Von Filmen überrascht zu werden kommt ja öfters vor, wenn man wie wir auch mal abseits des Mainstream ins Videoregal greift und sich mit Produktionen befasst, die nicht durch Werbung und einen hochbezahlten Superstar vorbelastet sind. Aber von einem Film geschockt zu werden, dass passiert doch eher selten. Pans Labyrinth ist solch ein Film. Meine Frau als Fantasy-Fan wollte ihn mal sehen, und da ihr Wunsch mir Befehl ist, saßen wir nun gemütlich vor dem Bildschirm und wunderten uns über die vielen spanischen Namen im Vorspann. Okay, offensichtlich keine Hollywood-Produktion, und obwohl mir für eine Sekunde der Film-Titel Die Nacht der reitenden Leichen durch den Kopf schoß, hätte ich doch niemals gedacht, dass die Richtung gar nicht so verkehrt war...Pans Labyrinth ist ein Fantasy-, ein Märchenfilm von keinem Geringeren als Guillermo del Toro, jedoch nicht zu verwechseln mit Peter Pan oder Labyrinth. Dass es in Spanien spielt zur Zeit der Franco-Diktatur, in dem die Heldin, ein kleines Mädchen von Soldaten, Krieg und Zerstörung umgeben ist, war noch recht unverfänglich - ähnlich begann ja auch Die Chroniken von Narnia. Dass dann eine Elfe in Gestalt eines Insektes auftritt, ist zwar etwas krabbelig zu Anfang, doch sie verwandelt sich bald in eine "richtige" Elfe, und das Labyrinth, in das sie das kleine Mädchen führt, ist auch nicht gruseliger, als der Keller von Hogwarts.
Doch dann wird der unsympathische Stiefvater, seines Zeichens Hauptmann des abgelegenen Armeestützpunktes, auf dem der Film spielt, zu nächtlicher Zeit gerufen, da man einige Verdächtige, Vater und Sohn, aufgegriffen habe, die evtl. den Rebellen Medizin und Lebensmittel gebracht haben könnten. Und von einen Augenblick auf den anderen schwenkt der Film um. Der Hauptmann schlägt dem Sohn so brutal mit einer Flasche das Gesicht ein und erschießt dann beide grundlos, dass uns einen Moment der Atem stockte. Also offensichtlich kein Kinderfilm...
Nun auf alles vorbereitet verfolgten wir gebannt das Abenteuer des kleinen Mädchens. In Ihr schlummert nämlich die Seele einer Märchenprinzessin, die durch das Labyrinth und 3 ihr gestellte Aufgaben zurück ins Märchenland gelangen kann, wo ihr Vater, der König, seit Jahrhunderten auf sie wartet. Die 3 Mutproben sind ziemlich heftig - ich hätte sie nicht gerne bewältigen müssen. So stellt sie sich Riesenkröten, augenlosen Kinderfressern und soll auch noch ein unschuldiges Leben in Form ihres neugeborenen Bruders opfern, und das alles angesichts ihrer todkranken Mutter und ihres sadistischen Stiefvaters, der nebenbei Rebellen jagt und foltert. Wenigstens kriegt der am Ende sein Fett weg...Der Film ist richtig gut, wenn man mit den richtigen Erwartungen hineingeht. Ein gruseliger Fantasyfilm, spannend, fesselnd, mit überzeugender Ausstattung, fantastischen Spezialeffekten (3 Oscars!) und wirklich gutem Spiel. Wenn mich mir völlig unbekannte Schauspieler überzeugen können, dann sind sie gut, und allein der diabolische Hauptmann läßt einem Schauer über den Rücken laufen. Der könnte es auch in Hollywood weit bringen - allerdings nur als Bad Guy, fürchte ich.
Pans Labyrinth ist übrigens FSK 16, wie ich im Nachhinein feststellte, und das zu recht. Ich hoffe meine Videothek sortiert den Film nicht zu den Kinderfilmen ein, denn dann könnte so mancher Familien-Video-Nachmittag ein böses Erwachen geben...(Filme und Mehr - www.olaflux.com)