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Im Schilfgürtel des nördlichen Neusiedler Sees treibt ein versiegelter Geldumschlag auf dem Wasser, der von einem als "Zigeuner" bezeichneten wildernden Landfahrer (János Horváth) gefunden und erbrochen wird, um das Geld an sich zu nehmen. Unweit davon treibt die Leiche des Briefträgers Altdorfer (Gerhard Riedmann) im Wasser. Der Jagdaufseher Karoly (Heinz Altringen) entdeckt im seichten Wasser die Leiche. Ein etwas verschroben wirkender Krötensammler streift in verdächtiger Nähe zum Fundort herum. Der Täter ist zwar noch nicht gestellt, aber im Dorf gehen schnell die ersten Gerüchte bezüglich der Täterschaft des Landfahrers um.

Bezeichnenderweise predigt der Pfarrer (Walter Ruys) der versammelten Dorfgemeinde in der Kirche aus Matthäus 7 die Mahnung Christi "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn nach welchem Recht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden."  Der Postmeister wird aus der Kirche gerufen und vom Tod seines Mitarbeiters informiert. Die Angst vor dem öffentlichen Skandal und seiner nun auf der Kippe stehenden Beförderung übersteigen seine Trauer bei Weitem. Die Untersuchung der Leiche ergibt, dass Gerhard Altdorfer Gewalt angetan wurde. Der Fleischergeselle Josef Jindra (Joe Trummer) hat im Schilf beobachtet, wie die Leiche von Jagdaufseher Karoly gefunden wurde. Er ist nervös und deutet bei Stefan, dem Sohn Karolys, an, dass er etwas sagen möchte. Stefan droht Josef. Auch Karl (Bruno Dallansky), der Sohn des Bürgermeisters, und Franz (W. Riemerschmid), der die Dorfgaststätte betreibt, in der Karolys Tochter Elisabeth (Ilka Windisch) als Kellnerin arbeitet, haben Angst, dass Josef etwas sagen könnte. Die rassige Irma (Annemarie Ziegler), die Stefan umgarnt und mit ihm ein raffiniertes Spiel aus Anziehung und Distanzierung spielt, merkt, dass die jungen Männer vor irgendetwas Angst haben.

Der Landfahrer hat zwischenzeitlich den namentlich gekennzeichneten Hut von Walter Koger (W. Regelsberger) im Schilf gefunden. Walters Mutter (Maria Eis) wirft ihrem Sohn Herumtreiberei vor. Der Fundort des Hutes stellt ein solch belastendes Indiz dar, dass Walter verhaftet wird. Alexander (Alexander Kerszt), der mit den Ermittlungen beauftragte Gendarm, ist der Verlobte von Elisabeth.

Mittlerweile ist die Verlobte Altdorfers, die Volksschullehrerin Maria Klemm (Margit Herzog), ins Postamt zum einzig verfügbaren öffentlichen Telefon des Ortes gerufen worden, wo sie vom Tod Gerhards erfährt. Von einem Moment zum anderen ist ihr großer Traum vom kleinen Glück zerstört. Dass Altdorfer und der nunmehr unter Mordverdacht stehende Walter schon in der Schulzeit Feinde waren, belastet Walter umso mehr. Seiner Mutter ist klar, dass er nicht die Wahrheit sagt, sich selbst sogar belasten würde, um andere zu decken.

Stefan instruiert derweil Josef, Franz und Karl, welche Antworten sie bei einer Vernehmung geben müssen. Emotionslos geht Stefan zum Wein über, nachdem er die drei anderen Kumpanen mit seiner "offiziellen" Version der Begebenheiten auf Kurs gebracht hat. Josef scheint weniger abgebrüht als die drei anderen, er fühlt sich in der Situation nicht wohl. Stefan macht sich bei den anderen über ihn lustig, spottet, dass er wohl etwas habe mit der "Gansl-Anna" (Grita Pokorny), einem schlichten, zuweilen aufdringlichen Mädchen aus dem Dorf, das die Gänse hütet und nach Anerkennung und Aufmerksamkeit giert. Womöglich ist dieses Mädchen seelisch behindert. Empathisch begegnet ihr kaum jemand.

In einer (ersten) Rückblende wird deutlich, dass Altdorfers Fahrrad in Reparatur war und er sich deshalb für das Abholen des Wertbriefs ein Fahrrad leihen wollte - bei Stefan. Da er diesen jedoch nicht antraf, nahm er sich kurzerhand das Fahrrad ohne Erlaubnis, um es nach Abholen des Geldumschlags im Nachbardorf wieder bei Stefan abzustellen. Beim Entwenden des Fahrrads wurde Altdorfer von der Gansl-Anna gesehen, die Stefan gegen das Versprechen, sie zum Tanz auszuführen, verrät, dass das Rad von Gerhard entwendet wurde. Sie ist selig, nun endlich einmal eine wichtige Rolle im Dorf zu spielen, malt sich aus, wie die anderen Mädchen sie beneiden, wenn sie mit so einem feschen Burschen erscheint. Ihr Glück wird noch gesteigert, als Stefan ihr ein Lebkuchenherz schenkt, das sie fortan um den Hals trägt. Da Stefan bei Irma seine Lust noch nicht ausleben durfte, ist ihm die blonde Anna gerade recht, um sich mit ihr im Heu zu verlustieren, doch die vor Eifersucht tobende Irma entdeckt die Beiden gerade zur rechten Zeit bevor es zum Äußersten kommt. In der Rückblende ist auch zu sehen, dass Gerhard kurz vor seinem Tod, bereits mit dem Wertbrief in der Tasche, noch mit Maria auf einer Tenne getanzt hat - begleitet von Csárdás-Musik.

Eine bislang verborgen gebliebene Liaison wird offenbar: Elisabeth gesteht Alexander, dass sie in der fraglichen Nacht mit Walter in einer Hütte im Schilf am Ufer des Sees zusammen war. Alexander ist fassungslos. Somit hat Walter ein Alibi, will aber die Aussage verweigern. Elisabeth zeigt sich couragiert: Sie will sagen, was sie weiß.

In einer zweiten Rückblende wird deutlich, dass in jener Nacht, in der Elisabeth und Walter in der Hütte im Schilf eine sinnliche Zeit miteinander verbrachten, noch jemand im Schilf war: der Landfahrer. Die Gansl-Anna behauptet - mal wieder - etwas zu wissen und möchte es der Gendarmerie sagen. Karl und Franz haben für das unbedarfte Mädchen nur Spott und Hohn übrig.

Gerhard und Walter konnten sich schon seit der Schulzeit nicht leiden. Walter wollte ihn damals sogar einmal erwürgen. Doch ist er deshalb der Mörder Gerhards?

Die verwitwete Metzgereiinhaberin Emma (Edith Meinel), die im Dorf als "Zugereiste" gilt,  vermisst auf einmal ihren Gesellen Josef. Ihre Verzweiflung wächst von Stunde zu Stunde. Wusste die Gansl-Anna nicht etwas? Auf ihren Hinweis hin finden sie Josef gefesselt und geknebelt in einer Scheune unter dem Heu. Geschwächt und benommen möchte er dem Gendarm alles sagen, redet aber auf einmal nur allgemein von einem "Überfall", als er Stefan bedrohlich blickend in einem Eingang gegenüber wahrnimmt. Stefans Vater führt auf einmal triumphierend den Landfahrer vor, den er mit dem Geldumschlag gefasst hat. Er hält ihn für den Mörder. Der verängstigte Dieb beteuert, dass er mit dem Mord nichts zu tun habe. Er trägt den Hut, in dem Walters Name steht. Nun glaubt Alexander endlich, dass Walter tatsächlich in der Todesnacht mit Elisabeth im Schilf gewesen ist.  Als der Landfahrer sich auf einmal losreißt, um panisch ins Schilf zu flüchten, setzen Karl und Franz ihm nach und bringen ihn zurück zu Alexander.

Josef, zunehmend getrieben von seinen Gewissenskonflikten, will nun endlich reden. Als Stefan auf seinem wieder aufgetauchten Fahrrad flüchtet, folgt ihm seine Schwester auf einem Pferd und holt ihn ein, als Stefan stürzt und sich verletzt. Derweil putzt Irma wie eine Furie Anna runter, weil diese ihren Mund bezüglich des Fahrrad-"Entleihers" Gerhard und des Ortes, an dem man den gefesselten Josef versteckt hatte, nicht gehalten hat. Den kurzen emotionalen Höhenflug der Verlachten beendet sie endgültig, als sie ihr jäh das Lebkuchenherz vom Hals reißt und vor ihren Augen zertrampelt.

Die dritte Rückblende zeigt sodann die entscheidenden Geschehnisse der Todesnacht im Schilf. Stefan, der als Werkmeister in einer Schilfweberei arbeitet, wird am Samstagabend zum Fischen von seinen drei Kumpanen Franz, Karl und Josef an der Neusiedler Bucht erwartet. Dass Stefan bislang bei Irma nicht zum Zuge kam, wird von den Dreien spöttisch thematisiert. Als Stefan endlich nachkommt, wird Josef klar, dass Gerhard, der auf seinem Botengang zu Fuß durch das Schilf kommen muss, für das Ausleihen des bereits wieder zurückgestellten Fahrrads ein Denkzettel verpasst werden soll... Josef erweist sich in der Männerrunde als personifiziertes, mahnendes und mäßigendes Gewissen, doch in die Dynamik der Handlung vermag er nicht wirksam einzugreifen. (Was sich im Folgenden zuträgt, soll an dieser Stelle nicht erwähnt werden.)

Am Ende wirft Irma den Kreuzanhänger, den Stefan ihr anfangs vom Hals riss, durch das geöffnete Fenster der Amtsstube der Gendarmerie, in dem das klärende Verhör stattfindet. Eine symbolisch starke Geste - ein tröstendes Zeichen?

Das Dorf mit seinen niedrigen Häusern und Ziehbrunnen, den unbefestigten Straßen, auf denen Kühe und Gänse in einer Grassteppen-Kulturlandschaft vorangetrieben werden, wird mit nahezu dokumentarischer Sachlichkeit als geschlossene Gesellschaft dargestellt. Ein Hineingreifen von außen erfolgt nur in singulären Zusammenhängen in Form der Kirche und des Post- und Fernmeldewesens. Selbst die staatliche Verwaltung, personifiziert durch den Bürgermeister, den Jagdaufseher und den Gendarm Alexander, ist im Dorf zu verorten und mit diesem untrennbar verbunden.

Als geradezu morbide Symbole erscheinen dekorativ aufgestellte präparierte Vögel im Hause Karoly, vor allem in Stefans Zimmer. Kurt Jaggberg spielt den Stefan mit faszinierender, latenter Düsternis. Das Unerlernbare der weiten Palette zwischen Grobheit und Feinheit schien ihm eigen zu sein. Dies wird an vielen Stellen deutlich - um nur eine Szene hervorzuheben, sei die Stelle erwähnt, an der Stefan der ihn reizenden Irma bösartig und brutal den Kreuzanhänger ihrer Kette vom Hals reißt, ohne zu ermessen, was ihr dieser Anhänger, der ein Erinnerungsstück ihrer Mutter ist, bedeutet. Doch es ist das alte Lied, im Kleinen wie im Großen: Gewalt zieht Gewalt nach sich. Wer Brutalität erfährt, sieht sich im Recht, diese weiterzugeben. So reißt Irma, die kurz zuvor noch den Kreuzanhänger durch Stefan von ihrem Hals gerissen bekam, wenig später selbst Anna das Lebkuchenherz, an dem diese so hing, vom Hals.

Die ungarischen Tänze, in die sich Gerhard und Maria auf der Tenne einreihen, machen deutlich, dass das Burgenland aus den Grenzziehungen des Vertrags von Saint-Germain hervorgegangen ist, mit welchem Westungarn Teil des drastisch verkleinerten Österreichs wurde. Diese kulturellen Verflechtungen bilden - eingedenk der Entstehungszeit des Films - eine atmosphärisch dichte Folie für den Film, ohne ins Folkloristische abzudriften.

"Flucht ins Schilf" ist nicht nur ein Lehrstück über die hermetischen Strukturen eines Dorfes, in das Kraftfahrzeuge, Massenmedien und moderne Kommunikationsmittel noch keinen Einzug gehalten haben, sondern auch ein filmisches Plädoyer gegen Vorverurteilung und Selbstjustiz. Die toxische Wirkung eines Satzes wie "Ich schaff mir mein Recht selber" (Stefan) wird in eindringlichen Schwarzweiß-Bildern (Kamera: Walter Partsch) vermittelt. Nicht nur beim Fußballspiel (das neben dem Csárdás-Tanz als eines von wenigen Freizeitvergügen der dörflichen Welt zu benennen ist) lautet der Spielstand 4:1 - auch in Bezug auf den Todesfall steht einem verhafteten Tatverdächtigen eine Gruppe von vier Männern gegenüber, die zwar zunächst nicht im Zentrum der Ermittlungen steht,m deren Alibi aber Fragen aufwirft. Nicht ausgelebte Sexualität sucht sich auf einer anderen Beziehungsebene ihr unheilvolles Ventil. Lügen und Geheimnisse entstehen im Wechselspiel mit Gewaltlegitimation und falsch verstandener Kumpanei.

Kurt Steinwendner, der 1951 mit einer avantgardistischen Filmvariation des Gedichts "Der Rabe" von E. A. Poe für das Filmschaffen seiner Zeit eine mögliche andere Ausrichtung als Kontrast zum vorherrschenden Genre des Heimatfilms hätte vorgeben können, schuf mit "Flucht ins Schilf" einen herausragenden Spielfilm, der dramaturgisch funktioniert und ein soziologisch differenziertes Abbild einer geschlossenen Einheit von Zeit und Raum enthält.

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