Review

"Bist du eine Fee?"

Gegen Ende des zweiten Weltkrieges ist Hauptmann Vidal (Sergi López) mit einer handvoll Männern in den Bergen Nordspaniens auf der Jagd nach einer verstreuten Partisanengruppierung. Trotz dieser gefährlichen Situation ordert er seine kürzlich geheiratete Frau Carmen (Ariadna Gil) mit ihrer Tochter Ofelia (Ivana Baquero) zu sich, um die Geburt seines erwarteten Sohnes mit zu erleben. Die junge Ofelia aktzeptiert ihren neuen Stiefvater nicht, der mit äußerster Härte gegen die Partisanen sowie unschuldigen Bauern vorgeht. So verschließt sie sich vor ihm und wendet sich ihren geliebten Märchenbüchern zu.
In einer Nacht besucht sie ein seltsames, kleines Wesen, das einer Fee ähnelt. Ofelia folgt diesem Wesen durch ein Labyrinth aus uralten Mauern und Sträuchern und trifft auf einen Pan (Doug Jones), ein Mischwesen halb Mensch, halb Ziege. Dieser offenbart ihr, sie sei eine Prinzessin aus einem längst vergessenen Reich, wo ihr richtiger Vater auf ihre Rückkehr wartet. Für diese Rückkehr stellt er Ofelia vor drei Herausforderungen, die sicherstellen sollen, dass ihre Seele nicht bereits zu lange bei den Menschen gewesen ist.

"Pans Labyrinth" vom überaus talentierten Regisseur Guillermo Del Toro ("Blade 2“, "Hellboy“-Reihe) lässt sich nur sehr schwer in eine bestimmte Sparte einordnen. In einer Schublade mit Fantasykollegen wie der "Herr der Ringe"-Saga ist der Film sicherlich nicht gänzlich falsch aufgehoben, atmosphärisch und erzähltechnisch geht er aber völligst eigene Wege und integriert seine fantastischen Elemente in einem realen Kriegsszenario.
Das verweben von realen Geschehnissen und magischer Welt geht nahtlos vonstatten. Del Toro lässt dem Zuschauer dabei sehr viel Raum für eigene Interpretationen, bedient sich vieler Metaphern und löst selbst zum Schluss nicht alle Geheimnisse eindeutig auf. Dies ist allerdings auch garnicht nötig, bietet das gebotene Ende doch viel mehr Spielraum um über Del Toro's opulent gestaltete Welt angeregt nachzudenken.

Eindringlich und stimmungsvoll ist diese Welt geworden, völligst ohne den Bombast und massenhafter Action der Konkurrenz. Dies liegt vor allem an den fantastischen und originellen Ideen, sowie der atemberaubenden Bildkomposition. "Pans Labyrinth“ schlägt einen grunddüsteren Ton an. Die beiden gegensätzlichen Welten sind hervorragend ausgearbeitet. Die Realität wird in tristen Farben gehalten, während die magische Komponente den Zuschauer in einer Bilderflut aus düster-intensiven Farbtönen ertränkt.
Das Design der Kreaturen scheint aus Alpträumen inspiriert, erscheinen diese auf sehr gotische, abschreckende Weise. Keines der gebotenen Wesen wirkt süß oder anziehend, allerdings auch nicht völligst abstoßend. Eine gewisse Faszination beinhaltet die detailliert ausgearbeiteten Wesen, die allesamt einer eindeutigen Charakterisierung unterliegen und dadurch, trotz der befremdlichen Erscheinung, glaubwürdig erscheinen. Dies verdanken sie auch der Zuhilfenahme von Masken anstatt übermäßiger Computereffekte.

Die Charakterzeichnung wird durch viele kleine Ereignisse aus dem Leben der Figuren schnell voran getrieben, wobei Ofelia den eindeutigen Mittelpunkt darstellt. Ihre ohne vorbehalte behaftete Sichtweise erleichtert dem Zuschauer den Einstieg in die märchenhafte Welt, die fast völligst humorlos und überaus brutal geraten ist.
Eine Parabel über das Erwachsenwerden und die Perversion der Unschuld liefert Autor und Regisseur Del Toro mit "Pans Labyrinth“ ab. Die Mystik und Magie der Fantasiewelt kombiniert er mit so abscheulich detaillierten wie präzise grausamen Bildern und macht dem Label Horrormärchen damit alle Ehre. So hält die Kamera voll drauf, wenn Hauptmann Vidal einem Bauern mit einer Glasflasche den Kopf buchstäblich zertrümmert oder die Auswirkungen einer Folter zeigt. Parallel beißt in der fantastischen Welt ein groteskes Wesen einem feengleichen den Kopf ab. Mit dieser beinahe durch Voyeurismus geprägten Freizügigkeit beweist Del Toro aber nur eines: Monster gibt es zweifelsfrei in beiden Welten.

Hervorragend integrieren sich die Darsteller in das Geschehen. Während die meisten Schauspieler international unbekannt sind, versteckt sich zumindest ein bekannterer in beliebiger Maskierung. Unter anderem den Pan spielt Doug Jones ("Hellboy“-Reihe") mit erfahrenem Ausdruck.
Ausdrucksstark sind aber auch Sergi López und Maribel Verdú die ihre Rollen fachgerecht zu Bild bringen. Für eine elfjährige bietet Ivana Baquero  ungewöhnlich kontrollierte Schauspielkunst, die im Detail allerdings noch ausbaufähig ist.

Das Gothic-Märchen "Pans Labyrinth" ist eine außergewöhnlich gelungene Mischung aus Fantasyfilm und Kriegsdrama. Mit beeindruckenden Bildern und einer eindringlichen Musikuntermalung lässt der emotional kraftvolle Film den Zuschauer schnell in seine frei interpretierbare Welt eintauchen. Gefestigt sollte dieser sein, denn "Pans Labyrinth" scheut sich nicht vor drastischen Bildern.
Zu einem Epos reicht es nicht, dafür fehlt es an Größe. Erfrischend ist es aber neben dem vielfachen Bombast-Kino einen so ausdrucksstarken "kleinen" Film zu sehen.

10 / 10

Details
Ähnliche Filme