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"Sie wird mal eine große Andere sein. Und für zwei große Andere ist kein Platz in Moskau."

Nach dem Verlust von Jegor (Dmitri Martynow) an die Wächter des Tages ist das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse empfindlich gestört. Während Anton Gorodezki (Konstantin Chabenski) Svetlana (Marija Poroschina) im Außendienst trainiert, erwischen sie den nunmehr dunklen Anderen Jegor dabei, wie er einer hilflosen alten Frau die Lebenskraft aussaugt. Da Jegor Anton's Sohn ist, schützt dieser ihn aber vor der Festnahme durch Svetlana.
Kurze Zeit später überschlagen sich die Ereignisse. Eine dunkle Andere wird tot aufgefunden und Anton gerät in Verdacht sie getötet zu haben. Während die Wächter der Nacht nach Hinweisen gegen diese Beschuldigung suchen, tauscht Boris Ignatjewitsch (Wladimir Menschow) die Körper von Olga (Galina Tjunina) und Anton aus. Der Tausch soll Anton vor weiteren Verdächtigungen bei möglichen weiteren Morden entkräften. Tatsächlich geschieht ein weiterer, woraufhin sich die Inquisition, die die Balance zwischen Licht und Finsternis penibel überwacht, einmischt und die Wächter der Nacht in Bedrängnis bringt. All diese Ereignisse machen die Wächter der Nacht blind für Sebulon's Pläne Jegor und Svetlana für den endgültigen Kampf zwischen Licht und Finsternis zusammenzuführen.

Eine Fortsetzung zum russischen Kassenschlager "Wächter der Nacht" war nur eine Frage der Zeit. Der Film erreichte in seinem Heimatland eine unglaubliche Popularität und internationale Anerkennung. Anhand des nun vorliegenden Titels sollte man meinen "Wächter des Tages" sei die Umsetzung einer Geschichte aus dem zweiten Buch von Sergei Lukyanenko's Wächter-Tetralogie. Dem ist allerdings nicht so. Der Film reißt Bruchstücke aus der zweiten und dritten Geschichte des ersten Romans Wächter der Nacht an, hat aber im Grunde eine völligst eigenständige Handlung.

"Wächter des Tages" setzt eine hohe Aufmerksamkeit voraus. Die Handlung ist so wie sein Vorgänger vollgestopft an Informationen über das Leben der Anderen und deren Fähigkeiten. Viele Details sind nicht selbsterklärend und werden auch nicht vorgestellt. Manche verweisen auf "Wächter der Nacht". Kenntnisse des ersten Teils sind somit eine Voraussetzung, um überhaupt eine Chance zu gewährleisten, in die Geschichte einsteigen zu können.
Auffällig ist der Rückgang an Horror-Elementen. Die Fortsetzung hat das bestreben mehr auf seine Figuren zu setzen, was in "Wächter der Nacht" etwas unter ging. Statt aber die in den Romanen vorhandenen Probleme der Unsterblichkeit zu fokussieren, verstrickt sich der Film in eine schwerfällig erzählte Vater-Sohn Beziehung nebst kitschiger Liebesgeschichte. Letztere steht zwar nicht penetrant im Mittelpunkt, geht aber durch übermäßig kunterbunte Bebilderung auch nicht mehr aus dem Kopf.

Die Fortsetzung des Fantasy-Horror-Epos ist zwar immer noch düster, diesmal aber mit einer ordentlichen Portion Humor angereichert. Zünden will dieser aber meist nicht. Zum Teil alberne Witze und unfreiwillige Komik kosten "Wächter des Tages" nicht nur seine Glaubwürdigkeit, sondern auch die Möglichkeit durch Actionszenen das Tempo zu erhöhen.
Erst im 20-minütigen Finale befriedigt die vorgeführte Materialschlacht erwartete Maßstäbe. Visuell bietet der Film hier während der apokalyptischen Zerstörung Moskaus Hochglanzbilder. Umso ernüchternder ist dadurch der mäßige Schluss, der mit einem Rücksprung in die Handlung von "Wächter der Nacht" die Geschichte in sich schließt.

Aus visueller Sicht hat sich gegenüber "Wächter der Nacht" nichts geändert. Ideen, die beim Vorgänger noch als völlig neu und innovativ galten, sind auch in "Wächter des Tages" zu bestaunen. Dadurch erhält der Film seine ungemein dichte Atmosphäre. Das kalte und unwirtliche Moskau gibt einen wunderbaren Kontrast zu Standardschauplätzen und kann durchaus Interesse wecken. Auch die Effekte sind sehr solide ausgefallen. Und obwohl der Film an manchen Stellen etwas überladen und künstlerisch wirkt, gehen die optischen Reize auf.

Regisseur Timur Bekmambetov gelingt es abermals ein opulent attraktives Werk für das Sehvermögen zu erschaffen. Jedoch sind die Einbrüche diesmal größer als noch in "Wächter der Nacht". In der Fortsetzung ist die Erzählstruktur verschachtelter Ereignisketten kompliziert, nicht selten schwerfällig. Es ist müßig zu erwähnen, dass des Originals unkundige Zuschauer kaum eine Chance erhalten in die Geschichte einzusteigen. Der Anteil an Horror-Elementen bricht ein während es die kitschig präsentierten Beziehungen unter den Charakteren erschweren sich auf die Figuren einzulassen. Das wirklich phänomenale Finale lässt die Durststrecke bis dahin leider nicht völligst vergessen. Ebensowenig den mäßigen Witz, der beinahe die gelungene, düstere Atmosphäre zerstört.

6 / 10

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