Review

Die Prämisse klang ja spannend: Das Remake von „When a Stranger calls“ sollte vom mittelmäßigen Original nur die beste Szene, den Auftakt, übernehmen und auf Spielfilmlänge darstellen.
Schon die Credit-Sequenz kündigt an, dass es hier um Mörder geht, der Babysitterinnen telefonisch belästigt und dann irgendwann blutig zuschlägt. Aufgrund des PG-13 Ratings wird zwar nichts davon gezeigt, aber angedeutet. Das ist ja auch ganz schick gemacht, nimmt dem Film aber auch Überraschungspotential, denn es wird klar, wie die Auflösung des Hauptplots aussehen wird (dass es sich dabei dann tatsächlich nur um einen Scherz handeln könnte, wird als direkt ausgeklammert).
Doch ehe „Unbekannter Anrufer“, wie das Remake hierzulande heißt, zu obszönen Anrufen kommt, muss erst mal die Heldin vorgestellt werden. Jill Johnson (Camilla Belle) heißt sie, man lernt sie beim Lauftraining kennen, also ist auch schon mal erklärt, warum sie möglichst zügig vor potentiellen Killern fliehen könnte. Jill hat nur zuviel telefoniert, deshalb ist das Handy gesperrt. Eine nette Idee, denn das Handy negiert in aktuellen Filmen ja viele Möglichkeiten, welche frühere Filme hatten (Telefonleitungen kappen usw.).

Um die Schulden bei ihren Eltern abzuarbeiten, soll Jill Babysitten. Doch kaum hat sie es sich gemütlich gemacht, bekommt sie obszöne Anrufe. Bald glaubt sie nicht mehr, dass dies nur ein Scherz sein könnte...
„Unbekannter Anrufer“ ist ein Thriller mit Gebrauchsanweisung, denn bereits die erste Führung durchs Haus etabliert fast alle wichtigen Elemente: Locations (Gästehaus, Kinderzimmer), potentielle Schreckquellen (Haushälterin, die unvermeidliche Katze für die cat attack) und dergleichen. Ein paar Nebenfiguren zum eventuellen Dahinmetzeln werden vorgestellt und so kann man schnell absehen, wie „Unbekannter Anrufer“ im weiteren verlaufen wird, denn nahezu jedes erwähnte Element wird verwendet.

Doch leider schafft „Unbekannter Anrufer“ es nicht die Auftaktszene des Originals wirklich auf Spielfilmlänge zu strecken, die eigentliche Einleitung dauert 50 der insgesamt 80 Minuten Spielzeit. Erst dann wird sich Jill des Ausmaßes der Bedrohung bewusst, obwohl Auftakt sowie einige andere Szenen dem Zuschauer bereits signalisiert haben, dass wirklich ein Killer lauert. Danach folgt der Überlebenskampf gegen den Killer, der ist auch ganz ordentlich, ist allerdings sehr laut: Verfolgungsszenen, Konfrontationen usw. Dabei hättet man aus der Prämisse ja ein nettes Katz-und-Maus-Spiel stricken können.
Neben der zu langen Einleitung ist das PG-13 Rating das größte Problem von „Unbekannter Anrufer“. Klar kommt ein Telefonthriller auch ohne Blutorgien aus, doch „Unbekannter Anrufer“ ist einfach mutlos: Die wenigen Mordszenen geschehen alle im Off, werden teilweise noch nicht mal angedeutet und es braucht schon etwas mehr als handelsübliche Schockeffekte und Leichenfunde, um den Zuschauer zu gruseln. Den Mut des Originals, das bereits in der Anfangsszene zwei Kinder verschliss, erwartet man ja gar nicht, doch „Unbekannter Anrufer“ ist zu harmlos.

Dabei macht der Film optisch unheimlich viel her, denn Simon West setzt das Haus sehr stilvoll in Szene. Auch die Architektur mit den riesigen Panoramafenstern, den hohen Decken und Nischen sieht nicht nur schick aus, sondern treibt das Spiel um beobachten bzw. beobachtetwerden ganz nett weiter. Nicht unbedingt ein Kracher, aber irgendwie ehrlich ist die Idee, dem Psychopathen gar nicht erst ein Motiv zu verpassen: Statt einer Alibierklärung verzichtet „Unbekannter Anrufer“ gänzlich darauf.
Camilla Belle als resolutes Opfer schlägt sich wirklich gut und muss den Film über weite Strecken alleine tragen, was ihr auch gelingt. Auch den Grat zwischen Toughness und Opferrolle trifft sie recht gut. Der Rest der Darsteller hingegen bleibt wegen der wenigen Screentime kaum im Gedächtnis.

So sind Original und Remake schlussendlich jedes auf seine Weise mäßig. „Unbekannter Anrufer“ krankt jedenfalls an der Tatsache, dass das Drehbuch nicht für Spielfilmlänge geeignet ist und mit einer langen Einführung zu wenig Spannung aufbaut. Inszenatorisch macht der Film jedoch einiges her und kann sich so ins Mittelmaß retten.

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