Review
von Alex Kiensch
An einer Highway-Raststätte drängt sich die junge Anhalterin Vivienne (Emily Hampshire) bei dem älteren Alex (Alan Rickman) auf. Nach kurzem Überlegen nimmt er sie mit. Tatsächlich findet er die quirlige junge Frau bald sehr sympathisch. Doch dann wird der Wagen von einem Laster gerammt, Vivienne stirbt. Unter Schock findet Alex die Adresse ihrer Mutter heraus und besucht sie, um sich zu entschuldigen. Dabei stellt er fest, dass Linda (Sigourney Weaver) Autistin ist und den Tod ihrer Tochter erstaunlich gelassen überwindet. Wider Erwarten freunden sich Alex und Linda an.
Mit zurückhaltender Kamera, in lockeren, einfachen Bilder, die doch immer wieder poetisch werden, erzählt "Snow Cake" die Geschichte einer Frau, die gerade durch ihr "Anderssein" viele Dinge viel einfacher verwinden kann als die Menschen um sie herum. In Lindas Verhalten gibt es keine komplizierten Gefühle und Erinnerungen, sie nimmt die Dinge, wie sie sind - so erwidert sie auf den Kommentar von Alex, ihre Tochter habe sich sicher eine schöne Trauerfeier gewünscht: "Sie hätte sich gewünscht, am Leben zu sein." Mit solchen einfachen und direkten Wahrheiten stößt sie natürlich ihre Mitmenschen immer wieder vor den Kopf - besonders amüsant in Form einer aufdringlich-wichtigtuerischen Nachbarin - entblößt damit aber zugleich Heuchelei und Schönfärberei der "gewöhnlichen" Gesellschaft.
Getragen wird diese herzerwärmende Charakterstudie von den beiden Hauptdarstellern. Alan Rickman verleiht seinem Alex eine subtile Verletzlichkeit, die ihn trotz etwas starrer Gesichtszüge zutiefst sympathisch macht. Und auch wenn es anfangs etwas ungewohnt ist, die knallharte "Alien"-Kämpferin Sigourney Weaver als Autistin kindhaft durch den Schnee toben zu sehen, macht sie ihre Sache so überzeugend und authentisch, dass man ihr die lebensfrohe, direkte und unverkrampfte Frau vollkommen abnimmt. Mit Mimik und Gestik geht sie voll in ihrer Rolle auf und gibt Linda Stärken und Schwächen, Ängste und Hoffnungen so intensiv mit, dass es wie aus dem wahren Leben wirkt.
Auch wenn "Snow Cake" besonders in der ersten Hälfte immer wieder tieftraurige Momente aufzeigt, bleibt er insgesamt doch lebensbejahend und positiv - und das trotz der sehr ernsten Themen, die er aufgreift. In den Figuren und ihren Schicksalen manifestieren sich Ängste und Schuldgefühle, unverzeihliche Fehler, mit denen man leben muss, und der immer wieder schwierige Umgang mit dem Tod. Besonders schön ist in diesem Zusammenhang die sich subtil entblätternde Aussage, dass gerade die Person, der man gemeinhin am wenigsten geistige Kräfte zuspricht, am besten mit diesen schweren Situationen umgehen kann. So ist der Film auch ein liebevolles Plädoyer für die Einfachheit und Ehrlichkeit, mit der Autisten ihr Leben angehen.
Zwar kommt "Snow Cake" nicht ganz ohne Klischees aus und die eine oder andere Szene wird auch gar zu kitschig. Aber dank der natürlich und unbeschwert agierenden Darsteller, einem schönen, herzergreifenden Soundtrack und so simplen wie doch immer wieder überraschend poetischen Bildern ist er ergreifend und tief berührend. Und er macht Mut: Denn trotz diverser Rückschläge geht das Leben am Ende doch einfach weiter. Und da ist es doch am besten, wenn man es wie Linda macht: Sich einfach über den Schnee freut und den Moment genießt.