Review

In diesem Film geht es um ein wichtiges Thema, welches in den letzten Jahren immer mehr die Aufmerksamkeit der Massenmedien auf sich zog: Jugendkriminalität, die von Ausländern bzw. Deutschen mit Migrationshintergrund verübt wird. Diese Entwicklung war bereits in den 90er Jahren abzusehen, als der „Fall Mehmet“ (siehe Wikipedia) bundesweit für Schlagzeilen sorgte. Später wurden wir Zeuge der katastrophalen Umstände an der Rütli-Schule in Berlin, und spätestens seit dem Angriff auf einen Rentner in der Münchner U-Bahn ist das Thema in aller Munde.

Vom vorliegenden Film hab ich mir erhofft, dass er nicht nur den Alltag in Neukölln einfängt, sondern auch die Hintergründe vom dortigen kriminellen Verhalten beleuchtet. Dies ist nur teilweise geschehen, denn zureichend wird lediglich Michael charakterisiert. Der zieht mit seiner Mutter (die ihren aktuellen Macker verständlicherweise nicht mehr antörnt, hähä) von Berlin Zehlendorf nach Neukölln und erlebt erst mal einen fetten Kulturschock. Seine Schulklasse besteht zum Großteil aus Migranten, und der dortige Türkenchef Erol hat in ihm schon sein neuestes Opfer auserkoren.
Jetzt kommt das Übliche: Schläge in die Fresse, Michi wird abgezogen und Erol darf zeigen dass er weder verhaltens- noch sprachtechnisch in Deutschland integriert ist. Doch in Neukölln gibt es auch nette Ausländer, z.B. 2 lustige Russenbrüder, die ihr Geld lieber für Bier statt Essen ausgeben und sich dann in der heimischen Badewanne ordentlich auskotzen. Klar, Klischee, aber lustig umgesetzt, und irgendwie waren mir die 2 Spinner sympathisch. Über diese Beiden und weitere Umwege lernt unser Michi auch eine Arabergang kennen, die anscheinend die Pate-Trilogie zu oft gesehen hat. Zunächst werden zwanglos ein paar Worte gewechselt, geklaute Waren (von Mamas Ex) vercheckt, und später retten die Araber Michis Arsch vor Erol. Von nun steht er in der Schuld der „Familie“, was ihm aber durch den neuen sozialen Status (angesehen und unantastbar) nichts ausmacht. Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten, nur soviel: die Lage spitzt sich zu und es gibt kein Entkommen.

Kommen wir nun zu den Motiven der Teilnehmer an dieser Dreiecksgeschichte:
Michael musste den Himmel auf Erden verlassen und landet in der Hölle. Er wird mit Stress konfrontiert und muss Geld ranschaffen, weil Mami nichts auf die Reihe kriegt und er Schutzgeld zahlen muss. Seine daraus resultierenden Kontakte mit dem kriminellen Milieu sind also nachvollziehbar, denn er hat nichts zu verlieren.
Erol ist ein „Assikanake aus dem Bilderbuch“ (nach hinten gegelte Haare, prollig, ungebildet, gewalttätig), der anscheinend seine Mitschüler nur abzieht, weil er bereits zwei kleine Kinder durchbringen muss. Krass war die eine Szene als Michi ihm zufällig beim Tragen des Kinderwagens von der U-Bahn nach oben hilft. Erol nickt schüchtern und verschwindet, klinkt aber sofort wieder aus als Michi wegen einer anderen Sache zu den Bullen geht. Dieser Ansatz, Leute auszurauben als Beschaffungskriminalität um die Lebensmittel für den Nachwuchs finanzieren zu können, ist jedenfalls lachhaft. Zwar werden auch Handyvideos mit „Happy Slapping“ gezeigt, aber keine weitere Erklärung dazu abgegeben.
Hamal als schick gestylter Araberboss kommt überzeugend rüber, aber seine Beweggründe bleiben im Dunkeln. Warum hat er sich nicht für ein „normales“ Leben entschieden? Warum verlangt er von seinen Mitmenschen Dinge, die anscheinend mit seiner Ehre zu tun haben? Wie entstand diese Ehre und warum ist sie ihm so wichtig? Klar, als Krimineller will er mit den Strafverfolgungsbehörden so wenig wie möglich zu tun haben, aber das was am Ende veranstaltet wird, hätte man auch anders regeln können. Warum wurde das nicht getan?

Die Beantwortung all dieser Fragen, was das Leben der Migranten betrifft, welches ich persönlich (leider) nicht kenne, hätte mich interessiert, aber darauf gibt es keine Antworten. Ansonsten ist der Film rasant, modern inszeniert (wichtig weil aktuelles Thema), nie langweilig und teilweise auch witzig in Bezug auf diverse Sprüche. Das Ende fand ich übertrieben, vor allem weil es weitreichende Konsequenzen hat, die nicht mehr gezeigt werden. Hier wird also mit dem Holzschlaghammer klargemacht: denkt selber nach bevor Ihr so oder so handelt.
Ich vermute und befürchte zwar, dass weite Teile der Zielgruppe dazu geistig nicht in der Lage sind, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Die Polizeiliche Kriminalstatistik spricht jedenfalls eine andere Sprache, und so sollte der Film meiner Meinung nach auch betrachtet werden: als Bestandsaufnahme eines akuten gesellschaftlichen Problems, das unüberhörbar nach einer Lösung schreit. Hierbei sollte man aber mehr zu bieten haben als „Mehr Geld für sozial Benachteiligte, dann sind die weniger kriminell“ oder „Wir müssen die Ausländer besser integrieren“. Geld bekommt man auch auf illegalem Weg, und Integration funktioniert nur, wenn beide Seiten das wollen. Dazu müssen bei den entsprechenden Bevölkerungsteilen Anreize geschaffen werden, was dieser Film weitestgehend ausblendet. Trotz dieser eklatanten Schwäche gebe ich ihm 7 von 10 Punkten weil es mich erstens freut, dass ein angesehener Regisseur sich eines solchen Themas annimmt (und dieses somit in den Fokus der Öffentlichkeit rückt) und zweitens weil der Film spannend und unterhaltsam ist.

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