Review

Großartig, wenn man innerhalb von zwölf Minuten die Gewissheit erlangen kann, dass deutschsprachige Nachwuchsregisseure mit spürbaren Ambitionen in der nächsten Zeit keine Mangelware darstellen dürften.
Der Österreicher Vlado Priborsky bringt mit seinem zweiten Kurzfilm alles auf den Punkt, was einem solchen im Positiven anhaften sollte: Ein überaus kreatives Handwerk auf hohem Niveau mit einer Auflösung, die direkt zur zweiten Sichtung einlädt.

Dabei steht im Grunde lediglich eine Person im Vordergrund des Geschehens: Clemens Lichtenstein (Mario L´Ross), der zurzeit auf dem absteigenden Ast dahin vegetiert: Frau weg, Sorgerecht entzogen, ein derbes Alkoholproblem und Ärger mit Boss Bukowski (Manfred Sarközi).
Als Clemens seine Wohnung betritt, scheint er jedoch nicht allein: Die Wohnungstür nur angelehnt, das Fenster in der Küche geöffnet, vernimmt er Schatten und Schritte und fasst einen Plan: Oder wurde Plan B bereits in die Tat umgesetzt?

Auch wenn der musikalische Einstieg aufgrund seiner Struktur stark am Main-Theme vom „Exorzist“ angelehnt ist, gelingt es dem Komponisten und Kameramann Edgar Moor, im Folgenden eine wahre Melange zwischen eiskalter Starre und kriechender Bedrohung zu kreieren, was ihm mit simplen Mitteln zwischen schrillen Inserts, dumpfen Paukenschlägen und Industrial-Sounds, die ein wenig an „Einstürzende Neubauten“ erinnern, in jeder Nuance gelingt. Die Sounduntermalung ist bei dem spannenden Geschehen ein auffallend tragendes Element.

Aber auch der Aufbau der Kurzgeschichte ist fein kalkuliert.
Schritte auf dem Parkettboden, eine Nachricht auf dem AB, fast ignorierend und nur am Rande wahrgenommen, ein Schatten, flüsternde Stimmen.
Binnen weniger Momente packt einen die Spannung, die aus der scheinbar alltäglichen Situation erwächst: Clemens wird alles ein wenig viel, diverse leere Bierflaschen weisen darauf hin und auch der äußerliche Zustand unserer Hauptfigur unterstreicht das recht glaubhaft. Doch was geschieht innerhalb dieser Zeitspanne von zehn Minuten wirklich?

Wahrscheinlich dürfte kaum ein Betrachter umhin kommen, die rund 12 Minuten ein zweites Mal sichten zu wollen, eventuell auch zu müssen, da die Auflösung diverse Möglichkeiten für Interpretationen offen lässt, womit der Twist durchaus als gelungen anzusehen ist:
Wann fällt etwas vom Schrank und wie reagiert die Instanz am anderen Ende der Telefonleitung? - In sich alles schlüssig.

Insofern ist Vlado Priborsky und seinem Team ein großes Kompliment zu machen, denn 4-5 Tage Drehzeit und eine Nachbearbeitung von rund 17 Monaten zeugen von viel Herzblut, und das Endergebnis kann sich in jeder Hinsicht sehen lassen.
Die beiden erwähnenswerten Darsteller performen absolut glaubhaft, die Kamera ist auf jede einzelne Bewegung abgestimmt und der effektive Schnitt vervollständigt den Eindruck eines grundsoliden Handwerks, welches im Übrigen in HD realisiert wurde.

Für Freunde des leicht übersinnlichen Thrillers ein absolutes Must-see, aber auch Fans von Kurzfilmen sollten zuschlagen, denn Priborsky zeigt auf, wie man mit einer an sich simplen Prämisse ein kleines Kunstwerk erstellen kann.
Hingabe, exakt getimte Kompositionen und ein Gefühl fürs Wesentliche zeichnen diesen packend inszenierten Kurzfilm aus:
Ein rundum gelungenes Stück Independent-Kino.
8 von 10

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