Review

Regisseure reifen.
Guillermo del Toros erster Film seiner geplanten Bürgerkriegstrilogie mit phantastischen Elementen „The Devils Backbone“ konnte mich vor gut fünf Jahren noch nicht überzeugen, aber der Regisseur hat seinen Stil für „Pans Labyrinth“ geradezu meisterhaft verfeinert.

Erneut erzählt er eine Geschichte aus dem zweiten Weltkrieg/spanischen Bürgerkrieg, der in diesem Film im Jahr 1944 in den letzten Zügen liegt, die Anhänger Francos haben fast das gesamte Land unter Kontrolle, nur in den unzugänglichen Berggegenden regt sich noch Rebellenwiderstand – als das Mädchen Ofelia mit ihrer schwangeren Mutter in diese Landschaft verschlagen wird, sie ist damit die neue Stieftochter des Capitan Vidal, der den Rebellenaufstand niederschlagen soll und dabei mit sadistischer Brutalität vorgeht.
Vom Stiefvater mehr geduldet als akzeptiert, flüchtet sich das Mädchen in eine phantastische Traumwelt rund um eine geflohenene Prinzessin, die sie selbst sein soll…oder geschieht all das in doch in Wirklichkeit?

Angekündigt als Märchenfilm für Erwachsene, erspart sich del Toro das Abrutschen in die purste Fantasy, sondern setzt die phantastischen Elemente lediglich ökonomisch ein, wenn es in die Handlung passt, noch wichtiger scheint ihm die Auseinandersetzung mit der Geschichte.
Und dabei greift er nicht zur simplen Schwarz-Weiß-Malerei, sondern blickt hinter die unmenschliche Fassade des Krieges.

Vidal, ein unbeherrschter und psychopathischer Folterer und Menschenschlächter ist symptomatisch für das unbarmherzige Gesicht des Krieges und Symbol für den Verlust der Freiheit, doch er ist nicht ohne Schwächen. Getrieben von der Erinnerung an seinen Vater (der in Form einer vererbten Uhr immer bei ihm ist und ihn unter Erfolgsdruck setzt) und fokussiert auf den noch zu gebärenden Bruder Ofelias als Stammhalter bietet er mehr Facetten als die üblichen Schurken, ist aber gleichzeitig um so hassenswerter, da er aus seiner inhumanen Existenz keinen Hehl macht.

Ofelias Ausflüge oder Fluchten in die phantastische Welt, in der sie zahlreiche Prüfungen zu bestehen hat, wirken wie indirekter Widerstand gegen das ihr aufgebürdete Regime, obwohl in erster Linie Angst vor diesem Mann sie treibt. Damit spiegelt sich das Bemühen der Rebellen in Ofelias Aktionen, die u.a. darin bestehen, einen monströse Kröte zu besiegen und aus einem unterirdischen Gewölbe einen Gegenstand zu entwenden, den eine furchtbare Kreatur bewacht. Ihre Prüfungen stellen in ihrer Phantasie wie auch in der Realität einen Reifungsprozess dar, sie entwickelt (kindliche) Verantwortung, sorgt sich um Mutter und Bruder und rettet das Kind schließlich vor Vidal, als für alle alles verloren scheint.

Und selbst dem Menschenmonster gönnt del Toro am Ende einen besseren Abgang als es den meisten Schurken zuteil wird, Vidal erreicht sein Ziel und gleichzeitig wird es im selben Augenblick von der Dorfbevölkerung und den Rebellen zerstört, hier wird das Prinzip, dass die Taktik der verbrannten Erde am Ende doch neues Leben hervorbringt und Widerstand nicht ausgerottet werden kann. Der Widerstand entsteht im Geiste.

Im Wesentlichen ist „Pans Labyrinth“ trotz aller Phantastik aber eine langsam erzählte und traurig-schwermütige Geschichte, weit entfernt von geschmacklich fraghaften Feelgood-Auseinandersetzungen des Krieges wie im Falle von Benignis „Das Leben ist schön“.
Del Toro verhehlt hier nichts und hält mit der Kamera drauf, wenn es nötig wird, wenn auch nicht sensationsheischend im Detail: hier wird reichlich gestorben, gefoltert, verstümmelt und selbst amputiert, die hässliche Fratze ist allgegenwärtig. Die Fantasy-Sequenzen, die der Trailer so zahlreich verheißt, machen im fertigen Film vielleicht gerade mal 25 Minuten aus, was aber nicht heißt, der Film wäre nicht strukturiert und hätte keine sorgfältige Spannungskurve, im Gegenteil, er wird immer beklemmender und trauriger, ohne jetzt auch nur eine Sekunde ins Depressive abzugleiten. Eine bedeutende Weiterentwicklung gegenüber dem Vorgängerfilm.

Ein Rausch dagegen ist das visuelle Element. Das Märchenreich ist an sich schon bezaubernd genug, doch del Toro bereichert es noch mit vielen einfallsreichen fremden Wesen, wie dem mysteriösen Pan und dem schrecklichen „Pale Man“, der bei Kindern wirklich für Alpträume sorgen kann. Aber auch sonst ist die Locationwahl und das Setting prachtvoll, die Ruinen und das Labyrinth sorgen mit ihrer sonnendurchfluteten ruiniösen Verschlafenheit für Mystery pur.

Ob nun das Phantastische eingebildet oder doch real ist, lässt sich letztendlich nicht endgültig definieren, aber das macht auch nichts, denn del Toro führt seine Geschichte über Tod, Erlösung und Wiederaufstehung in kommenden Generationen mit folgerichtigem Ernst bis in die letzte Szene zuende, wobei er es dem Publikum überlässt, ob es den Film an sich herankommen lässt oder sich der Tragik verschließt.
Im ersteren Falle wird so mancher den Schmerz spüren und sich ohne schlechten Gewissens ein Tränchen verdrücken, alle anderen sich zumindest noch an der Optik laben.
Wunderbar! 9/10

Details
Ähnliche Filme