Jürgen Vogel spielt einen Vergewaltiger, der in eine betreute Wohngemeinschaft kommt, nachdem er neun Jahre in einer Anstalt war. Während er versucht ein normales Leben zu führen und nicht rückfällig zu werden, lernt er eine junge Frau, gespielt von Sabine Timoteo, kennen, die jahrelang unter den psychischen Attacken ihres Vaters zu leiden hatte, und beginnt eine Beziehung, die seine inneren Dämonen jedoch nicht besänftigen kann.
Siegmund Freud sprach vom "Es", vom Triebhaften in einem jeden Menschen, das der Betreffende unter Kontrolle haben kann, oder, wie es bei mehrfachen Sexualstraftätern der Fall ist, auch nicht. Und Theo, die Hauptfigur, hat es definitiv nicht unter Kontrolle, er verprügelt und vergewaltigt eine Frau, versucht dann aber nach seiner Therapie ein normales, alltägliches Leben jenseits von Vergewaltigungs-Fantasien und seinen scheinbar unkontrollierbaren Dämonen zu führen. Aber -und das zeichnet den Film aus- er schafft es nicht. Trotz seiner scheinbar funktionierenden Beziehung, mit der er seinen Trieb endlich in den Griff bekommen will, in der auch Nettie, die sehr unter ihrem Vater leiden musste, Trost findet, wird er nicht Herr über seinen Trieb, seine Angst vor seinen eigenen Gefühlen, seinem Selbsthass, weswegen er schließlich, so sehr man sich als Zuschauer auch das genaue Gegenteil erhofft hatte, rückfällig wird und erneut eine Frau überfällt, verprügelt und vergewaltigt. Das Menschenbild, die Charakterkonstruktion, die Glasner und Vogel, die gemeinsam das Drehbuch verfassten, dabei zeichnen ist absolut depressiv und ernüchternd. Das Schicksal Theos, der niemals die nötige Selbstkontrolle finden kann, und auch nie finden wird, dessen gesamtes Leben von seinem Trieb kontrolliert wird und damit determiniert ist, ist dramatisch, mitreißend und derart trist, dass keinerlei Hass auf den mehrfachen Vergewaltiger gelenkt wird und ein wesentlich tieferer, vorurteilsfreier Einblick, jenseits von Gut und Böse, gegeben ist.
Die eigentliche Handlung wird dabei auf ein Minimum reduziert, was jedoch nicht heißt, dass der Film langweilig, eintönig oder redundant wäre. Gerade in dem enorm langsamen Erzähltempo, das Regisseur Matthias Glasner verwendet, liegt eine weitere Stärke des Films. Einmal lässt Glasner so genug Zeit, um die überragenden Darstellerleistungen auf sich wirken zu lassen, das Menschenbild zu reflektieren, andererseits sind auch die Passagen, in denen nicht gesprochen wird, in denen Vogel bei diversen Trainingseinheiten, oder auch beim Onanieren gezeigt wird, dringend notwendig, da sie die distanzierte Machart des Films unterstreichen und den Zuschauer von Anfang an in eine objektive Beobachterrolle drängen, die gerade bei diesem Werk von dringender Notwendigkeit ist, zudem verstärken sie den Eindruck der sozialen Isolation und der Einsamkeit der Hauptfigur.
Und auch ansonsten tut Glasner wirklich alles, um die triste, depressive, bestürzende und distanzierte Atmosphäre zu halten. Dazu gehört beispielsweise die merkwürdig farblose, sterile Farbgebung, die getragene Kameraführung, sowie der langsame Schnitt, die allesamt sehr gut gewählt sind. Auf Filmmusik wird dabei nahezu gänzlich verzichtet, die braucht der distanzierte und auch so mitreißende Film jedoch in kleinster Weise. Der Film baut so seine eigene Faszination auf und unterhält durchgehend, auch, wenn das Drama stellenweise etwas sperrig sein mag.
Das konsequent depressiv und negativ gezeichnete Menschenbild und die triste Atmosphäre finden ihre Höhepunkte immer wieder in den, mitunter sehr ausführlichen, expliziten und verstörenden Vergewaltigungsszenen, die den einen oder anderen Zuschauer vom Film abschrecken könnten. Aber gerade hier entfaltet der Film seine wahre Kraft, er verstört zutiefst, er reißt mit, er bewegt und zeigt, dass die Macher auch in Hinsicht auf die knallharten Sexszenen mit jeder nur denkbaren Konsequenz am Werk waren, wie man sie von deutschen Filmemachern nur selten zu sehen bekommt. Ein echtes Fazit hat der Film nicht, keinen Vorschlag, wie Theo seinem Schicksal hätte entgehen können, aber eine tiefere Überlegung über den freien Willen, den Theo nicht hat, über den Determinismus der Hauptfigur, die in keine Schublade gesteckt wird, und damit überzeugt der Film, auch wenn er im Endeffekt dann doch die eine oder andere Länge hat, voll und ganz.
Jürgen Vogel zeigt hier die beste Leistung, die man bisher von ihm gesehen hat. Nicht nur, dass Vogel bei sämtlichen Sexszenen zeigt, wie ernst ihm die Rolle gewesen sein muss, er entblößt sich förmlich vor der Kamera. Er spielt seine Figur einfach überragend, erzeugt Mitleid für den Sexualstraftäter, der von Angst und Selbstzweifel, sowie durch seine Isolation zerfressen wird, spielt seine Gefühle authentisch, aber distanziert genug, um eine Identifikation zu vermeiden, bringt aber auch die bestialischen Seiten seiner Figur, etwa bei den Vergewaltigungsszenen überwältigend gut auf die Leinwand und wird seinem Charakter somit in vollem Umfang gerecht. Aber auch Sabine Timoteo bringt ihre psychisch gequälte Figur, die ähnlich isoliert wie Theo ist und sich ebenfalls meist sehr reserviert verhält, hervorragend auf die Leinwand, genauso, wie der restliche Cast. Selten hat man von deutschen Darstellern derart gute Leistungen gesehen.
Fazit:
"Der freie Wille" ist einer der besten deutschen Filme seit der Jahrtausendwende. Das Schicksal des Sexualstraftäters, der von seinen Trieben beherrscht wird und in Angst, sozialer Isolation und Selbsthass versinkt, wird bewegend und vorurteilsfrei vermittelt, ohne, dass der Hass des Zuschauers auf den Vergewaltiger gelenkt würde. Inszenatorisch überzeugend, enorm trist, aber doch fesselnd und zu jedem Zeitpunkt distanziert und vor allem von Jürgen Vogel grandios gespielt befindet sich der Film jenseits aller Stereotypen und sei jedem ans Herz gelegt, der sich nicht an den expliziten Sexszenen stört, auch wenn sich die eine oder andere kleine Länge nicht verkennen lässt.
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