Die Kritik beruht auf der ungeschnittenen Fassung der lizensierten Veröffentlichung von Ufa/BMG, herausgebracht unter dem Label "Autobahn"!
Das Regiedebut des früheren Videoclip-Regisseurs Martin Weisz ("The Hills Have Eyes II") spielt auf die tatsächlichen Geschehnisse um die Tötung von Bernd Brandes durch Armin Meiwes an, der auch Teile der Leiche verspeiste.
Im Zuge der medialen Berichterstattung um den Strafprozess gegen Meiwes wurde dieser in der Öffentlichkeit als der "Kannibale von Rotenburg" bekannt.
Da dieser Prozess gegen Meiwes noch nicht abgeschlossen war, versuchte Meiwes gerichtlich gegen die Aufführung des Filmes vorzugehen. Er begründete dies unter anderem damit, dass von ihm keine Zustimmung zur Verarbeitung seines Lebens in dieser Form vorlag und der Film, insbesondere in Bezug auf das laufende Gerichtsverfahren, seine Persönlichkeitsrechte verletzte. Im Film wird der von Thomas Kretschmann verkörperte Kannibale namens Oliver Hartwin als bestialischer Mörder dargestellt und Meiwes befürchtete eine Vorverurteilung durch die Kinobesucher und die Medien.
Per einstweilige Verfügung wurde jede weitere Aufführung untersagt, dennoch kursierten Bootlegs dieses Films, die trotz miserabler Bild- und Tonqualität hohe Verkaufspreise in den einschlägigen Auktionshäusern erzielten.
Dieses Bootleg enthielt die Aufzeichnung des Films während einer Vorführung, inklusive aller anfallenden Störgeräusche und Kommentare durch das Publikum.
Im Mai 2009 wurde das Aufführungsverbot unter Berücksichtigung der Kunst- und Filmfreiheit aufgehoben.
"Ich bin Dein Fleisch!"
Martin Weisz filmische Aufarbeitung der realen Geschehnisse ist mehr Dokumentation als Spielfilm im herkömmlichen Sinn.
Basierend auf den oben geschilderten Kriminalfall und unter Berücksichtigung öffentlich bekannt gewordener Details aus dem Leben von Täter und Opfer durch die Medien und den Prozess, entstand die Aufarbeitung eines der spektakulärsten Verbrechen der neueren deutschen Kriminalgeschichte.
Mit Thomas Kretschmann als Oliver Hartwin alias Armin Meiwes und Thomas Huber als Simon Grobeck alias Bernd Brandes standen dem Regisseur zwei hervorragende Mimen zur Verfügung, wobei vor allem Kretschmann als sonderbares Muttersöhnchen eine überzeugende Darstellung liefert.
Eingebettet in eine simple Rahmenhandlung um eine Studentin der Kriminalpsychologie, die sich für ihre Examensarbeit dieses Verbrechen zum Thema gemacht hat, versucht der Film in die Vergangenheit von Täter und Opfer einzutauchen, wobei das Hauptaugenmerk auf Hartwin alias Meiwes liegt.
Die Rückblenden aus den Leben der beiden Männer sind teilweise ohne klare Linie in den Film integriert worden - vor allem bei den Kindheitserinnerungen wird zwischen Hartwin und Grobeck hin und hergesprungen, so dass Verwechslungen beim Betrachten des Films unausweichlich sind.
Erst ab dem Moment, in dem Hartwin im Erwachsenenalter sein Faible für Kannibalismus entdeckt und im Internet recherchiert, wird "Rohtenburg" zunehmend interessanter.
Regisseur Weisz bleibt von nun an einem Inszenierungsstil treu, pendelt zwar zwischen Rückblenden und Gegenwart hin und her, vermeidet aber den störenden Effekt, vor allem die Rückblenden aus Kindheitstagen als vergilbte Heimvideoaufnahmen mit Filmrissen und verwackelten Bildern darzustellen.
Hätte es dieses Verbrechen nicht gegeben, wäre auch dieser Film nicht entstanden. "Der Kannibale von Rotenburg" war tagtäglich das Thema Nr. 1 auf den Titelseiten diverser Boulevard-Zeitungen wie "BILD" und "Express", so dass es nur eine Frage der Zeit war, alle aus den Medien bekannten Details zu einem Film zu verarbeiten, der die menschliche Gier nach Sensationen, nach Sex und blutigen Ritualen, befriedigen sollte.
Martin Weisz´ Film vermeidet es zwar, graphisch zu sehr ins Detail zu gehen und lässt die abstoßenden Details in den Köpfen der Zuschauer abspielen. Trotzdem haftet an "Rohtenburg" der bittere Beigeschmack, nichts weiter als ein auf Filmlänge gestraffter Beitrag von "Exklusiv" zu sein, der Homosexualität, abnorme sexuelle Verhaltensweisen und Kannibalismus voyeuristisch auf die große Kinoleinwand transportiert.
Sätze wie "Dein Körper sieht köstlich aus" oder Dialogpassagen wie
- "Beiß ihn ab!"
- "Ich komme nicht durch!"
- "Dann nimm das Messer"
sorgen für unfreiwillige Komik - zumindest bei den Kinozuschauern der Vorführung, dem das zu Anfang erwähnte Bootleg zugrunde lag.
Da es sich aber tatsächlich so abgespielt hat beweist wieder einmal, dass Filme nur das Spiegelbild unserer Gesellschaft sind.
Und ohne an dieser Stelle sarkastisch zu werden, aber "Rohtenburg" ist als Film genauso zäh, wie der gebratene Penis von Grobeck alias Brandes.
4 von 10 Punkte!