Review

Tristesse made in Germany

"Der Freie Wille" ist einer dieser Filme, die man gerne mal aufschiebt, für die richtige Stimmung, für den richtigen Abend, für einen Moment, in dem man sich stark genug fühlt - weil man weiß, dass das kein einfaches Ding wird, um es noch sehr diplomatisch auszudrücken... Wir folgen einem psychologisch noch immer schwer angeschlagenen Serienvergewaltiger nach fast zehnjähriger Haftstrafe in ein "normales" Leben - Rehabilitation, Rückfall, Reue? Oder Hoffnung, Neustart, Liebe?

Als ob Noe im Dogma95-Style auf den frühen Refn als episches deutsches Fernsehpsychospiel trifft...

In Deutschland wird viel oberflächlicher Kack produziert. 2006 genauso wie heute. Aber "Der Freie Wille" könnte davon nicht weiter entfernt sein und ist schlicht und ergreifend eine der intensivsten, brodelndsten und ungehemmtesten Erfahrung des deutschen oder gar europäischen Films, die man finden kann. Jürgen Vogel habe ich nie besser gesehen. Vollkommen furchtlos. Die Themen und Krankheiten und Schicksale sind brutal. Die Laufzeit ist berechtigt. Der Look ist trist, grau, hässlich wie die Nacht. Und die Stimmung ist extrem düster, zieht einen runter und zu Plätzen an die man eigentlich gar nicht hinwollte - die man danach aber doch irgendwie nicht mehr missen will. Zumindest als einmalige Erfahrung. Ein gewaltiger und gewalttätiger Abstieg in die angeschlagene Psyche. Ein Anschlag auf den Neuanfang. Eine Hinterfragung und Dekonstruktion von allem. Ein nihilistisches Gesamtkonstrukt der Schmerzen und Scherben. Danach will man sich waschen, danach kann man an dem Tag zumindest keinen anderen Film mehr gucken. Das nimmt Platz, das raubt Kraft, das bellt kaum und beißt dafür umso härter zu. Man spürt förmlich und jederzeit die innere Zerrissenheit des Protagonisten. Eine augenöffnende Bestandsaufnahme. Der Kampf mit den Trieben und dem Schicksal. Ein trostloses Täterprofil. Eine atemabschnürende, naturalistische Beobachtung der Schattenseiten der menschlichen Existenz. Pur, rau, hart as fuck. 

"Mach das Beste draus, Theo!"

Fazit: Einer der (körperlich wie seelisch) brutalsten Filme, die je in Deutschland gemacht wurden. Eine auslaugende, extrem unangenehme Erfahrung. Starkes Kino. Eine einzigartige Charakterstudie, die dahin geht, wo es weh tut. Sehr weh. Noch immer ein Schocker!

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