,„Wow! If I‘d known that, I would have put that patch on thirty-five years earlier."
Mit diesen Worten begann eine der kürzesten und dennoch besten Reden eines frisch gebackenen-Oscar-Gewinners. Dieser erste Satz bringt auf lakonisch-witzige Art die Enttäuschung über eine jahrzehntelange Nichtberücksichtigung auf den Punkt, ohne den Adressaten durch Bitterkeit oder Zynismus bloß zu stellen. Auch die bis heute gängige Praxis der Academy bevorzugt Charaktere mit physischen oder psychischen Behinderungen auszuzeichnen, wird hier im wahrsten Wortsinn augenzwinkernd (der Gewinner spielt einen einäugigen US-Marshall) kolportiert. Western-Ikone John Wayne blieb damit auch auf der Showbiz-Bühne seinem Image treu.
Wayne war nie ein Mann vieler Worte gewesen, nicht im Privatleben und schon gar nicht in seinen Filmen. Trotz seiner stramm rechts gerichteten politischen Einstellung akzeptierte er stets Andersdenkende und galt als direkt, ehrlich und bodenständig. Daran sollte auch der späte Oscar-Gewinn im Jahr 1970 und die damit verbundene Anerkennung trotz deutlich sichtbarer Rührung nichts ändern. Seit Jahrzehnten ein Publikumsmagnet, hatte der Westernstar auch künstlerisch wiederholt seine zahlreichen Kritiker Lügen gestraft. Vor allem unter der Regie seines Freundes und Mentors John Ford brillierte Wayne mehrfach und widerlegte insbesondere in Der schwarze Falke (1956) und Der Teufelshauptmann (1949) die häufig kolportierte Behauptung, dass sich Western-Genre und Schauspielkunst per se ausschließen.
Auch mit Henry Hathaway hatte Wayne bereits mehrfach zusammengearbeitet, als er 1969 die Rolle des versoffenen Rauhbeins „Rooster" Cogburn in Der Marshall annahm. Auf den ersten Blick mag diese Entscheidung überraschen, da John Wayne wie kein anderer Genrestar für den aufrechten, strahlenden Westernhelden steht. Bei genauerem Hinsehen hatte er allerdings auch bereits schon zuvor - wenn auch nicht allzu häufig - zumindest ambivalente Figuren gespielt. Das Spektrum reicht vom herrschsüchtigen Rinderbaron in Red River (1948), über den rassistischen Indianerhasser in Der schwarze Falke bis hin zum altersmüden Sheriff in El Dorado (1967), der zu List und Tücke greifen muss, um seinen schnelleren Gegner besiegen zu können.
In El Dorado bewies Wayne bereits seine Fähigkeit und Bereitschaft zur Selbstironie, so dass der Schritt zum abgetakelten Marshall Reuben J. Cogburn gar nicht mehr so weit war. Und der „Duke" hatte sichtlich Spaß an der ironischen Persiflage des von ihm selbst geschaffenen Heldenmythos. Mit rollendem Auge und nervösen Kopfzuckungen findet er genau die richtige Körpersprache um die hervorstechendsten Eigenschaften seiner Figur sichtbar zu machen: ausgeprägter Alkoholismus und noch ausgeprägtere Überheblichkeit. Schon sein erster Auftritt ist das reinste Vergnügen.
Im Gerichtssaal von Isaac Charles Parker steht er wieder mal für seine gängige Praxis „zuerst schießen, dann Fragen" unter Beschuss und mimt dabei den ebenso verdutzten wie uneinsichtigen Gesetzeshüter mit einer brüllkomischen Mischung aus Eitelkeit, Koketterie und Brummigkeit. Nicht umsonst trägt Cogburn den wenig schmeichelhaften Spitznamen „Rooster" (Gockel). Nach getaner Arbeit entschwindet er zu seinem chinesischen Vermieter und Freund Chen Lee, bei dem er nach Herzenslust seinen größten Leidenschaften frönen kann: dem Kartenspiel und der Sauferei.
Die 14-jährige Mattie Ross (Kim Darbie) zeigt sich von Cogburns Verhalten allerdings unbeeindruckt und engagiert den alternden Trunkenbold um den Mörder (Tom Chaney) ihres Vaters zu suchen, schließlich gilt Reuben trotz allem immer noch als einer der wenigen Männer mit „wahrem Mumm" (worauf auch der Originaltitel „True Grit" anspielt). Das ungleiche Trio wird komplettiert durch den jungen Texas Ranger La Boeuf (Glenn Campbell), der das in seinem Heimatstaat ausgesetzte Lösegeld auf Chaney kassieren will. Trotz ihrer augenblicklichen persönlichen Abneigung schließen sich die beiden Männer zusammen, geht es doch gegen die Bande des berüchtigten Ned Pepper (Robert Duvall), bei der der Flüchtige Chaney Unterschlupf gefunden hat ...
True Grit ist abgesehen von Waynes Rolle und Darstellung klassischer Western-Stoff. Routinier Hathaway inszeniert episch, arbeitet vornehmlich mit Totalen und nutzt die grandiose Landschaft Colorados (das die weniger panoramaartigen Arkansas und Oklahoma doubelt) als zweiten Hauptdarsteller. Nichts ist zu sehen oder zu spüren von der kargen, schmutzigen und trostlosen Atmosphäre, die zunächst durch den Italo-Western und dann später ebenfalls im US-Kino durch Clint Eastwood etabliert worden war.
Auch gut und böse sind klar voneinander getrennt. Cogburn ist trotz seiner Defizite ein aufrechter Kerl und wackerer Streiter für die gerechte Sache. Wie viele von Waynes früheren Westernhelden funktioniert er vor allem nach dem Motto „raue Schale, weicher Kern". Chaney und die Pepper-Bande sind dagegen kaltblütige Gesetzlose, die ihrer verdienten Strafe nicht entgehen.
Schauspielerisch ist Der Marshall eine fulminante One-Man-Show John Waynes, der hier mal so richtig zeigen darf, was mimisch in ihm steckt. Er kann dabei um so deutlicher glänzen, als dass der übrige Cast deutlich abfällt. Die unerfahrene Kim Darbie zeigt eine recht schwache Leistung als neunmalkluge und forsche Westerngöre und agiert durchgängig ebenso unsympathisch wie überkandidelt. Auch Wayne äußerste sich im Nachhinein entgegen seiner sonstigen Art deutlich abwertend über Darbie, die während der Dreharbeiten angeblich ähnliche Charakterzüge wie ihre Filmfigur an den Tag legte und damit insbesondere Regisseur Hathaway gehörig auf die Nerven ging. Kaum überraschend, dass von irgendeiner Form von Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern weit und breit nichts zu sehen ist.
Die Entscheidung den Sänger Glenn Campbell als Waynes Co-Star zu verpflichten, hat sich auch nicht sonderlich bewährt. Offenbar hat sich Produzentenurgestein Hal Wallis an Ricky Nelsons Erfolg in Rio Bravo (1959) erinnert. Campbell hat allerdings leider so gar nichts von dessen natürlicher Leinwandpräsenz und souveräner Lässigkeit. Da wäre die erste Wahl mit Sicherheit interessanter gewesen, aber Rockstar Elvis Presley hatte seine Mitwirkung an die utopische Bedingung - schließlich ist La Boef eindeutig Cogburns Sidekick - geknüpft in den Credits als Erster genannt zu werden
Bleibt noch Robert Duvall, zweifellos einer der Besten seiner Zunft, der aufgrund seiner Script-bedingt wenigen Szenen leider nie die Chance hat, dem Film seinen Stempel aufzudrücken. Vielleicht wurden seine Auftritte aber auch bewusst zusammengestrichen, weil er sich ebenfalls unentwegt mit Hathaway zankte. Wie dem auch sei, am Ende bleibt er ähnlich blass wie der Novize Campbell.
„True Grit" kann man in Der Marshall letztlich nur Hauptdarsteller John Wayne attestieren. Seine herausragende Schauspielleistung und augenzwinkernde Persiflage des selbst geschaffenen Heldenmythos machen den ansonsten durchschnittlichen Film nach wie vor sehenswert.
Selbstironische Distanz und karikierende Motive finden sich allerdings lediglich in der Figur des „Rooster" Cogburn. Erzählduktus, Storyline und Bildkomposition gehorchen den etablierten, zu dieser Zeit aber bereits auch veralteten Genremustern. So gesehen ist True Grit trotz seines parodistischen Untertons auch mehr wehmütige Reminiszenz an die gute alte Western-Zeit, als persiflierende Hommage.
Wayne jedenfalls war zu Recht mächtig stolz auf sein Werk. Er hatte sogar so viel Gefallen an seinem bärbeißigen Charakter gefunden, dass er wenige Jahre später unter dem Titel Rooster Cogburn (1975) das einzige Sequel seiner Karriere drehte. Auch für einen Einäugigen gilt schließlich die Devise "doppelt hält besser".