Review

Scorpio (Kurz und schmerzlos Teil 44)

Ein Killer-Thriller kommt heute, sofern er überhaupt noch finanziert wird, nicht mehr ohne explosive Action aus. Das war einmal anders. In der Blütezeit des Genres konnte man sich noch richtig Zeit lassen, seine Charaktere und den dazugehörigen Spannungsplot zu entwickeln. Da durfte es auch mal ein wenig dauern, bis die erste Kugel abgefeuert und der erste Twist aus dem Hut gezaubert wurde. Natürlich hilft es, wenn man zwei Mimen wie Burt Lancaster und Alain Delon aufeinander los lassen kann, denn denen kann man auch eine Weile beim Däumchen drehen zusehen, ohne dass es einen nach der imaginären Forward-Taste dürstet.

„Scorpio" heißt das gut abgehangene Stück Agentenkino, das trotz der da bereist sehr erfolgreichen 007-Konkurrenz mit breiter Brust daherkommt. Michael Winner war hier noch auf dem Zenit seiner Schaffenskunst, bevor er nach dem unerwartet großen „Death Wish"-Erfolg (1974) zum Cannon-Ballermann mutierte. Als alternden und seiner tödlichen Profession müden Staatsdiener hatte er Lancaster bereits in dem Westernabgesang „Lawman" (1971) prächtig in Szene gesetzt. Mit CIA-Auftragskiller Cross legen beide noch eine Schippe drauf und entzaubern das vermeintlich schillernde Agentenmilieu als düsteres Dickicht aus Verrat, Opportunismus und Loyalitäten auf Zeit.

Delon gibt Cross Schüler und Nachfolger „Scorpio" mit der ihm eigenen Mischung aus Präzision und Kälte. Aus der Prämisse, dass er nun ausgerechnet seinen Ausbilder und Mentor aus dem Verkehr ziehen soll, bezieht der Film ein Gros seiner durchweg hohen Spannungsdichte. Winner spielt dabei geschickt mit Delons Nimbus des eiskalten Engels und nutzt dies gewinnbringend für den Plot. Schön auch der Handlungsstrang in Wien, das als Tummelplatz für Agenten beider Supermächte schon immer eine tolle Filmfigur abgegeben hat. Dazu kommt eine fein ausgearbeitete Handlung, die geschickt auf Täuschung, Manipulation und zwielichtige Figuren setzt, so dass man nie sicher sein kann, für wen das Ganze wie ausgeht.

Nihilismus und Pessimismus werden immer wieder von optimistischen Einschüben zur Seite gedrängt, wobei ein klassisches Happy End hier nie als Option erscheint. Anno 1973 konnte man dem vergleichsweise erwachseneren Kinopublikum in dieser Hinsicht aber auch noch mehr zumuten, ein Umstand den Winner zu nutzen weiß und der dem Film sehr gut zu Gesicht steht.
Für wen also versiertes Schauspielkino und ein sowohl gemächlich wie auch komplex entwickelter Spannungsbogen nicht im Widerspruch zu gelungenem Agentenkino stehen, der wird mit „Scorpio" bestens unterhalten werden. Als Antithese zum gehetzten Bourne-Stil, ist Michael Winners Thriller aber auch stilistisch und filmhistorisch eine lohnende Option.

Details
Ähnliche Filme