Das literarische Ich ist ein ständiger Begleiter im Schaffen H.P. Lovecrafts. Es ist meist damit beschäftigt, das namenlose Grauen bildhaft in Worte zu kleiden. Mit der schnellen Abfolge von hastigen Beschreibungen geht es dabei nicht nur auf die unheimlichen Situationen oder fremdartigen Kreaturen ein, mit denen es konfrontiert wird, sondern vor allem auf die dabei empfundene eigene Furcht.
Die beispiellose Immersion und die Darstellung tief empfundener, kosmisch legitimierter Urängste ließen Lovecrafts Werke zu einer der wichtigsten Referenzen der Horrorliteratur werden. Sie wurden dementsprechend begehrte Vorlagen für das Medium Film, doch Gerechtigkeit widerfuhr ihnen eher selten. Gerade von Full Moon Entertainment konnte man ein substanzielles Eindringen in Lovecraft’sche Untiefen wohl kaum erwarten. Die Full-Moon-Produktion „Lurking Fear“ ist nach „Dark Heritage“ (1989) und vor „Bleeders“ (1997) der zweite von bis heute insgesamt drei Versuchen, die gleichnamige Kurzgeschichte angemessen zu verfilmen; keiner von ihnen gilt als erfolgreich in diesem Anliegen.
Bei C. Courtney Joyners schlanker und trotzdem nicht vor Längen gefeiter Regiearbeit ist der Grund für das Scheitern schnell gefunden. Von der psychologisierten Narration der Kurzgeschichte distanziert sich der Regisseur einerseits aus medialer Bequemlichkeit; es stellt schließlich eine gewisse Herausforderung dar, einen Film aus der unmittelbaren Perspektive des Protagonisten zu erzählen, was einen regietechnischen Aufwand und vielleicht auch einen künstlerischen Anspruch nach sich zöge, der für eine auf den Videomarkt abzielende Produktion wie diese nicht zu verantworten gewesen wäre. Andererseits lebt Joyner eigentlich ohnehin für den Kriminalfilm, wie er im kurzen Making-Of zum Film zugibt, und dürfte somit einfach für den Einfall zu begeistern gewesen sein, eine Gruppe Bewaffneter in einer Kirche zu verschanzen und mit den Morlock-ähnlichen Kreaturen aus dem Erdreich zu konfrontieren.
In einem sehr holprig montierten Prolog, der Hauptdarstellerin Ashley Laurence („Hellraiser“) vorstellt und zugleich eine erste Monsterattacke liefert, löst sich Joyner bereits von jeglicher Verantwortung gegenüber der Vorlage und konzentriert sich darauf, Charles Band zu liefern, was bestellt wurde, ein Full-Moon-Produkt eben. Er teasert einige handwerkliche Kniffe und optische Linien schon einmal an, die im anschließenden Hauptfilm bestimmend werden: Fahle Lehmwände mit alten Kerzenständern, die in ihrer Kargheit vage an die legendäre „Evil Dead“-Hütte erinnern, sorgen für unheilige Stimmung, die Gefahrenquellen entblößen sich schnell, sind dabei dreist, transparent und (gerade im HD-Zeitalter) gut sichtbar – im späteren Verlauf sogar so sehr, dass man das Gummi in den vielen Nahaufnahmen knautschen sieht.
Nachdem auch die folgende Einführung eines weiteren Protagonisten (Blake Adams) im Stil eines Knast-Actioners mit Rache-Motivik passé ist und mit Vincent Schavielli und Jeffrey Combs weitere gute Bekannte ihren Einstand gegeben haben, liefert der Film seine stärksten Momente. Der Aufbau der Belagerungssituation hat gewiss seine Reize; nicht nur liefert die in Rumänien aufgefundene und eigens für den Film in Schuss gebrachte Kapelle samt Friedhof eine stimmungsvolle Kulisse (ebenso wie das abgehalfterte Dorf in der Nähe), auch suggeriert das von Misstrauen und Vorsicht bestimmte Zusammenfinden verschiedener Interessensparteien in ihrem Inneren eine baldige Eskalation.
Dass man „Lurking Fear“ gemeinhin sogar zuspricht, die Grundidee von „From Dusk Till Dawn“ vorweggenommen zu haben, liegt sicherlich nicht nur an der reinen Belagerungsidee, sondern auch am postmodernen Umgang mit den Charakteren. Während Ashley Laurence sich nach dem Prolog von der verängstigten Frau zum Ripley-Rip-Off verwandelt (womit man gegen Ende in einem bei Wind und Regen gefilmten Bitchfight wieder über das Ziel hinausschießt), sitzt Combs bei höchster Alarmstufe auch gerne mal cool auf dem Boden, zündet sich eine Fluppe an und verzieht die Mundwinkel wie einer aus Tarantinos „Reservoir Dogs“-Connection oder aus einem Hongkong-Hardboiled-Streifen jener Zeit.
Joyners Augenmerk, und hierin besteht vielleicht der größte Unterschied zur Vorlage, liegt also eher auf der Menschengruppe und weniger bei den Monstern, die eher mechanisch wie perfide Fallen an Fenstern, Türen und Bodenlöchern auf die Momente warten, in denen einer der Belagerten einen falschen Schritt macht. Eine solche Abkehr von den literarischen Vorgaben markiert prinzipiell einen legitimen Ansatz, würde man ihn doch bloß sinnvoll nutzen; stattdessen wird sinnlos in jede Himmelsrichtung geballert, es wird gejammert, gedroht, lamentiert und resigniert, hin und wieder unterbrochen von Gore-Momentaufnahmen, unter denen sicherlich ein aus der Brust gerissenes Herz die höchste Aufmerksamkeit genießt. Allzu viel lässt sich aus dem Sammelsurium weniger starker Figuren, einiger halbstarker Figuren und ein paar gesichtsloser Monster-Mahlzeiten auch kaum herausholen. Dem vielversprechenden Spannungsaufbau des ersten Drittels folgt später keine gleichwertige Entsprechung mehr; auch nicht, als man sich schließlich in das Höhlensystem der Kreaturen wagt oder als die Pyrotechnik-Abteilung für das große Finale ein wenig Farbe ins Spiel bringt.
Dabei hätte man doch vielleicht einfach nur strategisch etwas sinnvoller mit dem Schauplatz umgehen müssen, der ohne Zweifel eine besondere Aura verströmt, dessen charakterstarke Winkel aber eben nicht angemessen zur Geltung kommen, wenn strategisch sinnlos einfach mal hier oder da eine Ladung Sprengstoff abgelegt oder mit Holzlatten und Kirchenbank-Kleinholz hantiert wird. Die Creature Effects genügen insgesamt den Ansprüchen einer Produktion dieser Größe (auch wenn die Augenprothesen nicht nur die Statisten am Set blind machten, sondern auf Zelluloid den Plastikcharme halber Tennisbälle verströmen), Blitz und Regen sind immer gern gesehene Atmosphäre-Mittelchen… soweit alles gut. Die Richtungslosigkeit im gedehnten Hauptakt kostet „Lurking Fear“ aber massiv Punkte.