Wie bereits an anderer Stelle betont: manchmal braucht der Mensch auch primitive Reize. Wer eine Vorliebe für rohes Fleisch zum Frühstück hat und die Musik Manowars zur Meditation verwendet, kann "Kickboxer getrost als Erweiterung seiner ultramaskulinen Lebensführung betrachten, aber auch lebenslinke Lauche wie ich, denen derartiger Maskulinismus fern ist kann der Film durchaus munden. Als Ersatz für die fehlenden Machismen.
Der Film stammt noch aus der Prä - Fuckup - Ära des großen Charakterdarstellers Jean Claude Van Damme, als der belgische Karateheilige und Schutzpatron sexuell verunsicherter Cis - Männer noch Ärsche allerlei Geschlechtes und jeder Sexualität in die Kinosessel gezerrt hat, wohingegen er heute seine Mühe hat, die Leute vor den eigenen Fernseher zu locken. Das Schicksal so mancher Gigachads, siehe Konkurrent Steven Seagal. In dieser tragisch - groben Männeroper, einem Hohelied auf Selbstoptimierung, die Familie und Rachsucht, zeigt uns der flämische Faustgott, wie auch der letzte Dulli seinen Weg im Leben gehen kann. Solange er Amerikaner ist wohlgemerkt. Jepp, 80er - Action und so. Wer das Klischee nur auf Filmemit bösen Russen gemünzt kennt und den das schon verletzt, der sei von einem Mitleftie vorgewarnt: Der Film zelebriert das Weißsein krasser als das Foto des gebleichten Arschloches eines Albino-Schneemannes. Und dennoch unterhält der Scheiß hier.
Und zeitgleich eine Versinnbildlichung der männlichsten aller Weisheiten: Wer nicht hören will muss fühlen. Das gilt für allem für Eric Sloan, Kickboxmeister und Vokuhilagott, der seinen Meisterschaftstitel gegen die thailändische Bambusschrankwand Tong Po verteidigen will. Begleitet von Bruder, Wasserschlepper und Lebendpratze Kurt, der ihn noch eindringichst vor dem irre blickenden Pferdeschwanzträger warnt, tritt der die Reise in Richtung Schwerstbehinderung an und lässt sich im Ring erstmal die Wirbelsäule pulverisieren. Ich sagte ja, wer nicht hören will...
Das kann Laufbursche Kurtl jedoch nicht auf seiner aufkeimenden Männerehre sitzen lassen: er schwört RACHE!!! und RACHE!!! wird er bekommen. Der vietnamgeschädigte Veteran und Berufssäufer Winston, mit dem sich Eric kurzerhand anfreundet kann ihn da auch nicht von abhalten, kennt aber mit dem Kampfkunstmeister Xian Chow jemanden, der zumindest temporär dafür sorgen kann, dass Kurt im Ring am Leben bleibt. Nach der üblichen Prüfung (einem Handgemenge mit der örtlichen Mafia) und dem Anbandeln mit Chows Nichte Mylee hat der frustrierte Kurt endlich genug Testosteron im Blut, um das knochenharte Traning Chows anzugehen. Weil: RACHE!!! Und herabfallende Kokonüsse...
Hier fehlt einiges, was andere Teile der "No Retreat, No Surrender" - Reihe und ihrer diversen Ableger ausgemacht hat: Kein Bruce Lee der vergangenen Weihnacht, keine chinesisch - amerikanische integrationscomedy, einfach nur RACHE!!! und Gedresche im Turniersetting. Dabei ist der geilste Typ nicht traditionell auf guter Seite, sondern Aushängeschld der Baddies und dem zweitgeilsten Typen (dem tatsächlichen Kickboxmeister Dennis Alexio) wird das Protagonistenzepter genau so aus der Hand gerissen die das Rückgrat aus der Verankerung: Van Damme tritt also als absoluter Nobody auf, der sich aus Brüderchens Schatten hocharbeitet. Was ihm gelingt, weil er ja Ami ist. Also nicht Van Damme selbst, aber sein Charakter. Und weil man dessen Status als Held untermauern muss ist Thailand ein einziger rotleuchtender Schandfleck aus organisiertem Verbrechen, Prostitution und kriegsmüdem Alkoholismus. Das wieder in den Griff zu kriegen liegt nun allein bei Kurt, der als weißer Retter in der Not für die scheinbar nicht existente thailändische Justiz einspringen muss. Für die Kunst müssen halt Opfer gebracht werden.
Fraglich sind auch die Traningsmethoden Dennis Chans als Chow: der Kerl, der vom 22 Jahre älteren Lothar Blumhagen synchronisiert wird schärft unserem Nachwuchschampion die Sinnlosigkeit der Rache ein, scheut aber auch nicht davor, dessen Trauma als Motivator zu nutzen. Zudem fällt es mir schwer zu glauben, dass ein Kokosnussbombardement von einer 20m - Palme eine gesunde Abhärtungsmethode ist, aber zumindest eine nette Alternative zu den bondageartigen Dehnmethoden des Meisters, der selbst übrigens keinen Hand - oder besser Faustschlag vormacht, um zu zeigen, wie der Hase läuft. Zu guter Letzt ist der Mann scheinbar auch noch von nationalem Selbsthass geplagt, da er den Spitznamen Van Dammes im Film - "großer, weißer Krieger" - im Film selbst forciert. Entweder das oder besagte Szene ist ein intelligenter Stich gegen die amerikanische Nationalarroganz im Actiongenre und Dennis Chan weiß einfach, was die Amis hören wollen-
Am Ende werden Friede, Freude und Eierkuchen aufgetischt, allen geht's trotz harter Trainingsstrapatzen, Entführung und Vergewaltigung prächtig und bis zu Teil 2 (!) braucht man Michel Qissis Rache auch nicht zu fürchten und das sind immerhin noch drei Jahre. Und so sehr dieser Film mich als aufgeklärten Menschen anwidern sollte, so sehr mag ich ihn. Zum einen ist der Film zu egalitär in seiner "Unterhaltung um jeden Preis" - Haltung, um ihn als ernsthaft politisch bedenklich zu betrachten, zum anderen ist genau dies auch die Haltung der Van Damme - Fanbase alter Tage, die aus Freaks aller Hautfarben, politischer Ideologien, Religionen und Neigungen besteht, vereint unter dem brüderlichen Banner körperbetonter Prolligkeit. Darauf die Genossenfaust in die Luft, hoffentlich nicht mit einem belgischen Bier darin. Da sollte der Spaß dann auch bei jedem aufhören!