Was die Oberflächlichkeit von Menschen verursachen kann, das zeigt David Lynchs „Der Elefantenmensch“ auf eindrucksvolle Art und Weise auf. Sie erzählt die wahre Geschichte eines Menschen, der von seiner Außenwelt immer nur als verabscheuenswürdige Kreatur empfunden wurde, der jedoch tief in seinem Innersten ein liebenswerter Mensch war.
John Merrick (John Hurt) wird ständig von seiner Umwelt gedemütigt. Er tritt als „Elefantenmensch“ in einem Wanderzirkus auf und muss sich den Erniedrigungen seines „Besitzers“ und der Besucher des Zirkus’ aussetzen. Doch schließlich entdeckt der Chirurg Frederick Treeves (Anthony Hopkins) den jungen Mann, nimmt ihn in seiner Klinik auf und entdeckt nach einiger Zeit, dass hinter der abstoßenden Fassade des von Geburt an deformierten Mannes ein sensibler, liebenswerter Mensch steckt…
Es ist kaum vorstellbar, dass der Film „Der Elefantenmensch“ gerade einmal 25 Jahre jung ist, und dennoch so antiquarisch wirkt. Sicherlich liegt dies daran, dass David Lynch den Eindruck erwecken wollte, tatsächlich ein filmisches Dokument aus der Zeit des „wahren“ John Merrick vorliegen zu haben. Daher verzichtet er vollkommen auf Farben und präsentiert uns hier ein reines Schwarz-Weiß-Meisterwerk, das auch durch diese für seine Zeit ungewöhnliche Darstellung eine gewisse melancholische Grundstimmung heraufbeschwört, die ein Farbfilm wohl nicht erschaffen hätte. Vor allen Dingen die beiden Hauptdarsteller Anthony Hopkins und John Hurt überzeugen hier auf voller Linie und erzeugen ein Seh-Vergnügen, das einzigartig ist.
Von dieser künstlerisch hervorragenden Komponente mal ganz abgesehen, ist „Der Elefantenmensch“ schon alleine durch seine eindringliche Botschaft ein zeitloses Meisterwerk. David Lynch zeigt in diesem Drama auf, wie nahe sich Abscheu und Faszination oftmals sind und welche Auswirkungen diese beiden Merkmale auf das Leben eines Menschen haben, der Tag für Tag der Abscheu und der Faszination ausgesetzt wird. Mit jeder Minute des Filmes leidet man gemeinsam mit dem Elefantenmenschen John Merrick, freut sich, wenn er in Frederick Treeves und dem Krankenhauspersonal Freunde gefunden hat und trauert, wenn er sich schließlich in seinem – schon fast vorbestimmten – Schicksal ergibt.
Einerseits vermittelt „Der Elefantenmensch“ Trauer, andererseits jedoch auch die verfolgenswerte Botschaft, auch in seinem eigenen Leben nicht ausschließlich auf die Äußerlichkeiten zu achten, die einem Tag um Tag begegnen. Lynch wollte mit diesem Film die Menschheit dazu zu bewegen, zumindest ein wenig wie Frederick Treeves zu handeln und den Menschen hinter jeder Fassade zu entdecken; und sei diese Fassade noch so abstoßend. Sowohl künstlerisch als auch moralisch ein absoluter Meilenstein und daher auch ein würdiger Kandidat für die Vergabe der vollen Punktzahl. 10 von 10 Punkten und das ist nun ganz sicher nicht oberflächlich geurteilt...