Der sogenannte „Lincoln County Krieg" des Jahres 1878 ist eine der bekanntesten und uramerikanischsten Wildwest-Geschichten überhaupt. Selbst wenn es zunächst nicht so klingen mag. Hier stritten der Viehbaron John Chisum und seine Interessensgemeinschaft mit dem aggressiven, zwielichtigen Geschäftsmann Lawrence Murphy und dessen Syndikat um wirtschaftlichen Einfluss im erst wenige Jahre zuvor den Indianern entwendeten südlichen New-Mexico Territorium entlang des Pecos, westlich von Texas. Nun mögen bei einem gewöhnlichen geschichtsinteressierten Deutschen, wie gesagt, beim hier genannten Konflikt als solchen nicht gleich die Glocken läuten, doch die Namen weiterer Beteiligter sind selbst jedem halbwegs gebildeten Mitteleuropäer geläufig. An der Seite Chisums kämpfte nämlich anfangs auch der junge Revolverheld Billy the Kid, der schlussendlich von Sheriff Pat Garrett nach Jahren des Lebens außerhalb des Gesetzes und damit lange nach der eigentlichen Auseinandersetzung zur Strecke gebracht wurde. Murphy wiederum konnte die berüchtigte Evans Gang für sich verpflichten, die mit Billy the Kid und dessen Kumpanen ohnehin in blutiger Fehde lag. Wiederholt und über Monate hinweg eskalierten Handgreiflichkeiten zu blutigen Schießereien und wurde hinterrücks Blutrache geübt, um sich einen Vorteil und dem eigenen Hass ein Ventil zu verschaffen. Stoff also für eine ganze Reihe an Westernfilmen, die von den frühen Fünfzigern bis hin zu den poppigen 80ern immer wieder dieses historische Thema aufgriffen. Eine der berühmtesten Verfilmungen ist die von Sam Peckinpah, der 1973 als linker Gesellschaftskritiker mit dem heimatverbundenen Westerngenre der 50er und 60er blutig abrechnete. Nun, ein linker Gesellschaftskritiker war John Wayne sicherlich nicht. Aber als heimatverbundener Amerikaner, der sich wiederholt für die Rechte der indianischen Ureinwohner filmisch einsetzte, trug auch er als Konservativer das Seine dazu bei, dem von ihm selbst maßgeblich geprägten Westernfilm den Weg in die Zukunft zu bahnen. Und in dieser Hinsicht ist „Chisum" von 1970 als frühes Spätwerk seines Schaffens quasi prototypisch.
„Meistens ändern sich die Dinge zum Besseren", sagt John Chisum (John Wayne), malerisch positioniert im Morgenlicht am Fuße eines Hügels oberhalb seines weitläufigen Besitzes, eingangs zu seinem Stellvertreter James Pepper (Ben Johnson [„The Wild Bunch"]), als der sich über den zu schnellen Wandel der Dinge beklagt. Bewusst oder unbewusst wurden hier, im Jahre 1970, bereits die Weichen gestellt für den US-Western der neuen Dekade, die die letzte des Wildwestfilms werden würde und die dann ja Genrebeiträge ganz anderer Bauart hervorbringen sollte. Clint Eastwoods europäische Kassenschlager unter der Ägide Sergio Leones warfen bereits ihre langen Schatten voraus. Ganz so innovativ zeigten sich Wayne und seine Regisseure zwar nicht. Doch tat das auch gar nicht Not, denn der Spätwestern der Marke „Chisum" zeigte sich, so konventionell inszeniert er auch anmutet, dennoch in vielfacher Hinsicht dem gemeinen Genreprodukt der 50er Jahre erzählerisch überlegen.
Vergleicht man nämlich die Geschichte von „Chisum" inhaltlich mit den tatsächlichen Ereignissen knapp hundert Jahre zuvor, so hielt sich Regisseur Andrew V. McLaglen erstaunlich eng an die Fakten, wenn auch vor allem gegen Ende hin die Story etwas gerafft und doch leicht verändert wird. Zwei Dekaden früher, in den 50ern, zur Glanzzeit des Western, hätte man sich bedeutend weniger um Authentizität bemüht. So folgt man, wenn auch auf Schlangenlinien, dem echten Geschehen: Die Wucherpreise und der rücksichtslose Aufkauf möglichst vieler wirtschaftlicher Ressourcen durch den windigen Geschäftsmann Lawrence Murphy (Forrest Tucker) erzeugt Unmut im Städtchen Lincoln. Der unstillbare Appetit auf Gewinn und die bedenkenlose Art der Monopolisierung der lokalen Wirtschaftsmöglichkeiten lassen Murphy unweigerlich auch in Konflikt mit dem alteingesessenen Viehbaron Chisum geraten, der den heraufziehenden Ärger lange nicht wahrhaben will und die Dinge eigentlich bevorzugt gütlich regelt. Hier passt inszenatorisch Chisums enger Freund Henry Tunstall (Patric Knowles) durchaus ins Bild, der bekennender Pazifist ist und den jungen William Bonney, den späteren Billy the Kid, behutsam unter seine Fittiche genommen hat, um ihm eine Chance auf ein besseres Leben zu bieten. Doch keine Bange, lieber Westernfreund, John Wayne ist auch in Chisum weit davon entfernt, lange zu zögern beim Griff nach der Waffe, denn auch hier werden etwa nach dem morgendlichen Aufstehen erst einmal quasi im Vorbeigehen ein paar Pferdediebe blutig zur Strecke gebracht, um anschließend das wohlverdiente Frühstück mit einem leckeren Whiskey runterzuspülen. Nichtsdestotrotz lässt sich Chisum mehrmals von seinem friedfertigen Freund davon abbringen, Gewalt anzuwenden. Erst als die Dinge im Zwist um Macht und Einfluss aus dem Ruder geraten und Tunstall (wie damals in Wirklichkeit) von den Schergen Murphys ermordet wird, ist endgültig Schluss mit dem fünften Gebot, wobei sich nicht nur Chisum am Waffenschrank bedient, sondern auch William Bonney wieder zu Billy the Kid mutiert und eine Spirale der Gewalt lostritt, die sein gesamtes Umfeld mit in die Tiefe reißt.
Ein weiteres zukunftsweisendes Element in „Chisum" ist die wiederholt traurig-nostalgisch in die Handlung untergehobene Entrechtung der Indianer. Obwohl dieses damals noch vielfach als Politikum störende Thema für die eigentliche Geschichte des Films keinen Nährwert besitzt, wird gleich mehrfach darauf Bezug genommen, wobei Waynes Aufklärungsprogramm nach zwei Dritteln des Films in einer Szene kulminiert, die für damalige Verhältnisse als bahnbrechend betrachtet werden kann. Als Chisum beobachtet, wie ein Sergeant der US-Armee seinen alten Feind, den inzwischen längst überwundenen und bar jeder Würde im Reservat eingepferchten greisen Häuptling der Comanchen nonchalant herumschubst, droht er dem am Schicksal der Ureinwohner desinteressierten uniformierten Rüpel unmissverständlich: Sollte er den wehrlosen Alten noch ein einziges Mal von Oben herab behandeln, wäre er ein toter Mann. Worauf der betagte Indianer, um eine Deeskalation der Situation bemüht, dem mit der Situation überforderten Sergeant zu verstehen gibt, dass er dessen Anweisungen auch ohne körperliche Gewalt nachzukommen gedenkt. Schon zwanzig Jahre vor Kevin Costners Tanz mit dem Wolf bemühte sich der Hollywoodstar John Wayne, was den lange unbehandelten wunden Punkt der amerikanischen Geschichte angeht, um Besserung, Versöhnung und Moral. Dass noch dazu die Armee - wie auch übrigens damals während des tatsächlichen „Lincoln County War" - im Film keine besonders gute Figur macht, mag manchen kritischen Geist überraschen. Den mit Waynes bisherigem Schaffen Vertrauten hingegen nicht, denn der Konservative fungierte nicht zum ersten Mal und schon lange vor Genrebreiträgen wie „Das Wiegenlied vom Totschlag" (1970) als wachrüttelndes Sprachrohr im Dienste der Vergangenheitsbewältigung. Dabei schlug er in diesem Kontext ebenfalls nicht zum ersten Mal durchaus militärkritische Töne an - freilich ohne jemals in genuin linke Denkmuster zu verfallen.
Optisch mutet Andrew V. McLaglens „Chisum" hingegen eher klassisch an. In farbenfrohen, gewohnt sauberen Bildern folgt man den provozierten Gegenschlägen des Viehbarons, wenn auch hier und dort mehr als früher das Blut spritzt. Die Damen sind noch nicht die Schlampen Peckinpahs, die Herren noch frisch gewaschen, wenn auch inzwischen unrasiert. Auch lässt sich jeder Verfechter des Guten von jedem Schurken von jedem Kind auf den ersten Blick visuell unterscheiden, so wie man das im Kino gewohnt war. Erinnern wir uns an den zeitgleich auch in den US-Western importierten Schmutz der 70er, so wirkt „Chisum" fast wie ein trotziges Bollwerk gegen die neuen Gepflogenheiten im Genre. Doch wenn John Waynes Film auch von der zunehmend cineastisch forcierten Schmierästhetik weit entfernt ist, so spürt man den Geist der Zeit als laues Lüftchen selbst durch das Lincoln County des Jahres 1970 wehen. Und wenn zu guter Letzt die junge Dame an der Seite Pat Garretts dem frisch gebackenen Sheriff verbietet, das Haus zu verlassen, bevor nicht das Geschirr abgetrocknet ist, dann reibt man sich verwundert die Augen. Hat das weibliche Geschlecht den Herren der Schöpfung hier doch schon weit mehr Frauenrechte abgetrotzt als den auf jedwede Regeln pfeifenden Revoluzzern drei Jahre später („Pat Garrett jagt Billy the Kid", 1973).
Das heute nicht eben für vertrauenswürdige Qualität seiner Beiträge bekannte Lexikon des Internationalen Films, nannte John Waynes „Chisum" einen „psychologisch weitgehend ausgewogenen, spannenden Western, der für die Durchsetzung des Rechts ohne Gewalt eintritt". Nach sachlicher Analyse lässt sich dieses Urteil zwar nicht vollends nachvollziehen, doch versucht der sympathische Viehbaron im Film tatsächlich nicht nur einmal, Konflikte ohne Gewalt beizulegen. Dass sie letztendlich natürlich doch nur mit Blutvergießen gelöst werden, straft den Lexikoneintrag Lügen.
Wie dem auch sei - „Chisum" sollte einer der größten Erfolge John Waynes werden. Und das zu Recht, denn Spannungsaufbau, Figurenzeichnung und inhaltliche Triftigkeit gehören mit zum Besten, was der US-Western traditioneller Bauart je hervorgebracht hat. Wer übrigens die weitere Geschichte und damit auch den Tod Billy the Kids geschildert bekommen möchte, greift zu Sam Peckinpahs exzellentem, wenn auch ideologisch eingefärbtem „Pat Garrett jagt Billy the Kid", der die historischen Ereignisse nach (!) dem Lincoln County Krieg und damit vom rastlosen Dasein William Bonneys als zügellosem Outlaw erzählt. Allerdings mit völlig anderer Zielsetzung und wahrlich nicht so einladend bebildert.