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Nachdem er seinen Job an der Uni quittiert hat, besucht der junge Professor Stefano D'Archangelo seinen Bruder Paolo, der in Venedig als Pfarrer lebt. Eigentlich ist es ruhig dort, versichert Paolo, doch in der regnerischen Nacht wird er Zeuge eines Mordes vor seinem Fenster. Das Opfer, eine ältere Frau, war als Medium bekannt und dem Pfarrer genau so suspekt, wie die anderen Teilnehmer an Séancen, darunter der pädophile Graf Pedrazzi, ein ungläubiger Arzt und Signora Nardi, die ein dunkles Geheimnis hütet. Stefano, der Held in diesem Giallo, macht sich fortan daran, den Mörder zu finden, denn er wittert einen Zusammenhang zu einem früheren Mord an einer junge Frau, an den er Erinnerungen hat. Interessant und mit einigen Nebenhandlungssträngen beschert das Drehbuch einen abwechslungsreichen Plot, der sich aus kleinen Puzzleteilen und allerlei Finten zusammensetzt, die auch einige Charaktere etwas mehr ausleuchten. Die Polizei spielt, wie so oft in solchen Gialli, eine untergeordnete Nebenrolle und der Zuschauer kann Stefanos Bemühungen umso mehr verfolgen, die ihn durch herrliche venezianische Kulissen führen. Egal, ob in einem einfachen Lokal oder im noblen Domizil eines Grafen, die Ausstattung ist zu jedem Zeitpunkt stimmig und bildet den großen Hingucker. Stimmungsvoll versteht es Antonio Bido seinen Krimi aufzuziehen, der sich etwas reifer als sein "Stimme Des Todes" ansehen lässt. Dafür gibt es hier auch keine sehenswerten Morde, wie der Titel vermuten lässt, dafür allerdings einige Schmankerl mit einer guten Kamera. Bei den wenigen dramatischen Höhepunkten gibt er schnelle Schnittfolgen, Augenaufnahmen ohne Distanz zum Geschehen und atmosphärische Einstellungen zum Besten. Wer italienische Krimi-Thriller aus den 70ern mag, wird daran sicher Gefallen finden, auch wenn "Blutiger Schatten" zunächst langsam beginnt und sich erst relativ spät im Tempo steigert. Herausragend ist der Score von Stelvio Cipriani, ein absolutes Genrehighlight. Wenngleich letztendlich nicht alles in der Story mit den Morden zu tun hat, so sorgt es zumindest für eine Szenerie, die immer wieder um moralische Fragen bzw. Geheimnisse innerhalb der christlichen Gemeinde sorgt, stets jedoch an der Oberfläche, wie es das Giallogenre ohnehin innehat. Was diesem Vertreter vielleicht ein wenig fehlt, ist tatsächlich dramatische Spannung oder ein ausgefallener Plottwist, denn am Ende ist mal wieder alles so, wie es der genreerfahrene Zuschauer durchaus schon am Anfang vermuten konnte. Nun gut, velleicht ist Antonio Bido auch kein zweiter Dario Argento, doch aus der Masse seiner Kollegen hebt er sich durch das eigene Flair noch etwas ab, zudem die Darsteller ungewöhnlich solide agieren und sogar die deutsche Synchro gefallen kann. Platz für trashige oder sleazige Einlagen bleibt da kaum, statt dessen gibt es italienische Lebensart auf fast zwei Stunden ausgebreitet.

Fazit: Unblutiger Krimischatten, der dafür ansehnlich nach Venedig führt. 6/10 Punkten

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