Review

  „A kind of magic"

Der „normale" Kinofilm holt heute in etwa ein Viertel seines Einspiels am Startwochenende. Diese extreme Frontlastigkeit führt zu immer aggressiveren und aufwändigeren Marketingoffensiven. Ob ein Film ein Hit wird oder ein Flop, entscheidet sich meistens  in den ersten drei Tagen seiner Laufzeit. Ganz selten widersetzt sich ein Film diesen ehernen Gesetzmäßigkeiten und feuert dem üblichen Startrummelgedöns eine kleine aber feine Breitseite ins hochglanzpolierte Gebälk.  Ein solch seltenes Exemplar - im Fachjargon „Sleeperhit" genannt - ist  das Magier-Drama The Illusionist (2006).

Nach einer für heutige Verhältnisse extrem langen Laufzeit von 6 Monaten hatte der Film beinahe das Fünffache seines recht schmalen Budgets von 16 Millionen US-$ reingespielt. Prestige (ebenfalls 2006) - das im wahrsten Wortsinn prestigeträchtigere und vor allem erheblich teurere ($ 40 Millionen-Budget) Konkurrenzprodukt des Regiewunderkindes Christopher Nolan (The Dark Knight) - kam dagegen trotz einer ordentlichen Werbekampagne nur auf ein geringfügig höheres Einspiel und enttäuschte damit auf ganzer Linie.

Dabei bieten beide Filme eine ähnliche Grundkonstellation. Hier wie dort liefern sich zwei gegensätzliche Charaktere vor historischen Hintergrund ein packendes Duell um Täuschung, Magie, Illusion, Liebe, Verrat und Tod. Doch während die Stars Christian Bale und Hugh Jackman ihre letztlich uninteressanten Charaktere in Prestige nie mit Leben füllen können, brennen Edward Norton und Paul Giamatti ein wahres Schauspielfeuerwerk ab. Während Nolan durch ständige Rückblenden und Zeitsprünge mehr verwirrt denn fasziniert, zieht einen bei The Illusionist die eigentlich wesentlich konventioneller und geradliniger erzählte Geschichte unaufhaltsam in ihren Bann. Und während Prestige mit einem hanebüchenen, unglaubwürdigen noch dazu leicht zu erratendem „Schluss-Clou" dem Film enorm schadet, veredelt der finale Plottwist in The Illusionist das Werk und offenbart im Nachhinein einen fein gesponnenen roten (Handlungs-)Faden.

Wie The Prestige ist auch The Illusionist ein Period Drama, eine fiktive Geschichte vor historischem Hintergrund. Die Haupthandlung spielt um 1900 in der bereits bröckelnden k.u.k.-Monarchie. Der junge Magier Eduard (Edward Norton) begeistert das Wiener Publikum als „Eisenheim - Der Illusionist". Die faszinierenden Sinnestäuschungen erwecken auch die Neugier des Kronprinzen Leopold (Rufus Sewell). Bei einer Privatvorstellung am Fürstenhof kommt es zum folgenschweren Wiedersehen zwischen Edward und seiner Jugendliebe Sophie von Teschen (Jessica Biehl). Die Herzogin ist allerdings bereits mit dem Kronprinzen verlobt. Die neu auflodernde Liebebeziehung bleibt dem künftigen Monarchen nicht lange verborgen und so setzt er seinen besten Mann - Chefinspektor Uhl (Paul Giamatti) - auf den Nebenbuhler an. Er soll den populären Magier der Scharlatanerie überführen und ihn anschließend aus dem Verkehr ziehen. Aber der gewitzte Beamte findet nicht nur keinerlei Beweise für Betrügereien Eisensteins, sondern entwickelt zudem eine bewundernde Sympathie für den ebenfalls aus einfachen Verhältnissen kommenden Standesgenossen. Als Sophie sich für Eduard entscheidet, greift der Kronprinz zum äußersten Mittel und provoziert ein Unglück. Inspektor Uhl soll die Angelegenheit „regeln" und droht im Kreuzfeuer des mit hohem Einsatz geführten Psychoduells zwischen Thronfolger und Magier zermalmt zu werden ...

Regisseur Neil Burger versteht es geschickt die unterschiedlichen Genreversatzstücke zu einem  homogenen Ganzen zu fügen, das den Zuschauer mit zunehmender Dauer unweigerlich in seinen Bann zieht. The Illusionist ist zugleich Romanze, Thriller, Drama und Kriminalfilm. Die Story wird beinahe gemächlich erzählt, wartet aber mit einer Reihe überraschender Wendungen und einem finalen Plottwist auf, der es in sich hat. Das beschauliche Erzähltempo passt zur dargestellten Zeit und unterstützt das akkurat umgesetzte historische Setting. Trotz des schmalen Budgets gelingt Burger ein stimmiges Bild des Vielvölkerstaats am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Der Drehort Prag erweist sich dabei als perfekte Kulisse für das kaiserzeitliche Wien. Kameramann Dick Pope taucht die undurchsichtige Handlung in düstere und farbintensive, an alte Gemälde erinnernde Bilder und erhielt zu recht eine Oscarnominierung. Phillip Glass (Golden Globe-Gewinner für Die Truman Show) rundet den atmosphärisch überaus dichten Film mit einem stimmungsvollen Orchesterscore ab.

Was den Film allerdings zu einem besonderen Seherlebnis werden lässt, sind die famosen Leistungen der beiden Hauptdarsteller. Edward Norton stellt erneut eindrucksvoll unter Beweis, dass keiner ihm momentan bei der Darstellung zwielichtiger und geheimnisvoller Charaktere das Wasser reichen kann. Er umgibt Eisenstein mit einer undurchsichtigen, kühlen und romantisch-mystischen Aura, die den Zuschauer bis zum Schluss über die Gefühle, Absichten und inneren Antriebe des Magiers rätseln lässt. Der chronisch unterschätze Paul Giamatti brilliert ebenfalls als Eisensteins behördlicher Kontrahent. Mit einer Mischung aus Bauernschläue, Melancholie, Karrierismus und Gerechtigkeitsempfinden entwickelt er eine vielschichtige Persönlichkeit, die ebenso fasziniert wie der mysteriöse Illusionist. Die übrigen Darsteller verblassen dagegen weitestgehend, lediglich Rufus Sewell gibt einen herrlich arroganten und durchtriebenen Thronanwärter (die fiktive Figur ist eindeutig an Kronprinz Rudolf von Österreich angelehnt, den einzigen Sohn Kaiser Franz Josephs).

Fazit:
The Illusionist ist ein wunderbar fotografierter Historien-Thriller, der trotz seines gemächlichen Erzähltempos eine ungeheure Sogwirkung entfaltet. In den USA zunächst als Geheimtipp gehandelt, spielte der Film weltweit das Fünffache seines Budgets ein. Hauptdarsteller Edward Norton beweist als undurchsichtiger Magier Eisenstein erneut sein Ausnahmekönnen, Paul Giamatti brilliert als sein melancholisch-gewitzter Kontrahent. Neben den mimischen Glanzleistungen und seiner atmosphärischen Dichte, ist es vor allem der clevere finale Plottwist, der den Film deutlich vom gleichzeitig entstandenen Konkurrenzprodukt The Prestige abhebt.
Am Ende ist alles nur Illusion, bis auf die eindeutigen Qualitäten dieses kleinen aber feinen Period Dramas.

(8,5/10 Punkten)                                             

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