Der erste Weltkrieg liegt in den letzten Zügen, doch im Spanien des Jahres 1944 hat Francos faschistische Herrschaft gerade erst begonnen. In diesen unruhigen Zeiten reist Ofelia mit ihrer hochschwangeren Mutter Carmen zu ihrem Stiefvater Vidal, einem Hauptmann in Diensten des Militärs, der einen Außenposten befehligt. Ofelia hegt schnell eine Abneigung gegen ihren Stiefvater kann sich aber mit der Mercedes, der Haushälterin anfreunden. Auf dem Anwesen, entdeckt sie ein altes Labyrinth, in dessen Innern sich ein Faun befindet. Dieser Faun begrüßt Ofelia als Prinzessin Moanna und erklärt ihr, dass sie eine verschollen Prinzessin sei, die nach dem Lösen von drei Aufgaben in die Welt der Unsterblichen zurück kehren soll.
Rein formal erzählt Guillermo del Toro zwei Geschichten aus der Sicht Ofelias: die der Partisanenkämpferin Mercedes und die des Mädchens die sich zwar überlappen und interagieren, dennoch auch eigenständig erscheinen. So steht Mercedes' Welt für eine voller Gewalt, Ofelias Welt eine Flucht aus selbiger, eine Reise in das Reich der Fantasie. So verkörpert Ofelia nicht nur den Mittelpunkt der Geschichte, vielmehr fungiert sie auch als Tor zwischen Realität und dem Reich der Fantasie, während Mercedes die Ernüchterung als Erwachsener darstellt, die nun völlig in der Realität verwurzelt ist. Diese Interaktion der beiden Hauptfiguren durchzieht den kompletten Film, beide haben ihre Aufgaben zu lösen, widersetzen sich der Obrigkeit, werden bestraft und bekommen neue Chancen. Hat Mercedes Hauptmann Vidal als Gegenspieler, stellt sich dieser bei Ofelia als Pan dar. Beide sind undurchsichtig, versammeln ihre kleinen Helfer um sich und stellen in ihrer jeweiligen Welt die höchste Autorität dar (und werden auch nur von den beiden Frauen in Frage gestellt).
Dieses Wechselspiel umfasst konsequent die ganze Handlung. So bleibt auch genug Spielraum für Hauptmann Vidal der eben nicht nur der stereotypische Bösewicht ist. Erscheint er auf den ersten Blick als eindimensionaler Bösewicht (schließlich sieht der Zuschauer ihn auch nur aus der Sicht Ofelias). Vidals Handlungen sind nicht immer vorhersehbar, vielmehr agiert er aus der Tradition seines Vaters heraus, führt nur Befehle aus. Eigenständiges Denken, positive Gefühlsregungen sind ihm fremd. Sergi Lopez verkörpert Hauptmann Vidal als durchaus attraktiv, intelligent und verführerisch, kein bisschen vom grobschlächtigen Schurken. An seiner Figur zieht del Toro die Parallelen zur spanischen Geschichte. Erschien Francos Regime zu Beginn seiner Herrschaft noch attraktiv, verlor es zusehends den Reiz und mündete in einer Gewaltherrschaft ,bis es Mitte der 70er Jahre unterging. Ein neues unschuldiges Spanien sollte bald geboren werden, auch wenn das alte schöne Spanien dadurch sterben muss. Der Tod Carmens und der Geburt ihres Sohnes stehen hier stellvertretend. Damit greift der Film nicht nur eine Realität auf. Nicht nur Ofelias „Realität“, vielmehr spiegelt Pans Labyrinth die geschichtlichen Hintergründe wieder, die natürlich universell gültig sind, auch wenn diese geschichtlich verortet scheinen, so bleibt ein Lokal- oder Zeitkolorit fast völlig außen vor. Der Faun/Vidal verkörpert Ofelias Bezugspunkt in beider Welten. Auch in der Fantasie stellt er ihre Autorität dar, vermischt sich aber mit ihrem Wunschdenken, wie ihr wahrer Vater zu sein hätte: liebevoll, gütig, eine Vater der sie als ein Prinzessin behandelt. So viele reale Bezugspunkte Pans Labyrinth auch aufweist, so schafft es del Toro vor allem auf die Emotionen der Zuschauer zu zielen Ein großer Verdienst gebührt hier vor allem Ivana Baquero die Ofelia glaubwürdig verkörpert. Das Wagnis den kompletten Film, mehr oder minder, in die Hände einer 12 jährigen Darstellerin zu legen zahlte sich mehr als aus. Ihre Darstellung der Ofelia ist fantastisch. Träumerisch, ängstlich, zerbrechlich stellt sie die Ofelia dar. Und voller Freude wenn sie dann doch wieder in ihre Welt eintaucht, deren Momente viel zu kurz scheinen.
Pans Labyrinth ist gewiss kein einfacher Film. Del Toro beschreibt 120 Minuten Traurigkeit, Einsamkeit und Gewalt. Selbst in den raren Momenten der Flucht Ofelias in ihre Traumwelt sind diese immer geprägt von Furcht, Angst, Ekel und Ungewissheit und übrig bleibt ein fatalistisches Ende von unglaublicher Schönheit und einem kleinen Funken Hoffnung. Del Toro kreierte keinen „Fantasyfilm“, vielmehr einen Film über die wahre Macht der Fantasie. So ist trifft die Tagline (Innocence has a power, evil can not image) ausnahmsweise mal zu. Wieviel ist man bereit zuzulassen? Und sind nicht die eigenen Gedanken noch oft genug der einzig mögliche Fluchtpunkt aus einer Welt voller Leid?
Del Toro „zaubert“ geradezu eine Magie auf die Leinwand, wie es den meisten Fantasyfilmen nicht gelingt. Pans Labyrinth sprengt, wie viele großen Filme, die Grenzen der klassischen Konventionen und vermischt Fantasyfilm mit dem klassischen Drama und dem europäischen Autorenkino.
So taucht der Zuschauer von Beginn an in Ofelias Welt ein, leidet mit ihr. Einerseits fühlt man sich zurückversetzt in die eigenen Kindheit, zu den eigenen Spielen, die man spielte, in Träumen in denen man sich verlor und so stunden- oder tagelang sich damit beschäftigte. Um doch immer wieder von der Realität übermannt zu werden. Das wirklich faszinierende an Pans Labyrinth ist nicht nur seine formale Perfektion, unterstützt durch Javier Navarrete kongeniale, sehr zurückhaltende, aber immer treffende Musik und Guillermo Navarro intime Kameraarbeit, in jeder Sekunde spürt man del Toros Leidenschaft für seinen Film, die eine Kraft ausstrahlt die man viel zu selten zu spüren bekommt. Del Toro ist hier ein zeitloses Meisterwerk gelungen, das einem noch Tage danach begleitet.