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Ist in Cineasten-Kreisen von bedeutenden französischen Filmregisseuren die Rede, fällt neben den Großen des Mediums, François Truffaut oder Jean-Luc Godard etwa, auch immer wieder der Name Eric Rohmer. Mit seinen dialoglastigen Filmen lotete der Mitbegründer der Nouvelle Vague die Untiefen zwischenmenschlicher Beziehungen und verstrickter Gefühle aus. Sein Werk wird dabei von thematisch kohärenten Reihen gegliedert.

So eröffnet etwa "Die Frau des Fliegers" aus dem Jahre 1980 seine unter dem Motto "Sprichwörter und Komödien" stehende Reihe. Dieses Charakterporträt mit ebenso komödiantischen wie dramatischen Zügen ist ein sehr typisches Rohmer-Werk - und zugleich eines seiner besten: In locker-leicht inszenierter Atmosphäre, mit geradezu schwebender Figurencharakterisierung und einer so elegant zurückhaltend agierenden Kamera, dass man glatt vergessen kann, einem Film beizuwohnen, lässt er eine Handvoll Figuren ihre tief verwurzelten Gefühle zueinander erforschen - und zum Teil daran verzweifeln.

Wo sich andere Filmemacher bestenfalls mit einer Menage à trois begnügen, entwickelt Rohmer hier einen erstaunlichen Reigen ineinander gleitender Charaktere, deren emotionale Verwicklungen so komplex wie leichtfüßig dargestellt werden. Größtenteils unglückliche Liebe junger Menschen um die 20 und die verängstigte Sinnsuche im eigenen Leben sind die großen Themen, um die sich dieses Dialogstück Schritt für Schritt entfaltet.

Zugegeben, man braucht ein wenig Sitzfleisch und man muss in der Lage sein, über 90 Minuten hinweg sehr langen, gleichermaßen eleganten wie lebensechten und gefühlvollen Dialogen zu folgen. Der gesamte Film besteht aus nicht mehr als vier oder fünf unglaublich lang gezogenen zentralen Szenen: Dialoge zwischen verschiedenen Agierenden dieses Netzes der Leidenschaften, emotionale Liebeserklärungen und Zurückweisungen und die vielleicht heiterste Verfolgungsjagd der Filmgeschichte. Wie sich in diesen breit ausgewalzten Szenen nach und nach die inneren und äußeren Konflikte der Figuren, ihre Hoffnungen und Wünsche manifestieren, ganz ungestört von Filmmusik oder Kameraspielereien, ist ein wahrer Genuss für Freunde detailverliebt entwickelter Dialoge. "Die Frau des Fliegers" entwickelt mit der Zeit eine derart große sprachliche Intensität, dass man diesen Film beinahe als literarisches Werk auffassen und genießen kann.

Trotz dieses enormen Dialogübergewichts wird der Film nicht für eine Minute langweilig. Die Charaktere entwickeln sich quasi vor den Augen des Zuschauers, gewinnen an Konturen, Hintergrund, Gefühlen, und das alles in einer so naturalistischen Darstellung, dass es einem den Atem verschlagen kann. Die großen Themen der Kunst und des Lebens: Liebe, Hoffnung, Angst vor der Zukunft, werden hier federleicht und mit immer wieder durchblitzendem Humor behandelt. Rohmer braucht keine Knalleffekte, keine großen dramatischen Wendungen - er zeigt das Leben in all seiner Schönheit, Einfachheit, Unsicherheit. "Die Frau des Fliegers" ist ein Film, von dem sich jeder berührt fühlen muss, der einmal jung und verliebt war; ein Film, der aufzeigt, wie man das Leben zu meistern versucht und trotz aller Rückschläge einfach weiter macht; und der gerade durch sein offenes Ende diese Realitätsnähe auch dramaturgisch zu retten weiß.

Wer Eric Rohmer noch nicht kennt, ist gut beraten, mit diesem leisen, gefühlvollen Meisterwerk einzusteigen; und wer ihn kennt, sollte sich diesen Höhepunkt seines Schaffens keinesfalls entgehen lassen.

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