David Kross spielt einen 15-jährigen, der mit seiner Mutter, gespielt von Jenny Elvers-Elbertzhagen, von Berlin Zehlendorf in eine Wohnung nach Neuköln ziehen muss, da diese von ihrem wohlhabenden Liebhaber verlassen wurde. Während seine Mutter bereits nach einem neuen potentiellen Ernährer sucht, wird er von einer Gang terrorisiert, begeht seinen ersten Einbruch und beginnt schließlich sogar als Drogenkurier für einen Dealer zu arbeiten, worüber er immer tiefer in den Sumpf aus Verbrechen und Gewalt rutscht.
Während es dutzende Gossen- und Ghetto-Dramen aus Amerika gibt, die sich etwa mit dem Leben in Arbeiter- und Autobauerstädten befassen, oder mit dem beliebtesten Schauplatz für solche Straßendramen, der Bronx, gibt es relativ wenige Beispiele aus Deutschland über soziale Brennpunkte wie eben Neuköln. Da dieser Brennpunkt mehr oder weniger vor der Haustür des deutschen Zuschauers liegt, die meisten Zuschauer sogar schon selbst in Berlin waren, in der U-Bahn, mit der der junge Michael fährt, waren, vielleicht schon selbst durch Neuköln oder Tempelhof gegangen sind, oder sogar in der Stadt leben, hätte der Film einen wesentlich schonungsloseren Effekt als Dramen aus der Bronx, die sogar auf einem anderen Kontinent liegt und die die meisten deutschen Zuschauer nur aus Erzählungen kennen, haben können, was der Film, der zwar nicht schlecht ist, leider nicht erreicht.
Die Milieustudie des exemplarisch gewählten sozialen Brennpunktes Neuköln ist im Großen und Ganzen gelungen, zum einen weil verschiedene Facetten des Krisenpunktes beleuchtet werden, wie etwa das Problem brutaler Jugendbanden, der Außenseiter, die wiederum von den Banden terrorisiert werden, überforderter, meist arbeitsloser, bzw. alleinerziehender Eltern, bis hin zum organisierten Verbrechen, das aus den Missständen seinen Profit zieht, zum andern, da all dies im Großen und Ganzen im Rahmen des Realistischen, Authentischen bleibt, ohne übertriebene Dramatisierungen geschieht. Die Größe einer Milieustudie wie "Taxi Driver", "In den Straßen der Bronx" oder "Es war einmal in Amerika" erreicht der Film, der bei seinen Darstellungen teilweise auch an seiner knapp bemessenen Laufzeit krankt, dabei jedoch nicht.
Die Charakterkonstruktion der Hauptfigur, des Außenseiters, der Probleme mit den Jugendbanden bekommt und sich immer weiter von seiner Mutter distanziert, gelingt durchaus, wobei bei dem kriminellen Aufstieg des 15-jährigen, beim Abrutsch in einen Sumpf aus Verbrechen, leider einige typische Genre-Klischees verwendet werden, die das Geschehen mitunter etwas kalkulierbar gestalten. Darüber hinaus kann es nicht im Sinn des Autoren gewesen sein, dass die, sich anbahnende Liebesbeziehung zwischen der Hauptfigur und einem Mädchen aus der Klasse einfach so ins Leere läuft, während den verschiedenen Dates und Affären der Mutter sehr viel Laufzeit eingeräumt wird, worunter die Konstruktion der eigentlichen Hauptfigur stellenweise leidet. Da das gelungene Finale dabei nach und nach vorbereitet wird, ist die Story aber auch in dieser Hinsicht solide.
Um den Film authentisch wirken zu lassen hat sich Detlev Buck einiges vorgenommen. So verwendet er meist Handkameras beim Dreh, lässt die Kamera stellenweise aus einem Straßenwinkel das Geschehen beobachten, um den Eindruck der Authentizität zu erhöhen, um dem Zuschauer den Eindruck zu vermitteln, er sei direkt dabei. Da die Story jedoch realistisch genug ist und auch die Darsteller ihren Teil zur Authentizität des Werkes beitragen, ist dieses Stilmittel jedoch überflüssig und das ewige Gewackel nervt spätestens ab der 30. Minute. Die Farblosigkeit des Films passt dafür ganz gut und erhöht die triste Atmosphäre, lässt Neuköln noch dreckiger, noch verkommener, noch trostloser wirken, auch wenn der Grauton im Endeffekt die Distanz des Zuschauers zum Geschehen, an dem er eigentlich direkt beteiligt werden soll, erhöht. Auch ansonsten ist das Berliner Stadtviertel gelungen und realistisch in Szene gesetzt. Die musikalische Unterlegung ist meist stimmig, wobei Buck, der zuvor eigentlich hauptsächlich mit Komödien wie "Wir können auch anders..." und "Männerpension" in Erscheinung trat, auf die aggressive, geschmacklose Gossenmusik, die er gelegentlich einsetzt durchaus hätte verzichten können, auch wenn sie ganz gut in den Film passen mögen. Erzählerische Mängel sind, wie erwähnt, unter Anderem, dass der Konstruktion der Mutter zu viel Zeit zugestanden wird, während man den Plot um den jungen Michael durchaus hätte verlängern können, aber unterm Strich ist das Erzähltempo gut genug gewählt, dass der Film die Dramatik permanent steigert, bis hin zum schonungslosen Finale, das durchaus einen faden Beigeschmack entfaltet, aber nicht die verstörende Wirkung eines "American History X" oder eines "Hooligans" erreicht (überhaupt hätte Buck die FSK ab 16-Freigabe nicht scheuen sollen).
David Kross, der nach "Der Vorleser" und "Krabat" als einer der vielversprechendsten deutschen Nachwuchsdarsteller gefeiert wird, zeigt hier eine ordentliche, und in Anbetracht dessen, dass dies seine erste größere Rolle ist überraschend gute Leistung. Er stellt den Außenseiter gelungen dar, die Tristesse des Lebens, das er nun führen muss, steht ihm förmlich ins Gesicht geschrieben und darüber hinaus ist die Darstellung realistisch genug, um seiner Figur eine gewisse Glaubhaftigkeit zu vermitteln. Stellenweise ist seine Darstellung dann vielleicht ein wenig zu mimikarm, die eine oder andere schwache Szene lässt sich auch nicht leugnen, aber im Großen und Ganzen leistet er souveräne Arbeit. Noch überraschender als die Leistung des jungen Debütanten ist die von Jenny Elvers-Elbertzhagen, die zuvor für jeden Film mit schlechten Kritiken überhäuft wurde und nur durch freizügige Darstellungen in die Schlagzeilen kam, die hier die beste Leistung ihrer Karriere abliefert. Als Mutter, die einen neuen Ernährer für sich und ihren Sohn sucht, wobei sie mit halb Neuköln ins Bett geht, leistet sie gelungene Arbeit, spielt sämtliche Dialogszenen fehlerfrei und authentisch und ist mitunter sogar ein bisschen ironisch. Der übrige Cast ist ordentlich besetzt, so überzeugt Erhan Emre als Pate von Neuköln, genauso, wie der junge Oktay Özdemir als brutaler Schläger.
Fazit:
"Knallhart" liefert einen realistischen Einblick in einen sozialen Brennpunkt, besticht durch gute Darsteller und ein schonungsloses Finale, sowie durch die ordentliche Konstruktion der Hauptfigur. Bei der Inszenierung macht Buck jedoch zu viele Fehler, wie beispielsweise die wackelnde Kamera, oder die mangelnde Schwerpunktsetzung auf den zentralen Charakter, um über das Mittelmaß hinauszukommen. Darüber hinaus hätte der Film härtere Gewaltszenen und eine länger Laufzeit benötigt, um gute Ansätze weiter ausbauen zu können.
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