Review

Manchmal ist keine Frage von Gefallen oder Nichtgefallen, von Verständnis oder Unverständnis, von Plot, Spannungsbogen oder Twists.
Manchmal muß man einen Film einfach nur erleben und gleichzeitig überstehen.
Wer im Fall von „Der freie Wille“ die ersten 20 Minuten übersteht, hat eine Chance…

Einen herben Bruch mit den Sehgewohnheiten und Erwartungen des Zuschauers inszeniert Matthias Glasners mit Hilfe seines Produzenten und Hauptdarstellers Jürgen Vogel hier zusammen.
Bilder vom Weg eines Serienvergewaltigers, der nach 9 Jahren psychiatrischer Inhaftierung wieder in die Gesellschaft entlassen wird und dessen kranker Trieb sich nach und nach wieder regt, ungeachtet der ihm entgegen gebrachten Gefühle der Tochter seines neuen Chefs.

Es ist eine kleine, aber sehr traurige Geschichte, die sich hier entwickelt und Glasner, der den Film chronologisch inszenierte, schmeißt die Zuschauer ins kalte Wasser: wackelige Handkamera, ausgebleichte Farben, körnige Bilder. Die Welt ist hart, gemein und ungerecht.
Und Theo (Jürgen Vogel) steht kurz vor der Explosion, er verliert seinen Job und begeht (wie man später erfährt, wieder) eine Affekthandlung. Mitten in einsamen Dünen zerrt er eine Radfahrerin von ihrem Vehikel, fesselt sie, missbraucht sie, schlägt ihr das Gesicht blutig und vergewaltigt sie.
Das alles zeigt Glasner in annähernder Realzeit, es dauert so lange wie es dauert, keine Kürzungen, keine Beschönigungen, kein Abwenden. So nah wie nur irgendwie möglich rückt die Kamera heran, man kann die Hautporen zählen; Kino, das fühlbar weh tut. Zu weh für viele.
Kurz darauf verfolgt ihn die Meute und reißt ihn beinahe in Stücke. Danach Ausblende, schwärzer geht’s eh nicht mehr.

Neun Jahre später nehmen wir bei der Resozialisation den Faden wieder auf, aber Glasner bleibt seinem Stil treu. Für ihn entwirft der geradezu manisch agierende Vogel das Portrait eines Mannes ohne Chance. Ein Getriebener, der so gerne normal wäre, es aber nicht sein kann. Theo bekommt einen Job, ein WG-Zimmer, doch die Welt bleibt grau. Theo bleibt isoliert.
Und der Zuschauer beginnt zu suchen, sucht nach Anzeichen für den Beginn der Wiederholung jener Katastrophe, auf den unausweichlichen Rückfall.

Dabei wagt Glasner einen sehr unkommerziellen, aber auch sehr radikalen Weg.
Er schildert den Werdegang Theos, der Zuschauer wird zum Komplizen und Begleiter, wird aber, wie auch der Rest der Welt im Film auf Distanz gehalten. Es gibt keine Erklärungen, keine Entschuldigungen, keine Motivationen. Nie wird ein Grund für die Vergewaltigungen angegeben, keine Ursache. Damit wird ein simples Gut-Böse-Schema verhindert, bleibt der Zuschauer im Ungewissen.
Das wiederum verursacht eine ständige Distanz, da eine Einfühlung in den nicht-dechiffrierbaren Charakter Theos niemals möglich ist, lediglich Verständnis für den inneren Kampf der Figur.

Der Effekt, der sich daraus ergibt, ist faszinierend. Einerseits wird man als Zuschauer von der Vergewaltigung ungeheuer abgestoßen und will auf Distanz gehen, andererseits lockt das Enigma dieses gerade mitleiderregend innerlich zerstörten Menschen ungeheuer an, sei es nun aus Reiz an der nahenden Katastrophe oder aus humaneren Gründen.
Das Ergebnis: der Zuschauer fühl sich ständig unsicher, unbequem, unausgeglichen, unter Druck, denn Glasner benützt zur Visualisierung der inneren Leere, der Distanz, der Verzweiflung, sehr lange Einstellungen, die Vogel in seiner Einsamkeit zeigen. Geduld ist vonnöten, der Zuschauer will sich den Charakter erarbeiten, kann es aber nicht. Das produziert Frust und nähert die Zustände von Figur und Zuschauer aus unterschiedlichen Richtungen an.

Gleichzeitig bahnt sich auch noch ein zweites Schicksal ihren Weg ins Leben: Netti, die 27jährige Tochter von Theos Chef, die drauf und dran ist, an der psychischen Abhängigkeit bzw. Missbrauch durch ihren Vater zugrunde zu gehen. Dieser drängt sie in eine Ecke, macht aus ihr Mutter, Tochter, Pflegerin und Patientin gleichzeitig und verhindert so ihre eigene persönliche Entwicklung und Ich-Werdung. Diese fast schon physische Abhängigkeit beinahe genießend, schwimmt sie sich mit letzter Kraft frei und trifft in ihrer Verschlossenheit ausgerechnet auf Theo…

Der freie Wille zu leben macht hier erste tastende Bewegungen, die sogar im Bemühen um eine normale menschliche Beziehung gipfeln, doch zwei derart belastete Menschen können diesen Drahtseilakt nicht bewältigen. Theos Trieb bringt das Gerüst zum Einbruch, was allerdings eher ihn zum konsequenteren Handeln treibt.

In der zweiten Hälfte des Film gerät Theo mehr und mehr aus dem Fokus der Kamera und Netti hinein, deren Psychogramm noch bizarrer zu sein scheint, wenn sie sich etwa am Ende in einer Mischung aus Faszination, Abscheu und Masochismus von einem von Theos Vergewaltigungsopfer auf einer Gasthaustoilette quälen lässt.

Ist auch der Zugang zu den Figuren schwer, so enthält der Film kaum überflüssige Szenen, alle tragen zur psychischen Skizze ihrer Protagonisten bei, auch wenn sich Glasner sehr viel Zeit lässt und Geduld fordert. Zahlreiche Schlüsselszenen prägen sich jedoch ein: eine Kampfsporttrainingsstunde, in der Nettis Aggressionen sich ihre Bahn brechen; ihre lautlosen Schreie beim Abbruch des Kontakts zu ihrem Vater; Theo am Scheideweg, als er in das Haus einer Verkäuferin eindringt und später panisch flieht, als er realisiert, was er beinahe getan hätte; der Vergewaltigungsrückfalls als Impulshandlung; die Ausweglosigkeit in seiner altmodischen Wohnung; ein 360-Grad-Schwenk der Isolation, der u.a. den onanierenden Vogel in seinem kargen Zimmer beleuchtet; idyllische Sequenzen zwischen Theo und Netti, die in echtem Sex münden, Knospen von Glück, wenn Netti sich in Belgien als Mensch freischwimmt.

Dabei darf der Zuschauer nie aus den Augen verlieren, dass der Filmtitel darauf zieht, dass Theo für seine Handlungen voll verantwortlich ist und dies auch weiß. Was er tut, tut er bewusst, er kann nur nicht anders. Das Finale ist lediglich schmerzhafte Konsequenz und basiert wieder auf einer freien Willensentscheidung – beinahe noch unerträglicher als die Schändung zu Beginn.

Nein, „Der Freie Wille“ macht nicht glücklich oder lässt den Zuschauer Vergewaltiger besser verstehen. Aber er erzählt eine gefühlvoll über erstorbene oder verkümmerte Gefühle und lässt so eine ganz eigene Zärtlichkeit der Bilder entstehen, neben Kälte, Grauen und Verzweiflung.
Glasner macht aus Theo einen Menschen, nie ein Monster und allein das ist den Film wert, dass er dem Zuschauer nicht einen vorverdauten Happen hinwirft, den dieser nur noch schlucken muß.
Es ist ein unbequemer, kraftraubendes Stück Zelluloid, bisweilen hässlich und widerlich, aber immer realistisch. Und Vogel ist in absoluter Topform – so hat sich ein Darsteller selten entblößt.

Soviel Kraft war selten – das entzieht sich jedem gängigen Bewertungsschema, weswegen dieses Review auch ohne Note bleibt.

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