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Bei Verfilmungen der Romane H.G. Wells’ war von Trash bis Klassiker alles drin, die 1960er Adaption von „Die Zeitmaschine“ passt klar in letztere Kategorie.
H.G. Wells (Rod Taylor) bestellt eine Riege befreundeter Wissenschaftler kurz nach Silvester zum Essen, ist anfangs selbst nicht da, stapft dann aber mit dekorativ zerfetzter Kleidung aus dem Keller, als die Belegschaft das Ganze unhöflich finden will. Die Bande glotzt noch etwas verdattert drein, da erklärt Wells, er sei in der Zeit gereist. Von da an kann „Die Zeitmaschine“ dann auf eine Rückblendenstruktur vertrauen, bei der Wells via Voice-Over immer wieder klärende Kommentare nachschieben kann, wenn diese gerade benötigt werden.
Wells erzählt von seinen Forschungen, bei denen er schließlich das Zeitreisekonzept austüftelte und von seinen Reisen durch die Zeit, bei denen er schließlich in einer fernen Zukunft ankam, in der sich die Menschheit in passive Eloi und finsterer Morlocks unterteilte...

Kennt man nur das schrottige 2002er Remake und die Geschichten über „Die Zeitmaschine“, so darf man sich wundern, dass der Konflikt zwischen Eloi und Morlocks hier erst in der zweiten Hälfte zum Tragen kommt, der vorige Film sich rein mit Wells’ Reise bis zu dem Punkt beschäftigt. Damit ist nicht nur die tatsächliche Zeitreise gemeint, sondern auch die Foschungsarbeit und der Plan, das Ganze im Selbstversuch auszutesten. Denn „Die Zeitmaschine“ gehört zu jenen Vertretern seiner Zunft, welche sich um einen wissenschaftlichen Anstrich und in der Figurenzeichnung liegende Motivation kümmern, ehe es in die Sci-Fi-Gefilde geht.
Hälfte eins erweist sich dann mit Beginn der Zeitreisen zunehmend als Parabel auf den kriegerischen Menschen, der Weltkriege führt und Atomwaffen entwickelt. Gerade im Zuge des Kalten Krieges verbildlicht „Die Zeitmaschine“ die nicht unbegründete Furcht vor einem dauerhaften Kriegszustand, vor ständigen Luftangriffsalarmen, vor einer aus den Fugen geratenen Welt. In der Realität mag es dann nicht ganz so schlimm gekommen sein, wie hier prophezeit, aber einen kritischen Weitblick darf man dem Film auf jeden Fall attestieren.

In der Eloi-Morlock-Zukunft geht es dann weiter mit den Parabeln: Die Eloi als verblödet-passive Nachkommen einer Wohlstandsgesellschaft, die in ihrer Trägheit die Arbeit anderer für selbstverständlich nimmt; die Morlocks als degenerierte Rasse, die wiederum Eloi wie Vieh hält. Durchaus eine Parallele zum Schrecken des Holocausts und eine Warnung vor dessen Wiederholung, wobei das Bild des finalen Eloi-Aufstandes dann nicht ganz ins Geschehen passen will: Wells und seine arisch blonden Eloi hauen kräftig Feuerholz in die Bauten der wenig ansehnlichen Morlocks, um sie auszumerzen. Sicherlich kein intendierter Fehler, aber doch etwas seltsam im Kontext des sonst recht kritischen, wenig auf Unterhaltung bedachten Films.
Rod Taylor als zeitreisender Wissenschaftler ist da die einzige Konstante des Films, überzeugt allerdings durchweg und droht nie reiner Statist neben den Effekt-Tricks des Films zu werden. Selbige sind hier und da etwas durchschaubar (z.B. die Morlock-Kostüme), sehen aber selbst rund 50 Jahre nach Entstehung des Werkes ziemlich gut aus; gerade die Visualisierung der Zeitreisen ist auch heute noch durchweg überzeugende Trickarbeit.

Aus heutiger Sicht ist das Erzähltempo von „Die Zeitmaschine“ sicher recht niedrig und zugunsten seiner Messages verzichtet der Film auch auf eine klar definierte Haupthandlung, doch auch Jahrzehnte nach seinem Release überzeugt der Film als prophetischer, durchdachter Sci-Fi-Klassiker, dessen Warnungen vor menschlichen Schattenseiten ernst zu nehmen sind.

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