Absurder Humor der Extraklasse
Russland am Anfang des 18. Jahrhunderts. Der Schöngeist Boris Grushenko (Woody Allen) sieht sich dazu gezwungen, in die Armee einzutreten, um Russland gegen Napoleon Bonaparte zu verteidigen. Dumm nur, dass er Pazifist ist und nicht an den Krieg glaubt. Durch puren Zufall wird er zum gefeierten Kriegshelden. Er will aber nur eines: Seine Cousine Sonja (Diane Keaton) heiraten. Diese hat sich allerdings eine waghalsige Idee in den Kopf gesetzt: Sie will ein Attentat auf den Eroberer Napoleon verüben. So begibt sich das weltfremde und philosophierende Paar auf eine heikle Mission.
Love and Death (1975) ist ein Wendepunkt in Woody Allens Schaffen; das Bindeglied zwischen den abstrusen Blödel-Filmen und den romantischen Komödien, denen Ernst und Realismus kein Fremdwort ist. Nur zwei Jahre später wird Allen mit Annie Hall die Academy verzaubern. Schon Love and Death zeigt eine Entwicklung hin zum Tiefsinnigen, wenn auch dieses Tiefe hier noch stark satirisch gefärbt ist. Vielleicht liebe ich diesen Film gerade deshalb: Er nimmt das Ernste nicht ernst, was seine Ernsthaftigkeit aber paradoxerweise gerade unterstreicht.
Kaum ein anderer Allen-Film spielt so unverblümt auf grosse Lacher; kaum ein Allen-Skript ist so pointiert und überzeichnet. Das ist erfrischend. Besonders köstlich sind die pseudo-philosophischen Dialoge zwischen Boris und Sonja. Zum Schiessen! Natürlich finden sich in Love and Death Verweise auf russische Autoren wie Tolstoi und Dostojewski – und zwar en masse. Ein erratisches Liebesleben, Verzweiflung am Glauben, militärische Verwicklungen; es ist alles da und lässt sich grandios karikieren. Eigentliche Inspiration für den Film ist ohne Zweifel der umfangreiche Historienroman Krieg und Frieden. Eine Ähnlichkeit zwischen Boris Grushenko und dem unberechenbaren Grübler Pierre Bezukhov ist unverkennbar. Allen nimmt den Stil damaliger Historienfilme greift Allen auf – schon in den Siebzigern gab es zahlreiche Verfilmungen etwa von Anna Karenina.
Toll auch, wie die Charaktere immer mal wieder scheinbar poetischen Nonsens zum Besten geben. Filmisch dringt Allen punktuell in Ingmar Bergman’sche Gefilde vor; undurchdringliche Symbole, die alles und nichts bedeuten können. Dabei verkommt die Parodie nie zum billigen Hohnlachen. Man merkt dem Film an, dass er seine Verweise hoch schätzt. Der Slapstick, der beim frühen Woody Allen meist eher schlecht als recht funktioniert, fügt sich hier erstmals in die erzählte Geschichte. Nur in einer Handvoll Szenen wirken die Gags dümmlich. Ansonsten zündet Allen ein Pointen-Feuerwerk, das einen ehemaligen Philosophiestudenten wie mich von Ohr zu Ohr grinsen lässt.
Love and Death ist die beste reine Komödie Woody Allens: eine kluge, liebevolle Persiflage russischer Literatur, die sich zügig von Witz zu Witz schwingt.
9/10