Wieder führt mich mein filmisches Interesse in die Benelux-Staaten und wieder mal bleibe ich in Belgien hängen. Der wallonische Film “C'est arrivé près de chez vous“ ist ein gelungener Beitrag eben dieses kleinen Landes, welches den Zuschauer mehr als nur einmal vor den Kopf stößt.
Ben (Benôit Poelvoorde) ist ein Serienkiller, der mit aller Härte und ohne Gefühle Menschen umbringt und keinen Funken von Reue hat.
Ein Filmteam begleitet Ben, die eine kleine Doku über seine „Arbeit“ drehen wollen. Die distanz ist anfänglich groß, auch wenn es scheinbar niemanden kümmert, wie ben mit Menschen umgeht. Nach einiger Zeit scheinen die Filmemacher aber fasziniert von Bens Leben und beginnen langsam aber sicher Ben zu helfen. Doch das Leben von Ben hat auch seine Schattenseiten, was alle Beteiligten bald am eigenen Leibe erfahren...
„C'est arrivé près de chez vous“ wird spalten, ganz sicher. Schon allein wie er gefilmt wurde, könnte viele davon abhalten, sich den Film komplett anzuschauen. Damit der Film auch wie eine Doku wirkt, wurde er auch so gefilmt. Die Crew hat nicht viel Geld, also wird in schwarz-weiß und mit einer wackeligen Kamera gefilmt. Und genau deswegen wirkt der Film fast real, und genau dies beängstigt.
Die Kamera ist fast ständig auf Hauptdarsteller Benôit Poelvoorde. Und der scheint sich in der Rolle des Killers absolut wohl zu fühlen. Er redet in die Kamera und redet redet redet. Er philosophiert über das Leben, wie man es besser machen könnte und dann kommen besagte Szenen, die fast anwidern. Ohne Vorwarnungen bekommen wir Bens Taten zugespielt, entweder nur als kurze Shortclips aneinander geschnitten oder etwas länger in voller Pracht.
Jedenfalls kippt die Stimmung von einer Sekunde auf die andere. Dabei macht Ben vor niemanden halt, sowohl Kinder bis zu alten Leuten müssen dran glauben. Und die Kamera bleibt immer starr.
„C'est arrivé près de chez vous“ will provozieren. Schon allein beim ersten Mord fragt man sich, wie die Crew seelenruhig hinter der Kamera stehen kann, der Tonstab wird weiterhin so gehalten, dass man Bens geistige Ergüsse hört. Irgendwann wird es der Crew dann zu langweilig, sie macht einfach mal mit. Es ist spannender, selbst mal eine Leiche zu verscharren und vorher hat Ben ihnen schon eingepaukt, mit wie viel Gewicht man eine Leiche befüllen muss, damit sie später nicht mehr an die Oberfläche dringt.
Plötzlich ist man wieder in Bens Familie, die keine Ahnung haben, wie ihr Sohn und Enkel an das Geld kommt. Da wird gefeiert, gescherzt, einfach gelebt, im selben Moment gibt es wieder Tote. Ich könnte verstehen, wenn es dem einen oder anderen irgendwann zu krass wirkt, allein die realistische Kameraführung tut ihr übriges. Wenn die ganze Crew inklusive Ben betrunken einen Mann und eine Frau überfällt und dann ihre sexuelle Energie an der Frau auslassen, während der Mann zugucken darf, wird einem schon anders.
Das Ende habe ich so erwartet und irgendwie fühlt man sich nicht mal schlecht. Man war eh über 90 Minuten ein Voyeur, der sich alles angeschaut hat. Bens Familie, seine Freunde, seine kranke Absicht zu töten, wir sehen viele verängstigte Gesichter, die daraufhin für immer die Augen schließen. „ C'est arrivé près de chez vous“ ist ein Film für hartgesottene, nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Fazit: Beeindruckender Film aus Belgien, der aber keinesfalls für jedermann ist oder mal eben nebenbei geschaut werden kann. Dafür ist der Film fast zu real, zu brutal. Allein der Spagat zwischen den gewalttätigen Exzessen und dem scheinbar folgenden normalen Leben ist bemerkenswert von der Kamera aufgezeichnet. „C'est arrivé près de chez vous“ schockiert und fasziniert zugleich und zeigt die Sensationsgeilheit des Menschen. An Unfällen fährt der Durchschnittsmensch ja auch plötzlicher langsamer, um zu gaffen, warum nicht mal einen Killer bei seiner Arbeit beobachten?