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„Was hast du gerade an?“ („Die Glotze, so'n Ami-Remake eines Klassikers läuft!“ - *klick* *tututut...*)

Im Zuge des allgemeinen Remake-Wahns vergriff sich US-Regisseur Simon West („Con Air“) an Fred Waltons Psycho-Thriller-Klassiker „Das Grauen kommt um 10“ aus dem Jahre 1979, der 1993 ebenfalls unter Walton mit „Stimme der Dunkelheit“ eine gelungene Fortsetzung erfuhr. Das Ergebnis nennt sich „Unbekannter Anrufer“ und erschien 2006.

Eine nach Meinung ihrer Eltern viel zu hohe Mobilfunkrechnung zwingt die Highschool-Schülerin Jill Johnson (Camilla Belle, „The Quiet“) dazu, einen Monat lang widerwillig auf ihr Handy zu verzichten und am Wochenende schuften zu gehen – zum Beispiel Babysitten bei den Mandrakis (Kate Jennings Grant und Derek de Lint). Diese bewohnen ein abgelegenes großes Grundstück mit luxuriösem Haus. Nachdem man Jill die Kinder überantwortet und sie mit den Junior-Mandrakis allein gelassen hat, klingelt immer wieder das Telefon. Zunächst meldet sich niemand, später jedoch eine unheimliche Männerstimme, die ihr rät, nach den schlafenden Kindern zu sehen. Als sich herausstellt, dass sich der Anrufer im selben Gebäude befindet, gerät Jill in Lebensgefahr.

’70er-Thriller wie „Black Christmas“ und eben „Das Grauen kommt um 10“ mit seiner auf einer urbanen Legende basierenden Geschichte waren Vorbild für manch Slasher sowie mehrere Filme mit „Hider in the House“-Thematik. Während Waltons Original im Prinzip gleich Prequel, Täter-Psychogramm und Fortsetzung in einem war (und diese gewagte Mischung nicht zu 100% funktionierte), beschränkt sich West darauf, lediglich das erste Drittel des Originals neu zu verfilmen und dieses dabei mit neuer Vorgeschichte versehen auf Spielfilmlänge auszudehnen. In einer Art Prolog bekommt man zu sehen, dass offenbar Kinder ermordet wurden; Steve Eastin als Detective Hines sieht dabei Charles Durning aus dem Original ein wenig ähnlich, wird im weiteren Verlauf des Films aber leider nur kurz zu sehen sein. Der eigentliche Beginn der Handlung wurde sehr auf ein jugendliches Publikum zugeschnitten und wirkt wie einer Teenie-Seifenoper entsprungen. Ist Jill erst einmal allein in der Luxusbude, faszinieren Prunk, Protz und Technik des Hauses mehr als der Gruselanteil.

Denn West setzt verstärkt darauf, den Zuschauer durch sog. „Jump Scares“, einige davon „False Scares“, zu erschrecken, statt den Psycho-Terror der Situation voll auszukosten. Die Wirkung der Anrufe, insbesondere der bedeutsamen, verpufft beinahe. Die Situation verlagert er gar ab einen bestimmten Punkt nach draußen und macht ein x-beliebiges Katz- und Maus-Spielchen aus ihr. Zwar bemüht er sich, die Szenerie in dunkle Farbtöne zu tauchen und versteht es bisweilen, aus der Unübersichtlichkeit und Fremdartigkeit des Luxusambientes dramaturgisches Kapital zu schlagen, wirkt letztlich jedoch schrecklich uninspiriert und mutlos. Die Charakterisierung des Täters entfällt komplett, wie eingangs erwähnt fehlt auch der Resozialisationsaspekt vollständig. Zudem ist das Drehbuch furchtbar inkonsequent, was inhaltliche Härte im Allgemeinen betrifft. Ein nerviges Teenie-Blondchen um die Ecke zu bringen, ist kein Psycho-Terror, sondern entstammt dem altbekannten kleinen Slasher-1x1. (Achtung, Spoiler!) Zu einem dafür relativ frühen Zeitpunkt eindeutig zu zeigen, dass die Kinder überleben, ja, sogar ungeahnte Selbsterhaltungsenergien aufbringen, ist in Bezug auf den Spannungsbogen höchst unklug und besiegelt das Versagen des Remakes gegenüber dem Original in den meisten relevanten Punkten. Zugegeben, die Schlusspointe, die das traumatisierte Opfer zeigt, ist vertretbar. Camilla Belle gibt eine passable „Scream Queen“, an ihr liegt’s nicht.

Alles in allem hat man es abermals mit einem Remake der Marke „besonders überflüssig“ zu tun, das in allen Punkten gegenüber dem Original abstinkt, nichts bzw. nichts Interessantes hinzufügt (ganz im Gegenteil) und nichts originell variiert. So bleibt am Ende ein harmloser Teenie-Slasher von der Stange, der enorme Schwierigkeiten haben dürfte, sich dauerhaft im Gedächtnis des Zuschauers festzusetzen, so sehr dieser möglicherweise auch oberflächlich-kurzweilig unterhalten worden sein dürfte. Vor allem aber handelt es sich um eine ärgerliche Profanisierung eines Psycho-Thriller-Klassikers, und das stößt selbst einem Slasher-Freund wie mir sauer auf.

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