Review

„Lucky Number Slevin“ fand leider kaum Beachtung, ist in England bereits auf DVD erschienen, hierzulande noch gar nicht, obwohl es sich um eine der besten Gangstergrotesken handelt.
Schon die ausgiebige Auftaktsequenz ist schlicht und einfach cool. Mehrere Menschen werden ermordet, in zwei von drei Fällen sieht man den Killer nicht. Im dritten Falle erzählt der Killer (Bruce Willis) noch eine Geschichte um einen Kansas City Shuffle. Das alles ist nicht nur gnadenlos cool, sondern macht schon mal gespannt auf den Film, den man merkt schnell, dass alle diese Vorfälle etwas mit dem Hauptplot zu tun haben, aber man kann sich noch nicht denken wie.
Hauptfigur ist Slevin (Josh Hartnett), der seinen Kumpel Nick in New York besuchen will. Nick ist jedoch nicht da und vor der Tür stehende Gangster halten Slevin für Nick. Somit gerät in eine komplizierte Verschwörung, welche gleich zwei rivalisierende Syndikate beinhaltet...

Regisseur Paul McGuigan und Drehbuchautor Jason Smilovic haben wirklich Talent eine überaus spannende Geschichte zu erzählen. Die Hinweise auf die richtige Lösung sind mannigfaltig, nur schwer zu deuten und so überraschen die Plottwists zwar, doch am Schluss macht die ganze Geschichte Sinn. Den ganz großen Twist kann der erfahrene Zuschauer nach einer Stunde zwar bereits erahnen, doch trotzdem bleibt die Geschichte stets spannend, kann selbst nach vermeintlicher Offenlegung aller Fakten noch die eine oder andere Überraschung bieten. Die Story wird nicht immer ganz chronologisch erzählt, Rückblenden und ähnliche narrative Mittel sorgen für größeres Überraschungspotential. Zudem spielt „Lucky Number Slevin“ an einigen Stellen äußerst effektiv mit Klischees und Erwartungshaltungen, die das Gangstergenre bietet.
Zudem ist „Lucky Number Slevin“ als Gangstergroteske mit einigem Wortwitz gesegnet, meist wenn die Personen aneinander vorbeireden oder Slevin den Gangsterjargon nicht versteht. So fällt bereits das erste Gespräch mit den Gangstern in Nicks Wohnung folgendermaßen aus: „I’m not the guy you’re looking for. I don’t live here.“ – „You look like the guy who lives here.“ – „Then you don’t know whar the guy who lives here looks like.“ – „He means to say you look like you live here.“ Derartige Wortspiele gibt es viele, die Dialoge sind durchdacht und zitatwürdig, wodurch „Lucky Number Slevin“ schnell einen wunderbaren, lockeren Ton bekommt. Auch die Oneliner sind klasse: „In case you still live, when I come home – do you want to go to dinner with me?“

Ebenso gelungen ist das Figurenensemble: Das ist Slevin, der die meiste Zeit über durch den Film stapft, als wisse er gerade nicht wie ihm geschieht. Da ist der Killer aus der Eingangssequenz, der zwar immer wieder auftaucht, aber lange Zeit ein einziges Rätsel ist. Die nette Nachbarin Lindsey (Lucy Liu) mit einem Faible fürs Detektivspielen. Die verfeindeten Gangsterboss, einfach nur The Boss (Morgan Freeman) und The Rabbi (Ben Kingsley). Allesamt sehr illustre und sehr coole Figuren, die jedoch zumindest zum Teil auch noch einen Hintergrund haben und nicht nur coole Pose wie bei Tarantino sind.
Parallelen zu Quentin Tarantino und Guy Ritchie sind zwar sicher vorhanden, doch „Lucky Number Slevin“ unterscheidet sich doch von deren Werken, ist düsterer und härter. So wird hier auch recht konsequent gekillt, wobei die zahlreichen Todesszenen nie selbstzweckhaft oder übertrieben brutal sind. Vieles wird nur angedeutet, das Ganze hat zudem stets einen etwas surrealen Touch (u.a. Mord durch Baseballwurf, gezeigt aus Sicht des Opfers). In Action artet das nie aus, aber die Szene, in welcher der Killer die beiden durch die Wand kommenden Goons ausschaltet, ist schon sehr cool gemacht.

Was „Lucky Number Slevin“ noch veredelt, ist die Optik. McGuigan arbeitet mit Farbfiltereinsatz, netten Kamerafahrten, Einsatz von Zeitraffer wie Zeitlupe und verwendet teilweise ungewöhnliche Kamerawinkel. Auch die Überblendungen und Umschnitte sind stellenweise sehr kreativ, doch stets bleiben die optischen Schmankerl im Rahmen, sodass ihr Einsatz nie übertrieben, sondern stets passend wirkt.
Zu guter letzt lebt „Lucky Number Slevin“ noch einem tollen Ensemble. Josh Hartnett bricht wunderbar mit seinem Schönlingsimage, läuft fast den ganzen Film über mit gebrochener Nase und einer Frisur, die nicht richtig liegen will, durch die Gegend, und offenbart viele schauspielerische Qualitäten. Bruce Willis ist als Killer mal wieder King of Cool und spielt seine Rolle ebenso bravourös wie in „Keine halben Sachen“. Der sonst so sanfte Morgan Freeman überzeugt als Gangsterboss, Gegenspieler Ben Kingsley ebenso und auch Lucy Liu hält als einzige große Frauenrolle in dem Ensemble ebenbürtig mit. Ebenfalls toll die Nebendarsteller, darunter unter anderem Stanley Tucci, Mykelti Williamson und Danny Aiello.

Den ganz großen Twist von „Lucky Number Slevin“ ahnt man vielleicht eine Spur zu früh, doch davon abgesehen ist der humorige Gangsterthriller eine echte Offenbarung: Wunderbare Dialoge, eine vertrackte, spannende Story, hervorragende Darsteller und Spitzenoptik zeichnen den Film aus.

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