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Guillermo Del Toro ist ein Filmemacher zweier Welten: Zwischen Big-Budget-Filmen, seien es Autragsarbeiten („Blade 2“) oder Herzensprojekte („Hellboy“), dreht er auch kleine, aber feine spanischsprachige Horrorfilme. Und so viel Spaß seine großen Projekte auch beim Anschauen bereiten, seine kleinen Filme sind noch gelungener. „The Devil’s Backbone“ etwa, ein Geisterfilm, der im spanischen Bürgerkrieg der 30er-Jahre des letzten Jahrhunderts spielte, bot neben gepflegtem Grusel auch jede Menge Allegorisches und kritische Untertöne, jedoch ohne den Zuschauer damit zu erschlagen.



„Pan’s Labyrinth“, eine weitere spanischsprachige Filmperle, ist zwar keine Fortsetzung von „The Devil’s Backbone“, aber sozusagen ein „Bruder im Geiste“, ein, was Machart, Atmosphäre und Vielschichtigkeit anbelangt, eng verwandtes Werk. Wieder ist die fantastische Handlung, diesmal jedoch keine Geistergeschichte, sondern eine im Fantasy- bzw. Märchenbereich angesiedelte Story, in einen historischen Kontext eingebettet, nämlich in die Zeit des spanischen Faschismus während des Zweiten Weltkriegs. Die Fantasyhandlung, die mit Horrorelementen durchzogen und garantiert nichts für Kinder ist, erinnert etwas an eine Variante von „Alice im Wunderland“ oder Miyazakis „Chihiros Reise ins Zauberland“ für Erwachsene. Diese Handlungsebene ist jedoch ausgesprochen eng mit der Realitätsebene verwoben, in der ein grausamer, diktatorisch herrschender Franco-Handlanger einen Kampf gegen Aufständische führt.



Klar, dass Del Toro es sich nicht nehmen lässt, die politische Situation filmisch zu kommentieren. Er tut dies jedoch weniger allegorisch als noch in „The Devil’s Backbone“ (z.B. mit dem Bild der nicht explodierten Bombe). Pan’s Labyrinth ist wie sein „Vorgänger“ ein anspruchsvoller Film, der Genregrenzen locker sprengt und an dem sowohl pure Actionfans als auch reine Horrorfans möglicherweise nicht so viel Freude haben werden, dafür wahre Filmfans umso mehr. Denn bei aller Schönheit der Bilder gibt es nur wenig Verfolgungsjagden, Schießereien oder gewalttätige Szenen, auch wenn letztere mitunter recht drastisch sind. Es dominiert auch der in der Realität spielende Handlungsteil, der ein komplex gestricktes, bewegendes und wunderbar gespieltes Drama aus politischen und menschlichen Konflikten darstellt.



Del Toro hat sich bei seinen großen Filmen ein derartiges handwerkliches Repertoire erarbeitet, das ihn, verbunden mit seiner enormen Begabung als Geschichtenerzähler und Bilderzauberer, mittlerweile zu einem der interessantesten Filmemacher weltweit macht – vergleichbar mit Peter Jackson, zu dem es ja auch sowohl vom Stil als auch von der bisherigen Filmographie her Parallelen gibt. Obwohl „Pan’s Labyrinth“ selbstverständlich klar dem phantastischen Film zuzuordnen ist, handelt es sich dennoch um einen nicht chancenlosen Kandidat für die Oscars 2007, zumindest als Bester Ausländischer Film – was die Klasse des Films weiter unterstreicht, denn derartige Genrefilme werden normalerweise von der Academy nicht bedacht. Von den tollen schauspielerischen Leistungen, dem wunderbaren Drehbuch, der Musik, der Kameraarbeit und den exzellenten Make-up-Effekten will ich gar nicht erst anfangen...



Fazit: Der bisherige Höhepunkt in Guillermo Del Toros Schaffen – ein Meisterwerk, das „The Devil’s Backbone“ sogar noch übertrifft. Auch wenn der Film trotz teilweise sehr hoher Spannung manch hartgesottenem Horrorfan möglicherweise zu „lasch“ sein könnte, handelt es sich für mich um den besten Horror-/Fantasyfilm des Jahres 2006 – und neben Scorseses „The Departed“ gar um den besten Film des Jahres überhaupt.

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