„Try walking in my shoes…“ (Depeche Mode)
Eine junge Inderin lauscht auf dem Flur, wie ihre Eltern sich mit ihren potentiellen Schwiegereltern unterhalten. Vor ihr auf dem Boden stehen die Schuhe ihres möglichen Ehemannes, amerikanischer Herkunft. Leise schlüpft sie hinein und probiert sie aus…was sie fühlt, gefällt ihr…
Mit dieser Schlüsselszene beginnt „The Namesake“, die Saga eines indischen Paares und ihrer Kinder, die in den Vereinigten Staaten sich eine neue Existenz aufbauen.
Fernab vom Schutz der Familie, von all der Armut und den Farben, erscheinen die USA erst kalt und grau, doch mit der Zeit beginnen die sich noch fremden jungen Eheleute einander zu lieben – ohne jedoch ihre Herkunft aus den Augen zu verlieren.
Die Wahrung bzw. Schaffung einer eigenen kulturellen und persönlichen Identität, das ist es, was die indische Regisseurin Mira Nair („Monsoon Wedding“, „Salaam Bombay“) im Blick hat und sie erzählt ihre Geschichte in ruhigen, konventionellen und undramatisierten Bildern, ohne auf bekannte narrative Kniffe und Wendungen zurück greifen zu müssen.
In Häppchenform breitet sich ein Vierteljahrhundert Geschichte vor unseren Augen aus, einmal nicht reflektiert durch die Geschehnisse in der Welt, sondern als persönlicher Mikrokosmus der Figuren.
Dabei wechselt Nair den Fokus ihrer Geschichte immer wieder und nach Belieben.
Im Zentrum stehen wechselnd der Vater, Ashoke, den eine schwere Verletzung dazu gebracht hat, die persönliche Freiheit und erblühende Weltoffenheit und Neugier nicht durch eine zu enge Familienbindung aufzugeben.
So progressiv sein Aufbruch in die Staaten ist, so nah bleibt er, gemäß indischer Sitte, stets seiner Frau, ohne seinen Traum zu verraten, das Beste für seine Familie zu leisten. Dazu nimmt er in Kauf, dass in seinen Kindern eine neue Generation heranwächst, deren Verbindung zur indischen Heimat eine ganz andere ist, als die seiner Frau Ashima.
Diese wiederum, eine Sängerin, hat mit der neuen Welt stärker zu kämpfen, erweist sich jedoch als lernfähig und stellt die Treue stets über den Wunsch nach einer Heimkehr in den Schoß der Familie. Bemüht kämpft sie sich ebenfalls zur amerikanischen Progressivität durch, akzeptiert die Andersartigkeit ihrer Kinder und baut sich mit anderen indischen Einwanderern eine Art Zweitgesellschaft auf, in der es sich für sie leben lässt.
Der Sohn, Gogol, wiederum hat noch stärker zu kämpfen. Ohne die indischen Wurzeln ist er von Geburt an stets mehr Amerikaner als Inder und muß sich seinen eigenen Weg zwischen seiner Herkunft, der seiner Eltern und den Ansprüchen an sich selbst suchen. Da er den Vater meist nicht versteht, trennen sich ihre Wege, berühren sich jedoch immer wieder.
Schließlich wird Gogol erst die Amerikanisierung mit seiner Freundin suchen, sich später seinen traditionellen Wurzeln widmen, als dann auch auf der indischen Seite eine emotionale Enttäuschung erleben, die perfekte Symbiose scheint es nicht zu geben.
Am Ende werden sich alle befreit haben, der Vater hat seinen Traum gelebt, die Mutter ihre Sehnsüchte doch noch erfüllt und der Sohn ist sich seiner Möglichkeiten, die ihm seine Eltern geboten haben, endlich bewusst geworden. Und jeder hat gelernt, wenigstens für einen Moment in den Schuhen des jeweils Anderen zu laufen.
Mira Nair ist ein ruhiger und klischeefreier Film gelungen, der aber durch sehr intensive innere Dramatik besticht. Erst nach und nach enthüllt sich mit den Lebensjahren auch für den Zuschauer wo ungefähr die Filmemacherin hin will und dennoch kann man das Ende des Films nie erahnen.
Was einigen möglicherweise unzentriert erscheint, das stete Springen zwischen Figuren, entpuppt sich als interessanter Kunstgriff, der das Interesse permanent auf hohem Level hält. Ohne zu erahnen, wohin die Reise geht, will man stets wissen, wie es nun mit den Charakteren weitergeht – und das ist das wohl höchste Gut, was einem Dramaturgen widerfahren kann.
Bisweilen ist die Erzählgeschwindigkeit wohl etwas schleppend, aber nie kehrt Langeweile ein, fernab vom modernen Bombastkino, blühend in stiller Natürlichkeit.
Berührend, 8/10!