Review

Ich muss gestehen, dass "La vie nouvelle" ein Film ist, der mir Angst gemacht hat, obwohl ich über die Jahre ziemlich abgestumpft bin.

Der amerikanische Soldat Seymour, der im Kosovo stationiert ist, erhält die Erlaubnis sich aus privaten Gründen drei Tage nach Sofia zu begeben. Begleitet wird er von Roscoe, der anscheinend im Menschenhandel verwickelt ist. In einem Luxusbordell verliebt sich Seymour in die ukrainische Prostituierte Mélania. Er möchte der jungen Frau unbedingt helfen und sie aus dieser misslichen Lage befreien. Um dieses Ziel zu erreichen, beginnt er Verhandlungen mit ihrem Zuhälter Bojan, einem Geschäftsmann, der durch seine Firma seine illegalen Aktivitäten verdecken kann. Welchen Aufwand wird Seymour betreiben müssen? Wird ihm diese Aktion vielleicht nicht nur Geld kosten?

"La vie nouvelle" ist kein besonders konventioneller Film. Die Informationen, die ich zur Story niedergeschrieben habe, konnte ich nur mit sehr viel Mühe und Konzentration aus dem Film entnehmen. Bei Grandrieuxs Werk handelt es sich vielmehr um einen visuellen Schock, ein wahrhaftes Bildergewitter, begleitet von einer unvergleichbaren Tonspur, die einer Collage vieler fremdartiger Geräusche ähnelt. Immer wieder tauchen verzerrte Gesichter auf, die manchmal sekundenlang in die Kamera blicken und oftmals unmenschliche Schreie von sich geben. "La vie nouvelle" enthält weder moralische noch humanistische Ansätze. Er soll die Sinne des Zuschauers durcheinander bringen, indem er die Emotionen der Figuren in all ihrer Radikalität einfängt. Somit entsteht auch ein sehr physisches Werk, da auch die Bewegungen der Figuren meistens von der sehr wackeligen Kamera begleitet werden. Paradoxerweise enthält der Film auch einige ruhige Momente, in denen der Zuschauer sehr ästhetische Einstellungen zu sehen bekommt, die mit der "minimalistischen Aufgabe" des Regisseurs zu kontrastieren scheinen. Diverse Einflüsse aus der Malerei lassen sich in einigen Einstellung wiederentdecken. So wurde ich an manchen Stellen an das Werk von Francis Bacon erinnert.

Zwei Szenen konnten sich nachhaltig in meinem Kopf festsetzten. Gleich zu Beginn sehen wir eine Menschenmasse, die aus der Dunkelheit zu kommen scheint. Die Personen erinnern an Geister und bewegen sich nicht von der Stelle. Mit einer unangenehmen Nähe untersucht die Kamera in der Folgezeit die Gesichter der Osteuropäer. Ihr kalter und leeren Blick stimmt den Zuschauer auf den Rest des Films ein.
An einer anderen Stelle sieht man abwechselnd Seymour und Mélania. Das Bild wurde jedoch so verfremdet, dass sie zwei weißen Gestalten auf schwarem Hintergrund ähneln und dadurch all ihrer Menschlichkeit beraubt werden. Zudem verformen sich ihre Gesichtszüge und ihre Körper werden durch unnatürliche Zuckungen animiert.
Selbstverständlich gibt es noch eine Vielzahl anderer, interessanter Szenen zu betrachten (Stichwort: Haarschnitt). Ich möchte an dieser Stelle jedoch nicht zu viel verraten.

"La vie nouvelle" präsentiert sich als ein sehr fremdartiges und bizarres Filmerlebnis. Bevor man sich den Film zu Gemüte führt, sollte man definitiv feststellen, ob man in der richtigen Laune ist. Ich empfehle den Film nachts zu sehen, in einem einsamen und nihilistischen Moment, um die Wirkung und Energie am besten aufzunehmen.

Das deutschsprachige Publikum sollte sich dabei nicht von der Tatsache entmutigen lassen, dass es sich um einen französischen Film handelt, der bis zu diesem Zeitpunkt in Deutschland noch nicht veröffentlicht wurde. Die Sprache rückt in "La vie nouvelle" in den Hintergrund und nur gelegentlich bekommt man als Zuschauer einige Zeilen auf Englisch, Französisch oder Bulgarisch zu hören.

Kryptisch, verstörend, fremdartig, wundervoll!
Das ist "La vie nouvelle".

Subways Wertung: 9 Punkte.

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