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Armin Meiwes, der Kannibale von Rotenburg, genießt ganz offensichtlich die Kontrolle über seine öffentliche Darstellung. Aufgrund eines jüngst veröffentlichten Sachbuches gerät er erneut ins Licht der Öffentlichkeit, was eine Dokumentation auf einem Privatsender und das Rühren in der Werbetrommel einer viel gelesenen Tageszeitung tatkräftig unterstützen.

Nur „Rohtenburg“ konnte er bis dato mit einer einstweiligen Verfügung von den Kinoleinwänden Deutschlands fern halten und dass noch während seines eigentlichen Strafprozesses, weil sein Anwalt fein säuberlich 88 Gemeinsamkeiten des Mandanten und dem im Film dargestellten Täters ausfindig machen konnte.
Sagen wir mal so: Dass die breite Öffentlichkeit unter dieser Vorraussetzung von „Rothenburg“ verschont bleibt ist nicht tragisch, aber über die unterschiedliche Gewichtung von Persönlichkeitsrechten und der Kunstfreiheit ließe sich durchaus eingehender diskutieren.

Ob die Sichtung dieser Billigproduktion einen „Film-Kannibalen“ auf die gleiche Stufe wie Meives stellt, ist im Zuge einer gewissen Selbstläuterung mit „Ja“ zu beantworten. Denn schließlich könnte man im besten Fall ein wenig eingehender in die Abgründe eines Mannes blicken, der via Internet ein männliches Opfer zwecks freiwilliger Verspeisung suchte.
Hier nennt man ihn Oliver Hartwin (Thomas Kretschmann), der nach einigen vergeblichen Inseraten auf Simon Grombeck (Thomas Huber) aufmerksam wird, ihn mit nach Hause nimmt und die Tat an ihm durchführt.
Doch mehr als klischeehafte psychologische Motive wie Mutterkomplex und Verlust des Vaters während der Kindheit weiß „Rohtenburg“ nicht zu liefern.

Schlimmer noch, um die zugegeben dünne Handlung um Täter und Opfer in einen Rahmen zu fassen, bemüht man die lächerliche Figur der Kriminalpsychologie-Studentin Kate (Keri Russell), die über diesen Fall ihre Dissertation anfertigen möchte, zu diesem Zweck nach Deutschland reist und die Umgebung des Täters in Augenschein nimmt.
Dabei sind ihrer Off-Stimme bereits zu Beginn düstere Weisheiten und eine unerklärliche Nähe zum Täter zu entnehmen, die im Verlauf im Nichts verpuffen. Sie ist einzig dafür zuständig, das mitgefilmte Video der Tat in Augenschein zu nehmen und es somit dem Zuschauer ebenfalls zu ermöglichen.

Täter und Opfer werden indes in verschachtelter Erzählweise eingeführt, was über weite Teile keine Nähe zu den Figuren entstehen lässt. Etwas konzeptlos vermengt Regisseur Martin Weisz Szenen aus der Kindheit in Gelbstich und Vergröberungsfilter, springt dann in die Gegenwart und lässt die Studentin den Keller des Täters betreten, um kurz darauf eine Sequenz am selben Ort zu bringen, in der Hartwin seine Mutter tot auffindet.
Bei alledem mangelt es an psychologischer Tiefe, denn man erhält lediglich eine oberflächliche Abhandlung austauschbarer Profile, wie die brüchige Familie beider Männer, Hang zu Horrorfilmen wie „Gesichter des Todes“, Hänseleien wegen Homosexualität und das regelmäßige Beobachten von Viehschlachtungen.

Um die inneren Bedürfnisse beider Charaktere zu vermitteln, ist so eine strukturlose Herangehensweise recht hinderlich und so fällt es im letzten Drittel trotz glaubhaft agierender Mimen schlicht schwer, die perverse Interaktion nachempfinden zu können.
Zumal einige hölzerne Dialoge im Vorfeld eher unfreiwillig komisch rüber kommen und nicht wie die ernste Auseinandersetzung zweier sexuell gestörter Menschen „Ich bin dein Fleisch!“ – „Ich bin Oliver“.
Diverse dramaturgische Mängel führen letztlich dazu, dass die eigentliche Tat trotz inszenatorischer Sorgfalt zum Ende recht emotionslos aufgenommen wird.

Und das bildet insgesamt den großen Knackpunkt. Die dauerhafte Distanz zu den Figuren, die irgendwann mit Gleichgültigkeit quittiert wird, weil man mit niemandem eine Gedankenwelt zu teilen in der Lage ist.
Ergo bleiben mir „zivilisierte Kannibalen“ wie Armin Meiwes nach wie vor ein Rätsel, welches mit oberflächlichen Betrachtungen auf eine klischeebedingte Vergangenheit ohne Tiefe mit Sicherheit nicht gelöst werden kann.
Mal wieder viel Wind um Nichts,
3 von 10

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